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Gegen die Wand

von Anne Peter

Minsk, 1. Juli 2008. Schnurstracks nach Osten. 18 Schlafwagenstunden, 960 Kilometer Luftlinie, zwei Ländergrenzen und sehr viel flaches, grünes Land liegen zwischen Berlin und der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Das sind drei Fünftel der Strecke nach Moskau.

Am Stadtrand von Minsk, in einem kleinen, heruntergekommenen Haus, in dessen wildem Garten sich Gerümpel stapelt, hat das oppositionelle Theater ein Obdach gefunden: Hier probt und spielt das "Freie Theater Belarus". Belarus, so lautet der landessprachlichen Schreibweise gemäß auch die korrekte Bezeichnung der ehemaligen Sowjet-Republik Weißrussland. Viele Belarussen legen großen Wert auf diese Wortverwendung, um sich dadurch möglichst deutlich von den Zeiten russischer und sowjetischer Vorherrschaft abzugrenzen.

Durch das Auge hindurch

Die Fenster des Hauses sind mit Styropor und schwarzer Folie verklebt, der Boden ist schwarz lackiert. Zwischen dem ehemaligen Wohn- und Nebenzimmer hat man die Wand herausgerissen. Wenn in diesem 36 qm großen Raum Vorstellungen stattfinden, drängen sich bis zu fünfzig junge, meist studentische Zuschauer auf Bänken und Boden eng zusammen, die Schauspieler stets zum Greifen nah. Heute Abend gehört dieser winzige Bühnenraum dem Besuch aus Berlin.

Gegen die Wand lehnt sich ein zierlicher Körper in türkisem Kapuzenshirt und Sporthose. Ganz dicht, zunächst fast zärtlich schmiegt sich die junge Frau ans Mauerwerk, so als wolle sie darin verschwinden. Oder durch es hindurch. Doch die Wand hält stand, der Körper prallt gegen den Stein. Immer heftiger rennt die Schauspielerin Claudia Eisinger gegen die Wände um sie herum an, stößt sich schließlich von ihnen ab und kreiselt mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen, Flügeln gleich.

Im Alleingang spielt die 23jährige Berlinerin Dea Lohers dramatischen Prosatext "Die Schere", eine verdichtete, an der sozialen Peripherie angesiedelte Vater-Mutter-Kind-Geschichte. Darin entscheidet sich ein zwischen Fabrik-überarbeiteter Mutter und arbeitslos gewordenem Alkoholiker-Vater ganz auf sich gestelltes Mädchen schließlich für den denkbar radikalsten Ausweg aus der alltäglichen Trostlosigkeitsschleife: die Selbsttötung, "die Auslöschung des Gehirns". Dort hinein stößt es sich, durch das Auge hindurch, die titelgebende Schere.

Im Seelenausnahmezustand

"Ich bin eine Stimme, die an die beteiligten Personen ausgeliehen wird", – Claudia Eisinger wechselt virtuos zwischen den Rollen der einzelnen Familienglieder, wirft sich erst in diesen, dann in jenen Seelenausnahmezustand und kehrt zwischendurch immer wieder zur ruhig erzählenden Distanz zurück. Der Mutter verleiht sie streng-hektische Überforderungsgestik, den Vater lässt sie "Biiiier!"-schreiend (und Wasser-spritzend) durchdrehen. Als Kind reckt sie ob dessen Selbständigkeit eine trotzige Faust in die Höhe. Getragen wird die Schauspielerin dabei live von der E-Gitarre des Komponisten Fabian Kalkers, der sie beim Wechseln von Stimmen und Stimmungen stützt oder sie aufpeitscht, die atmosphärische Grundlage zum An-der-Wand-Niedersinken oder betrunkenen Toben schafft.

"Als die Idee für das Gastspiel entstanden ist, hatte ich natürlich besonders diese Szene im Sinn", sagt Regisseur Kai Ohrem (Jahrgang 1978) nach der Minsker Vorstellung über diese Gegen-die-Wand-Sequenz. Auf seine Initiative hin ist die Produktion mit Unterstützung des Goethe-Instituts aus dem kleinen Berliner Hinterhof-Off-Theater Eigenreich nach Minsk gereist, zum Freien Theater Belarus.

Das Freie Theater ist eine Ausnahmeerscheinung in dem Land, dessen Präsident Alexander Lukaschenko nicht nur von Condoleezza Rice der "letzte Diktator Europas" genannt wird. Mit totalitärer Hand herrscht er über die zehn Millionen Einwohner, die weder demonstrieren noch frei wählen, reden oder publizieren dürfen. Frei Theater machen natürlich auch nicht.

