Irre hilflos

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 17. Juni 2018. Die Krankenschwester Irene Straub tritt an die Rampe, singt "Wenn ich ein Vöglein wär" und wirft dem Zuschauer, dessen Handy klingelt, einen tadelnden Blick zu. Dann hört man einen Knall, die Schwester fällt tot zu Boden. Der Vorhang hebt sich, aus dem Bühnennebel schält sich ein Tohuwabohu, das Schlimmes befürchten lässt. Doch dabei bleibt es nicht. Es ist offenbar nur der Anreißer, mit dem sich die Regisseurin Annette Pullen die Aufmerksamkeit des Publikum sichern möchte. Dann kommt noch der Kriminalinspektor Richard Voß durch den Saal, mit zwei Colts am Gürtel und in Cowboystiefeln, und die restlichen Darsteller deuten zu lauter Musik zappelnd die Gesten von Rockmusikern an.

Drei höchst erfolgreiche deutschsprachige Theaterstücke sind während des Zweiten Weltkriegs und danach in einer Zeitspanne von nur 21 Jahren zur Problematik der moralischen Verantwortung von Wissenschaftlern für die Ergebnisse ihrer Forschung entstanden: Bertolt Brechts "Leben des Galilei", Heinar Kipphardts Dokumentarstück "In der Sache J. Robert Oppenheimer" und Friedrich Dürrenmatts "Physiker". Nur eins davon, das von Dürrenmatt aus dem Jahr 1962, widmet sich dem ernsten Thema in Form einer grotesken Komödie.

"Die Physiker" wurden gerade zwei Jahre vor einem anderen viel gespielten Stück uraufgeführt, das in einem "Irrenhaus" angesiedelt ist, vor "Marat/Sade" von Peter Weiss. Gut eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders, schien eine Anstalt für psychisch Kranke das geeignete Modell für den Zustand der Welt zu liefern. Komisch ist Dürrenmatts Konstruktion insofern, als sich die "Irren" bei ihm, anders als bei Weiss, nur als solche ausgeben. Für den tatsächlichen Irrsinn, so sagt uns der Autor, sorgen die "Normalen". Mit anderen Worten: der Irrsinn ist die Norm, der Verstoß gegen sie die, wenngleich wirkungslose, Vernunft.

Naiver Geheimnisträger

In Heidelberg zeigt man, stark gekürzt, die überarbeitete Fassung von 1980. Gregor Sturm hat einen symmetrischen hellgrauen Bühnenraum entworfen, der auch der Innenhof eines Gefängnisses sein könnte, mit drei circa drei Meter hohen Kuben, die auf und ab gefahren und auf der Bühne umher geschoben werden. Als Interpunktion dienen thematisch affine Songs von Elvis Presleys "Can’t Help Falling in Love" bis zu "The Fool on the Hill" oder "All You Need Is Love" von den Beatles. Zu den berührendsten Momenten gehört jene kurze Szene, in der Johann Wilhelm Möbius seiner inzwischen mit einem Missionar verheirateten ehemaligen Frau (Dorothea Arnold) zu Frank Sinatras "One for My Baby and One More for the Road" begegnet.

Physiker 7600 560 Sebastian Buehler uSheila Eckhardt (Schwester Irene), Nicole Averkamp (Frl. Doktor), Andreas Seifert (Einstein), Marco
Albrecht (Möbius), Olaf Weißenberg (Newton), Katharina Quast (Oberschwester) © Sebastian Bühler

Diesen Möbius, dem die falschen Irren Herbert Georg Beutler (Olaf Weißenberg) und Ernst Heinrich Ernesti (Andreas Seifert), die vorgeben, sich für Newton respektive für Einstein zu halten, seine gefährlichen Kenntnisse abjagen wollen, verkörpert Marco Albrecht, leicht vorwärts geneigt, mit eingeknickten Knien und einer mit einem Strick anstelle eines Gürtels festgehaltenen türkisen Hose, eine fast bemitleidenswerte hilflose und scheinbar naive Figur innerhalb einer Inszenierung, die sich nicht so recht zwischen literarischer Groteske und Crazy Comedy entscheiden will. In diese Richtung weisen auch die beiden Pfleger, die im zweiten Akt die Krankenschwestern ersetzen, Ex-Boxer mit bizarren Muskelpaketen.

Murphy's law

Möbius erklärt, dass ihm der weise König Salomo erscheine. Nachdem er gestanden hat, dass er seine Aufzeichnungen vernichtet habe, und die Spitzel, den falschen Newton und den falschen Einstein, vom Verzicht auf bedrohliches Wissen zu überzeugen versucht, teilt die diabolische Irrenärztin Mathilde von Zahnd (Nicole Averkamp), ein weiblicher Dr. Caligari, triumphierend mit, dass sie die Patienten abgehorcht und Möbius' Manuskripte kopiert habe. Die drei sind ihr ausgeliefert, weil sie zum Schutz ihrer Geheimnisse Krankenschwestern ermordet haben und nun durch von Zahnd, die dabei die Fäden gezogen hat, erpressbar sind. Bei der Uraufführung hat Therese Giehse diese Rolle gespielt. Sie war es auch, die Dürrenmatt vorschlug, den zunächst männlich konzipierten Irrenarzt mit einer Frau zu besetzen.

Man hat Dürrenmatt seinerzeit die pessimistische Tendenz seiner Komödie vorgeworfen. Heute wissen wir noch sehr viel genauer, dass sich unheilvolle Forschungsergebnisse nicht verheimlichen lassen. Allenfalls kann man darauf hinzuwirken versuchen, dass die von Zahnds, die Trumps oder die Kim Jong-uns sie nicht in katastrophaler Weise in die Praxis umsetzen. Wie das zu machen sei – darauf hat man in Heidelberg ebenso wenig eine Antwort wie anderswo. Vieles spricht für die Richtigkeit von Murphys Gesetz: "Anything that can go wrong will go wrong" ("Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen"). Vielleicht ist das der Grund, warum "Die Physiker" heute nicht mehr ganz so aufregend wirken – und genau besehen: auch nicht so schrecklich komisch.

Die Physiker
von Friedrich Dürrenmatt
Regie: Annette Pullen, Bühne: Gregor Sturm, Kostüme: Barbara Aigner, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Nicole Averkamp, Katharina Quast, Sheila Eckhardt, Olaf Weißenberg, Andreas Seifert, Marco Albrecht, Dominik Lindhorst-Apfelthaler, Dorothea Arnold, Hendrik Richter.
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

 

Kritikenrundschau

Pullen halte die Aufführung bis zur Pause mit teilweisen derben Übertreibungen temporeich in Bewegung, berichtet Alfred Huber im Mannheimer Morgen (19.6.2018): Nervenbündel, Ausgeflippte, Komödien-Schwerstarbeiter. Den formenden Zugriff auf die Figuren erspare sich Pullen. "Der Schluss allerdings ist dank Nicole Averkamp als Mathilde von Zahnd (…) grandios."

Pullen lasse "alle kräftig auf die Klamauk-Tube drücken, wodurch Esprit und Finesse kaum eine Chance bekommen", so Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (19.6.2018). "Fatal." Die Heidelberger Truppe erspiele sich "nur ein ernüchterndes Ergebnis".

 
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