Ein Kuckuck kann keinen Preis erwarten

von Andrzej Wirth

Halle, 29. Juni 2009. Ein Institut in einem zentralen europäischen Theaterland zelebriert im Rhythmus der Triennale seine Eigenart: Hier wird das Theater – gut oder schlecht, weil Theater der Welt nicht immer Welttheater ist – ernst genommen. Diesmal geschieht es in Halle an der Saale, wo sich die einzige dramatische Szene in Brechts Oeuvre ereignet hat: In "Mutter Courage" trommelt sich die stumme Kathrin in den Tod, um die Stadt vor dem schwedischen Überfall zu warnen.

Am inflationär sterngeschmückten Firmament der internationalen Preise bin ich das Ufo verdienterweise. Einen Preis muss man sich erbrüten, indem man den eigenen Hühnerstall nicht verlässt. Ein Kuckuck kann keine Preise erwarten. Mein Staunen über diesen Preis mischt sich mit der Erleichterung, dass es ein Ehrenpreis ist. Überschätzt zu werden und dafür noch Geld zu kassieren, würde eine noch größere Verlegenheit bringen.

Das Glück des Welttheaters

Ich weiß nicht, ob ich durch meine sporadischen Interventionen als Kritiker einen Beitrag zum Theater der Welt geleistet habe. Aber sicher hat das Welttheater meinem Leben einen Sinn verliehen. Ich hatte das Glück, denn planen kann man das nicht, immer dort präsent zu sein, wo sich das Welttheater ereignete.

In den 50er Jahren in Brechts Berliner Ensemble, in der ersten Hälfte der 60er in Jerzy Grotowskis und Tadeusz Kantors Polen, in der zweiten Hälfte der Dekade in den USA an der Ost- und Westküste mit dem Living Theatre; in den 70ern in Robert Wilsons und Richard Schechners New York, und,  zwischen den Kontinenten pendelnd, in Peter Steins Berliner Schaubühne; den 80ern im Frankfurt Bill Forsythes, mit Pina Bausch und Heiner Müller; in den 90ern mit Christoph Marthaler, und jetzt, in Berlin bei meinem ehemaligen Studenten René Pollesch, und, ach! – erneut bei Robert Wilson.

Die Preisbegründung zitiert das letzte pädagogische Kapitel meiner theaterinspirierten Vita: Die Gründung des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Ohne riskante Beweglichkeit wäre diese letzte Dekade meines Universitätscurriculums nicht möglich gewesen. Es flossen in diesen didaktischen Entwurf die Erfahrungen meiner Lehrjahre an der Warschauer Schule für analytische Philosophie, aber auch meine amerikanischen Erfahrungen der Arbeit in den Drama Departments der West- und Ost-Küste.

Die Säkularisierung des Theaterbetriebs

Dieser experimentelle Studiengang, der sich erst behaupten musste und jetzt sein 25-jähriges Jubiläum feiert, war eine Herausforderung für die etablierte Theaterwissenschaft. Die Praxeologie, eine Theorie der Praxis, also weder Theorie pur noch Praxis pur, was sollte das heißen? Die Säkularisierung des Staats- und Stadttheaterbetriebs, wohin soll sie führen? Und Drama ohne Dialog, wo bleibt da das Theater? Die Postdramatik, von Gertrude Stein vorweggenommen, wurde in Gießen zum Zukunftsprojekt erklärt. Und, last not least, grünes Licht für die nicht text-kodierte Performance gegeben: Vorführen statt Rollenspiel

"Das größte Unglück, das dem deutschen Theater nach dem Kriege passiert ist", so Stadelmaier, der brillanteste der Rhetoriker unter den Theaterkritikern, oder "die Kaderschmiede eines neuen Theaters", wie Rimini Protokoll meint. Ob ich mich um das deutsche Theater verdient gemacht habe, ist nicht leicht ersichtlich, weil: Vita longa, ars brevis. Ich danke dem deutschen ITI-Zentrum für die beachtliche Verwendung des Langzeitgedächtnisses.

Der Begriff des Postdramatischen

In den 50er Jahren habe ich um Brecht in Polen gekämpft. In den 60er Jahren, als ich noch als Vermittler zwischen der polnischen und der deutschen Kultur gewirkt habe, verhalf ich Witkiewicz, Gombrowicz, Rozewicz und Mrozek in die hiesigen Spielpläne. In den 80er Jahren, als ich meine amerikanischen Koffer ausgepackt hatte, ist daraus der Geist Gertrude Steins entflohen. Zum Verständnis ihrer "plays" habe ich damals den Begriff des Postdramatischen vorgeschlagen.

Ich fühle mich verantwortlich für die Einführung dieses Begriffs des Postdramatischen. In den 70er Jahren zunächst in den amerikanischen theaterkritischen Diskurs und später, in den 80er Jahren, auch in den deutschsprachigen. Dazu muss ich heute sagen: die instrumentellen Begriffe sind nur so lange dienlich, wie sie prognostisch bleiben.

Heute ist der Begriff des Postdramatischen der Neudefinition der Theaterpraxis nicht bekömmlich. Man muß die Definition der heutigen Theaterpraxis vom Drama abkoppeln und vom Spiel ableiten, so dass die Entgrenzung der Auf- und Vorführung des kodierten Rollenspiels sichtbar wird.

Ich denke gerne in der Perspektive des Futurs II: "Es wird gewesen sein" und kriege Lust, unter solchen Prämissen ein neues Institut für Angewandte Theaterwissenschaft zu gründen. Bitte schön, gibt es Angebote?

Last not least

Zuletzt mochte ich mich bei Dr. Thomas Engel und Frau Annette Doffin vom deutschen Zentrum des ITI herzlichst für die brilliante Organisation dieses Festes bedanken. Mein herzlichster Dank geht auch an meine, aus Übersee angeflogenen Freunde: Emma Lew Thomas aus L.A., Krystyna Illakowicz aus New York, Richard Raack aus San Diego, und meinen ehemaligen Doktoranden Frank Hentschker aus New York, und meine Harvard-Protogée Amy Stubbins.

Ich begrüße Ulrike Wiebrecht, Mara Eggert, Prof. Viktor Müllerstaedt, Edda Grossmann, Dr. Teresa Zonno und bin bewegt, hier die große Dame des deutschen Theaters, Doris Eggbrink-Kahn und ihre Tochter Ernestine, auch eine ehemalige Studentin von mir, zu sehen, meine alte Berliner und Pariser Freundin Madame Marita Krugmann, meinen alten Malerfreund Karl Oppermann, meinen Musikerfreund Hans Schümann. Und, last but not least, Dank an René Pollesch für das Wagnis, seinen kontroversen Lehrer zu loben, und an Thomas Martius für die Gestaltung des artistischen Teils.

 

Mehr lesen? Hier geht es zu René Polleschs Laudatio auf seinen Lehrer Andrzej Wirth.

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