Der gehörlose Sohn des Musiklehrers

von René Pollesch

Halle, 29. Juni 2008. Ich würde mich als Teil des Lebenswerkes von Andrzej Wirth bezeichnen, für das er heute diesen Preis erhält, und als solches spreche ich zu Ihnen.

Der oder das Teil des Lebenswerkes, das hier jetzt eine Laudatio hält, sieht eines Tages zu, wie die Zuhörerreihen oder auch Zuschauerreihen eines Hörsaals im Philosophicum II der Justus-Liebig-Universität in Gießen weggeflext werden. Endlich! Um Platz für eine Probebühne zu schaffen. Ein Theater ohne Publikum!

Der hier Geehrte schaut zu – geduldig – wie die Stuhlreihen eine nach der anderen fallen, und erklärt die Sägearbeiten zur Performance. Was für ein theatralischer Vorgang, die Umwandlung eines Hörsaals in eine Bühne, unter Vermeidung aller strukturellen Ähnlichkeiten! Die Zuschauerreihen werden ausradiert, weil die Richtungen nicht stimmen.

Angewandte Beseitigung

Die eine Richtung der Unterweisung, von oben nach unten, oder von hier nach da. Und die andere: das Einnehmen der Zuschauerseite, von unten nach oben, von hier nach da. In Brechts Lehrstücken zum Beispiel muss keiner die Zuschauerseite einnehmen. Von dort aus werden meistens eh die falschen Entscheidungen getroffen. Da sitzen nämlich vor allem der Regisseur, der Dramaturg, das künstlerische Betriebsbüro. Auf der Zuschauerseite. (Das sage ich nur, falls jetzt irgendwer denkt, das hier Vorgetragene richte sich gegen den Zuschauer.)

Den Unterweisungscharakter, den der hier Geehrte in den deutschen Theatern immer wieder markierte, das Be-lehrstück, hat er selbst nie repräsentiert. Der Geehrte hat sich lange Zeit dem Radikalsten gewidmet, was Brecht hergeben konnte, dem Lehrstück. Und zwar der Anwendung des Lehrstücks. Der angewendeten Beseitigung der Zuschauerposition.

Brechts radikaler Lehrstückgedanke ist nicht so leicht zu neutralisieren wie eine Mutter Courage, sondern wird lediglich, aber ziemlich oft, als zu exotisch weggewischt. Theater ohne Publikum? Was soll das sein? Das ist zu exotisch. Und vielleicht kann der Gedanke deshalb immer noch was von seiner Radikalität bewahren. Ein Theater bei dem nicht alle sofort auf die Meta-Ebene wollen.

Matrix ohne Erleuchtung

Dem Teil des Lebenswerks, das hier jetzt eine Laudatio hält, wurden keine Geheimnisse enthüllt von einem Helden der nur unterwegs ist, um ein leuchtendes Objekt über die Matrix der Welt hinweg oder durch sie hindurch zu verfolgen. Andrzej Wirths Lebenswerk kommt eher an eine Stimme heran im Hier und Jetzt als an ein leuchtendes Objekt, dass er bis hierhin verfolgt hat. Deshalb muss ich auch nicht heroisch von einem leuchtenden Objekt reden.

Der Teil des Lebenswerks, der hier eine Laudatio hält, profitierte vor allem von dem Hier und Jetzt der Stimme des hier Geehrten. Klaus Michael Grübers "Hamlet" endet mit dem Herunterlassen des Eisernen Vorhangs, des Feuervorhangs also, und ich höre den Geehrten sagen: Hamlet wird gefeuert. Um dabei mitzuhören: Einer ist keiner. Einer ist zuviel.

Er fand eine Frage von Robert Wilson bemerkenswert an der Schaubühne der achtziger Jahre, der Schaubühne von "Death, Destruction & Detroit", und zwar die Frage nach den Schauspielern, die nicht vierzig sind. Die Schaubühne sah sich gegenseitig an, es gab keine. Auch hier gilt: alle wollen sofort auf die Meta-Ebene und keiner sieht, was hier vor sich geht. Aber nur da ist die Sprache des Theaters, und während den Rezensenten angesichts von Wilson in den achtziger Jahren das Vokabular ausgeht, findet der hier Geehrte eine Stimme im Hier und Jetzt!

Sommernachtsklage über Sinnverlust

Mit dem Teil des Lebenswerks, das eine Laudatio hält, ist es aber nicht wie mit dem scheußlichen Hollywoodfilm: Mister Hollands Opus, in dem am Ende die Musikschüler eines Mister Holland ihm als das eigentliche Opus erscheinen. Nein, ein solches Melodram ist hier nicht gemeint mit: Ein Teil des Lebenswerks hält eine Laudatio. Am Ende des Films sitzen seine Musikschüler vor ihm als Mister Hollands Opus und führen das von ihm komponierte Fragment einer Sinfonie auf, das der gehörlose Sohn des Musiklehrers entwendet hat.