Rückzug in den Untergrund

Seit 2005 Vladimir Scherbans Inszenierung von Sarah Kanes "Psychose 4.48" am Yanka-Kupala-Staatstheater verboten wurde, haben sich hier in der Initiative "Freies Theater" all jene Theatermacher in den Untergrund zurückgezogen, die sich nicht von der staatlichen Kulturpolitik auf dem sehr engen Raum eines – gelinde gesagt – antiquierten Kunstverständnisses zusammenpferchen lassen wollen. Scherban gibt hier weiterhin meist den Regie-Ton an.

Eine Theaterlandschaft jenseits der Staatstheater mit ihren vom Kulturministerium streng kontrollierten Spielplänen gibt es praktisch nicht. Und vor allem werden die Staatstheater von Schwanensee-Ballerinen, opulenten Operninszenierungen, Partisanenstücken aus Sowjet-Zeiten, russischen Klassikern und viel Boulevard geprägt. Hauptsache schön, unterhaltsam und harmlos.

Das Projekt "Freies Theater" sei erst beendet, wenn sich das politische System in ihrem Land "von einem diktatorischen Regime zur Demokratie gewandelt hat", schreibt die Mitbegründerin der Gruppe, Natalia Koliada, in einem Manifest auf der Website des Theaters. Sie leitet das derzeit siebenköpfige Ensemble gemeinsam mit ihrem Mann Nicolai Khalezin, der selbst Dramatiker ist, dessen Stücke jedoch offiziell nicht gespielt werden dürfen.

Sein neuestes Stück studiert er deshalb gerade wieder einmal undercover mit dem Freien Theater ein. Es handelt von jenen Menschen, die in Belarus jährlich verschleppt werden und nie wieder auftauchen. Der Stoff basiert auf der realen Geschichte eines befreundeten Ehepaars: Der Geschäftsmann, der die Opposition unterstützte, verschwand 1999 spurlos, seine Frau lebt mittlerweile in den USA.

Das Gastspiel als Geste

Bei Demonstrationen gegen das Lukaschenko-Regime auf dem zentralen Oktoberplatz am 25. März diesen Jahres, den die Oppositionsbewegung in Erinnerung an die Ausrufung der ersten unabhängigen belarussischen Volksrepublik im Jahr 1918 als "Tag der Freiheit" beging, sind viele der friedlichen Protestierer festgenommen und teilweise zu zweiwöchigen Haftstrafen verurteilt worden.

"Darunter waren auch Leute, die ich kannte", erzählt Kai Ohrem, der hier Anfang des Jahres mit den belarussischen Schauspielern Dea Lohers Stück "Berliner Geschichte" inszeniert hat. Das Freie Theater hatte ihn als Gastregisseur nach Minsk eingeladen, nachdem er Vladimir Scherban im November 2007 im Rahmen einer Übersetzerwerkstatt in Frankreich kennengelernt hatte.

"Diese Arbeit zählt für die Schauspieler und mich mit zum Seltsamsten, das wir je gemacht haben", meint er lachend. Und schildert, wie schwer es war, die Schauspieler, die nach der Stanislawski-Methode ausgebildet und einen eher autoritären Regiestil gewöhnt sind, dazu zu bewegen, eigene Ideen und Spielvorschläge einzubringen. Übrigens konnte er sich mit den Schauspielern nur auf Umwegen verständigen, etwa über die französisch sprechende Assistentin.

Die Aufführung seiner Berliner Inszenierung des Stücks "Die Schere" in Minsk versteht er ganz klar als eine Geste der Solidarität. "Als ich von den Repressionen im März hörte, wollte ich ein Gastspiel hierher bringen, einfach deshalb, um den Leuten zu zeigen, dass man sie nicht vergessen hat."

Baustelle Minsk

Dabei ist die Lage des Freien Theaters Belarus paradox: Während die Vorstellungen zu Hause nur im Verborgenen stattfinden dürfen, ist die Truppe im Westen mittlerweile begehrter Festivalgast, etwa bei der Wiesbadener Biennale oder dem Münchner "Spielart"-Festival. Die Ausreise wird von den Behörden gestattet: Die Regierung hofft anscheinend, dass die Kunst-Querulanten irgendwann einfach wegbleiben. Den Khalezins hat sie im Falle der Emigration sogar finanzielle Unterstützung zugesagt.

Doch die kehren immer wieder zurück, so groß die Versuchung manchmal wohl auch sein mag. Derart leicht indes möchte man dem Gegner das Feld nicht überlassen. Das unterstreicht auch Kai Ohrem: "Die Baustelle ist hier, in Minsk", weshalb er auch seine Dea-Loher-Inszenierung dort zeigen wollte.

