Belehrungen statt Visionen

20. Juni 2018. Gestern trennten sich die Wiener Festwochen einvernehmlich von ihrem Intendanten Tomas Zierhofer-Kin. Die Zeitungen sind im Wesentlichen einverstanden mit diesem Schritt.

So schreibt Ronald Pohl im Standard: "Tatsächlich wurde ein ebenso merkwürdiges wie unausgegorenes Experiment mit einer Vollbremsung beendet. 2017, im ersten Jahr Zierhofer-Kins, lockte man die Besucher mit kleinteiligen Denkwürdigkeiten an die städtische Peripherie. Zeitgleich ergoss sich ein monströser Schwall von Kuratorenlatein über die Gäste.“ Die Idee, ein adipös gewordenes Festival mit beliebigen Theoriebrocken vollzustopfen, um es dadurch schlanker zu machen, sei von Anfang an auf Widerstand gestoßen: "Nicht nur Freunde des traditionellen Theaters fühlten sich unangenehm belehrt.“ Die Rückwendung zu herkömmlicheren Bühnenformaten in diesem Jahr habe den Verlust des alten Stammpublikums nicht mehr wettmachen können.

Auch Karin Cerny und Stefan Grissemann vom Profil konstatieren, dass die Festwochen in der Ära Zierhofer real an Bedeutung verloren hätten: "Man stritt nicht mehr leidenschaftlich, war heuer schon froh, dass es nicht so katastrophal lief wie im letzten Jahr.“ Frie Leysen sei es als Schauspielkuratorin 2014 in nur einem Jahr gelungen, ein eigenständiges, unverwechselbares Profil zu entwickeln. "Sie musste sich nicht verbiegen, um ihr Publikum zu erreichen. Zierhofer-Kins Programm war hingegen learning by doing. Abgesehen von seinem Faible für Clubformate fehlte ihm eine klare Vision – wohl auch, weil 2018 erneut unzählige Kuratoren und Dramaturgen am Werk waren.“

Im Tagesspiegel zeigt sich Christina Kaindl-Hönig auch vom zweiten Festwochen-Jahr enttäuscht: "Trotz ihres Bemühens, sich aktuellen politischen Themen zu widmen, entpuppten sich die Festwochen als beliebig zusammengewürfeltes Kleinkunstfestival. Ohne dramaturgisches Profil enttäuschten viele Produktionen durch mangelnde künstlerische Qualität und innere Widersprüche." Und das, obwohl Zierhofer-Kin einen Neuanfang versucht habe. "Gerade in Zeiten fragil gewordener Demokratien und komplexer gesellschaftlicher Probleme erscheint es umso alarmierender, dass die Wiener Festwochen der Realität überwiegend mit unausgegorenen Petitessen begegneten, anstatt ästhetisch überzeugend neue Denk- und Wahrnehmungsräume zu eröffnen."

(geka)

 

Mehr zu Produktionen der Wiener Festwochen unter Tomas Zierhofer-Kin: 2018 besprachen wir Chekhov. Fast and Furious, Häusliche Gewalt Wien und Stadium, 2017 Ishvara, Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness, Obsession, Die selbsternannte Aristokratie, Mondparsifal und Traiskirchen. Zierhofer-Kins erste Spielzeit bilanzierte für uns Martin Pesl.

 
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