Die Rührung besteht darin, dass der Film einen Anfang und ein Ende hat und die ganze lange Zeit dazwischen. Ohne die beiden, Anfang und Ende, wäre niemand berührt. Ich glaube, wie Andrzej Wirth, nicht an Geschichten, die Anfang und Ende haben, sondern an Fortsetzungen, Unterbrechungen, Reformulierungen.

Andrzej T. Wirth ist die Angewandte Theaterwissenschaft.

Unter der Anleitung des hier Geehrten widmen wir uns früh einem Theater ohne Drama. Und vielleicht klingt das jetzt gleich wie ein Witz, aber das nächste Projekt, das anstehen würde wäre "die Premiere ohne Drama", "die Probe ohne Drama", die Organisation einer Probe ohne Drama, und als Teil des hier geehrten Lebenswerkes, bin ich da auf einem guten Weg. Ich glaube ernsthaft, es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen allem, was nicht-dramatisch ist: Der Theaterabend ohne Drama und das Weglassen der Dramen um eine bevorstehende Premiere herum. Da muss es Ähnlichkeiten geben.

Der erste Theaterabend des Teils des Lebenswerkes unter Anleitung des hier Geehrten hieß: Sommernachtsklage über Sinnverlust. Obwohl unser erster Autor kein Dramatiker war, sondern der Philosoph Odo Marquard, fühlte er sich sofort missverstanden und er missverstand unsere Theatralisierung eines seiner Essays als Parodie. Aber als Parodie missversteht die Norm eben meistens das, was nicht alle machen. Wenn es ein paar mehr Leute machen würden wäre es eine Revolution.

Dimensionen einer Infektion

Das Ausradieren der Hörerreihen, gegen ein einseitig ausgerichtetes Kommunikationsmodell von Theater im Hörsaal einer Uni und seine Deklaration zum theatralischen Vorgang durch den Geehrten, hat für den Teil des Lebenswerkes, das hier eine Laudatio hält, nicht die Dimension eines Geheimnisses, das mir enthüllt wurde, sondern die einer Infektion. Durch die Begegnung mit dem hier Geehrten konnte ich kurz nach der Infektion oft Aufschreie des Entsetzens auslösen unter Regisseuren und Dramatikern, denen ich Brechts Lehrstücke als ein Theater ohne Publikum anpries und als ein Theater ohne Proben.

Ich meine, die kannten und liebten Brecht, so wie er weltweit aufgeführt und neutralisiert wird, aber der Gedanke eines Theaters, das einfach das Publikum wegließ oder die Proben, brachte alle aus dem Häuschen. Man fühlt sich mit einem Schlag um den kleinsten Nenner gebracht, auf den man sich in der gesamten westlichen Theaterwelt einigen konnte. DA sind die Schauspieler und DA ist das Publikum, und zwischen diesen beiden stabilen Pfeilern spielen sich die Entscheidungen im Theaterbetrieb ab.

Als Josef Beuys die Empfehlung aussprach die Berliner Mauer um 5 cm zu erhöhen, wegen besserer Proportionen, berührte er gleichzeitig einen Punkt, der normalerweise diffus bleibt: irgendwer hat sich mal über die Höhe wirklich ernsthafte Gedanken gemacht und laut Beuys die falsche Entscheidung getroffen: Der Regisseur, der Dramaturg, das künstlerische Betriebsbüro!
Die Zuschauerreihen zu flexen ist keine Masche oder Mode oder etwas, das man mal machen kann, weil man sonst schon alles gemacht hat.

Heucheln, dass uns andere Leben berühren

Das Lehrstück ist vielleicht das geeignete Medium für die Unmöglichkeit, weiter zu heucheln, dass uns die anderen Leben berühren oder die Geschichten davon oder die historische Wahrheit über den Menschen, unter die wir unsere Leben unterordnen sollen. Eine bessere Frage wäre, wo berühren die Leben uns wirklich, also politisch und nicht nur da, wo wir gezwungen sind, uns Geschichten unserer Gemeinsamkeiten zu erzählen. Das Dilemma der Geschichten ist das Fehlen eines gemeinsamen Ortes, von dem aus sie erzählt werden. Und dieser Ort ist nicht das Theater. Es wäre vielleicht ein Ort ohne Zuschauerposition. Wie das Lehrstück. Also eher ein Topos.

Wenn vor Josef Ackermann im Zuschauerraum des Admiralspalastes in Berlin Brechts: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" vom singenden Ensemble missverstanden wird als Gebt-allen-was-zu-fressen- oder Bekämpft-den-Hunger-in-der-Welt-Mist, also als Jammern darüber, dass die Moral leider zuletzt kommt, und nicht als radikale Absage an die Moral, dann bleibt Josef Ackermann das radikalere Subjekt. Der weiß längst: glotzt nicht so romantisch! Glotzt nicht so authentisch! Glotzt nicht so konsensfähig! Und kann es den Schauspielern entgegenrufen und es – im Gegensatz zu denen – auch denken!: Immerhin Josef Ackermann! Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral! Ackermann weiß, die da oben jammern ja wieder nur. In den Schaustücken.