Den wachsenden Hype um das Freie Theater Belarus im Westen betrachtet er mit Skepsis und sieht die Gefahr, dass der einladende Westen in die "Exotismus-Falle" tappt, sich spannendes Untergrundtheater einkauft, und dabei eher einem oberflächlichen Radical Chic verfällt, statt der künstlerischen Substanz, die auch bei Einladungen des Freien Theaters Belarus in den Westen im Zentrum stehen sollte.

Vor kurzem ließ man dem Freien Theater Belarus bei der Verleihung des Europäischen Theaterpreises in Thessaloniki eine "besondere Erwähnung" zuteil werden, "aufgrund seines Widerstands gegen die Unterdrückung durch die weißrussische Regierung". Vorgeschlagen hatten dies drei prominente Unterstützer der Gruppe, Vaclav Havel, Harold Pinter und Tom Stoppard. Stoppard hat in Minsk auch schon ein Seminar für junge belarussische Dramatiker gehalten.

 

 

(Foto: Fabian Kalker)


Premierenparties als Hochzeitsfeier getarnt

Auf diese ideelle Unterstützung ist das Theater ebenso dringend angewiesen, wie auf finanzielle Hilfe. Die Schauspieler, die vorher fast alle an staatlichen Theatern engagiert waren, haben, seit sie hier Theater spielen, bis auf eine Ausnahme inzwischen ihre Engagements verloren.

Weil sie in öffentlichen Theatern nicht auftreten dürfen, weichen sie auf andere Räume aus, auf Cafés oder Privaträume. Sogar im Wald haben sie schon gespielt. Zwei Lokalen, die dem Freien Theater Auftritte ermöglichten, wurde daraufhin die Lizenz entzogen. Vorstellungsdaten werden per E-Mail-Verteiler oder SMS weitergegeben – mittlerweile müssen schon Reservierungs-Listen geführt werden, so groß ist der Andrang. Und das, obwohl im letzten September bei einer Premiere das gesamte Team kurzzeitig verhaftet wurde. Das Publikum inklusive.

Im Grunde müsse man bei jeder Vorstellung darauf gefasst sein, dass irgendwann Leute von Militär oder Geheimdienst – der in diesem, an Sowjet-Zeiten orientierten Land übrigens immer noch KGB heißt – im Raum stehen, meint Maryia, die Managerin des Freien Theaters. Nicht jedes Mal greifen sie auch ein. Ein wenig Schutz bietet zum Beispiel die Anwesenheit ausländischer Diplomaten oder Journalisten. Premierenparties werden schon mal als Hochzeitsfeier getarnt, mit echtem Brautpaar, versteht sich.

Vorstoß in Schweige- und Wegschau-Zonen

Wenn man jenseits der sozialistischen Plattenbaumassive durch die auffallend sauberen Prachtstraßen der Minsker Innenstadt läuft, wo der Stuck an den historisierenden Fassaden aus Beton und tatsächlich kaum ein Gebäude älter als sechzig Jahre ist, könnte man denken, hier lebten ausschließlich glückliche Menschen. Sie sitzen in Cafés oder am Ufer der Swislatsch, spazieren durch die großzügigen Grünanlagen und fahren im Gorki-Park Karussell. Überall prangen Plakate, auf denen strahlende Menschen mit Militarmützen staatstragende Propaganda-Parolen illustrieren. Später erzählt jemand, dass die Stadt nur deshalb so sauber ist, weil Arbeitslose für einen Hungerlohn als Putz- und Gartentrupps verpflichtet werden.

Offiziell gibt es in Belarus freilich ebenso wenig Arbeitslose wie Alkoholiker, Drogenabhängige oder Selbstmörder. Gerade deshalb ist es wichtig, den Blick auf jene abgelegenen Realitäten zu richten, die in diesen Erhebungen nicht vorkommen. Einfach davon erzählen, was ist.

"Zone des Schweigens", so etwa heißt das jüngste Projekt Vladimir Scherbans, dessen dritter Teil in Thessaloniki uraufgeführt wurde und der andere, inoffizielle Statistiken zum Ausgangspunkt nimmt: Suizidraten, psychische Krankheiten, ungleiche Behandlung von Männern und Frauen. Auch Dea Lohers "Die Schere" stößt in solche Schweige- und Wegschau-Zonen vor – und gewinnt in dem fremden Kontext, für den eine Minsker Schauspielerin die belarussische Übersetzung knapp versetzt in den deutschen Text hineinspricht, noch an Dringlichkeit. Claudia Eisingers Sturm gegen die Wand: Der wird auf einmal sehr groß, an diesem Ort, wo so vieles zum Wände-Einrennen ist.

 


Freies Theater Belarus
Minsk, Republik Belarus
www.dramaturg.org

Theater Eigenreich
Berlin, Deutschland
www.eigenreich-berlin.de