Männer auf der Meta-Ebene

Brechts Lehrstücke sind das Hauptparadigma für ATW, wie man Andrzej Tadeusz Wirth nannte. Vielleicht sogar "ohne" Brecht. Aber sicher nicht ohne seine politischste Anwendung: dass es eben keine Gemeinsamkeit gibt, keinen gemeinsamen Ort, den wir nicht erst herstellen, produzieren, schaffen müssten. Und der uns nicht alle deshalb zu Ähnlichen machen will, um uns vor allem zu Unähnlichen zu machen.

Ein Regisseur in Wien müsste nicht als Konzept einer Inszenierung von Medea in sein Programmheft schreiben: "Was wäre, wenn Medea meine Frau wäre?" wenn wir die Geschichten, die da vorne erzählt werden, wirklich alle teilen würden. Eine Regisseurin die ins Programmheft schreiben würde, "Was wäre wenn Hamlet mein Mann wäre?", müsste sich den Vorwurf gefallen lassen, von Hamlet als einer historischen Wahrheit über uns Menschen Abschied genommen zu haben und ihn nur noch zum Ehemann zu deklarieren. Auch hier gilt: bei Männern wollen alle auf die Meta-Ebene, die Frau muss erstmal zum Standesamt!

Ein Teil des Lebenswerkes fragt jetzt den Geehrten zurück: Geht das wirklich: Brecht ohne Brecht?

Es gilt nur: etwas Neues zu denken. Wenn die Schaustücke so leicht neutralisierbar sind, dass nur noch der Chef der Deutschen Bank mit Brecht mitziehen kann, dann wird Brechts Lehrstücktheorie, die bislang nur marginalisiert und als zu exotisch weggedrückt wird, und deshalb noch nicht vollständig in die Banalisierung verabschiedet wurde, der radikalere Versuch.

Lieber nicht verstehen, als missverstehen

Weder vor ATW, noch lange nach ihm hab ich jemanden getroffen, der Fragen stellt wie er, ans Theater, oder nach dem Ende eines Theaterabends oder während man einen Abend produziert. Wir Studenten wussten in unserem ersten Jahr überhaupt nicht, wovon ATW da vorne überhaupt redet. Aber ihn lange nicht zu verstehen war im Ganzen besser, als ihn sofort misszuverstehen. Also zu glauben, man kennt das Problem, und eigentlich doch immer nur keines hat mit dem, wie es ist.

Noch heute ist der Teil des Lebenswerkes dankbar für jeden Schauspieler, der ihn erstmal nicht versteht und nicht als Teil seines normalen Trainings sofort alles kapiert. Vielleicht war ATW einfach auch kompromisslos scharf in seinen Seminaren, formulierte scharf genug, und gab niemandem die Möglichkeit etwas misszuverstehen. Sondern eben dann lieber nichts zu verstehen.

Ein ehemaliger Kommilitone, meinte neulich zu mir, dass die ersten ATW-Abgänger vor allem gesegnet waren mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, das vielleicht darin bestand, sich nicht auf die Kriterien und Kategorien zu beziehen, wie da draußen über Theater gesprochen wird. Wir machten eh vor allem etwas, für das es überhaupt keine anderen Kriterien gab, außer den selbstgeschaffenen.

Phantomschmerz einer fehlenden Gemeinschaft

Vielleicht sind wir ohnehin Gattungslose, oder jeder ist seine eigene Gattung. Und die Geschichten, die so um uns herum erzählt werden, hinterlassen immer nur den Phantomschmerz einer fehlenden Gemeinschaft, eine alles übergreifende Heimatlosigkeit, um es mit der feministischen Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway zu sagen, das Dilemma des Fehlens eines gemeinsamen Ortes. Die Rede vom Menschen ist für mich jedenfalls kein gemeinsamer Ort. Oder um es noch einmal mit Haraway zu sagen: kein gemeinsam zu bewohnendes Haus der Differenzen.

Wir glaubten nicht, dass alle, die Theater machen, automatisch denselben Begriff vom Theater teilen. Noch heute begegnen mir Leute im Theater, die glauben, ich müsste unbedingt verstehen was sie sagen, oder was sie von mir wollen, aber der Teil des Lebenswerkes denkt nicht dran. Deshalb war ich vielleicht auch noch nie unglücklich nach der Infektion.

Theater ist oft wie Schule. Und das war das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft nie: Unterweisung, Zurichtung für irgendwas was es schon gibt. Ich weiß nicht, wie glücklich die anderen Kommilitonen darüber sind, dass Andrzej Wirth ihr Professor war.

Ich jedenfalls will mir gar nicht ausmalen, was ohne ihn aus mir geworden wäre.

{mmp3}pollesch_laudatio.mp3{/mmp3} der Originalton der Laudatio

 

Internationales Theaterinstitut
Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen

 

Mehr über Andrzej Wirth finden Sie hier und hier.

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