Geschichten vom verschenkten Kind

von Simone Kaempf

Halle, 29. Juni 2008. "Warum hast du mich eigentlich gezeugt", fragt der Sohn den Vater, worauf dieser antwortet, dass er ja nicht gewusst habe, dass es Hamm sei, der dabei rauskommen würde. Der Vater ist Nagg, der Sohn Hamm, der Dialog stammt aus Becketts "Endspiel". Aber könnte so auch in einem der Stücke von Joël Pommerat stehen, in denen es wimmelt von Müttern, Väter, Kindern und Großeltern, deren Beziehungen endspielhaft regressiv erstarrt sind.

Pommerat, Jahrgang 1963, ist seit einiger Zeit das neue Aushängeschild des französischen Theaters. Ein Gast auf Festivals von New York bis Zagreb, von den Franzosen selbst erst so richtig vor einigen Jahren entdeckt, obwohl er seine Theatergruppe Compagnie Louis Brouillard schon 1990 gegründet hat und seitdem kontinuierlich arbeitet. Aber vielleicht brauchte es erst die Popularität von Familiendramen an den Theatern Ende der 90er Jahre, damit Pommerats Stärke in Abgrenzung zu den Werken anderer so richtig sichtbar werden konnte.

Auf leeren Flächen, in diffusem Licht

Der französische Regisseur folgt zwar einer viel moderneren Ästhetik als Beckett, aber ganz in dessen Erbe ist er ein Entrümpler des Theater, der die Bühne nicht nur leer räumt, sondern in Tiefschwarz taucht. Kaum ein Lichtstrahl zuviel, und nur die nötigsten Dinge erscheinen auf der Bühne. Bereits in "Au monde" war das so, eines der wenigen Pommerat-Stücke, das bereits in Deutschland zu sehen war und vor zwei Jahren in Berliner im HAU gastierte. Das Ambiente von "Cet enfant" ist noch einmal reduzierter – eine schwarze leere Spielfläche, auf der die Figuren in diffus-schrägen Lichtkegeln stehen –, und auch der Text besteht nur noch aus Szenen, die Schlaglichter auf Eltern-Kind-Beziehungen werfen.

Eine junge Schwangere zum Beispiel beschwört, dass sie für ihr Kind ihr Leben ändern wird. Dass sie das Kind verwöhnen werde, dass sie den anderen zeigen werde, was in ihr steckt, dass sie auch ihrer Mutter zeigen werde, dass es Unrecht war, ihr nichts zuzutrauen. Oder ein Familienvater, der knapp erzählt, dass er sich nicht mehr als Mensch fühlt, seit er einer Krankheit wegen nicht mehr arbeiten darf und seitdem zuhause von seinem Sohn geschlagen wird. Eine Frau verschenkt ihr Kind an die Nachbarn, zutiefst überzeugt, dass das Kind nur bei diesem Paar glücklich wird und dass sie aus Liebe handelt, wenn sie ihr Kind weggibt – vielleicht die Szene, die am besten deutlich macht, wie Pommerat die familiären Beziehungen in moralische Zwickmühlen führt.

Im Kreis der Schuldzuweisungen

Aber nicht nur das. Auf der schwarzen Bühne, im düster-grauen, aber glasklaren Licht, mithilfe des atmosphärischen Knisterns der über Microports verstärkten Stimmen kehrt sich hilfreich heraus, was viele Familienstücke zwar zeigen wollen, aber was in zuviel Milieubeschreibung dann doch oft versteckt bleibt: die Härte gegenüber dem eigenen Kind, das mangelnde Mitgefühl, falsche Erwartungen und die Blindheit denen gegenüber, die man am meisten liebt. Pommerat braucht nur wenige Dialoge, insgesamt nur zehn Szenen, in knapp achtzig Minuten gespielt, um die existenziellen Stillstände in variierenden familiären Beziehungen auf die Bühne zu bringen.

Statt der Utopie, dass mit einem Kind Leben geschenkt und weitergegeben wird, erstarren die Pommerat'schen Figuren in Unbeweglichkeit. Man macht sich gegenseitig Vorwürfe, taub geworden für die Argumente der anderen, unfähig, den Kreis gegenseitiger Schuldzuweisung zu unterbrechen. Pommerat verdichtet ein Reden, wie man es nur unter streitenden Ehepartnern oder anderen Familienmitgliedern kennt. Gezeichnet von einer unerbittlichen Härte, mit der jeder sein Recht einfordert oder den anderen Verletzungen vorwirft und damit gleichsam wieder verletzt.

Im atmosphärischen Gegensatz dazu steht die künstlich schwarz gehaltene Bühne, das geheimnisvolle Licht, die klaren Silhouetten der Schauspieler, die mit sparsamer Körpersprache, wenn aber auch schon mal mit klagendem Verzweiflungston agieren. Man kann Pommerat natürlich nicht mit Beckett vergleichen, schon allein, weil hier keine Parodie vergangenen Lebens gemeint ist, aber als kluger Entrümpler des Familiendramas empfiehlt sich der Regisseur mit diesem Abend.

 

Cet enfant
von Joël Pommerat
aus dem Französischen von Bettina Arlt
Regie: Joël Pommerat, Bühne und Licht: Éric Soyer, Kostüme: Isabelle Deffin, Recherche Klang: François Leymarie, Grégoire Leymarie. Mit: Saadia Bentaïeb, Agnès Berthon, Lionel Codino, Ruth Olaïzola, Jean-Claude Perrin, Marie Piemontese.

www.theaterderwelt.de/2008

 

Kritikenrundschau

"In äußerst reduzierter, zu Standbildern gefrorener Form" dekliniere Joel Pommerat in "Cet Enfant" mögliche Eltern-Kind-Konstellationen durch. So beschreibt es ahi (vermutlich: Andreas Hillger) in der Mitteldeutschen Zeitung (online: 30.6.08, 19:34h). Dieses "illusionslose Theater" konfrontiere "die Utopie, die in der Zeugung und Geburt jedes Kindes verborgen liegt, mit der Realität des familiären Scheiterns", das der Rezensent "schmerzlich verdeutlicht" findet. Auch wenn die Aufführung "nicht verleugnen" könne, dass der Text "ursprünglich als Hörspiel vorlag und schon 2006 in Deutschland gesendet wurde": "Nur selten weist die Szene über das Gesagte hinaus – und die mit Akribie komponierten Tableaus wirken wie die Illustration der Übertitel". Für ihn "eine strenge, erschöpfende Erfahrung".

Thorsten Maß' Einladungen und Programmideen tendierten "selbst dort, wo sie aktuell sein wollen, zum Traditionellen und leicht Verständlichen", meint Till Briegleb in seinem Halle-Überblickstext in der Süddeutschen Zeitung (7.7.). So zeige etwa "Cet enfant", das "so analytische wie pointierte Geschichtenmosaik über schmerzliche Verwerfungen im Verhältnis Eltern-Kind" von Joël Pommerat, "in der stillen ästhetischen Geschlossenheit aus Dämmerlicht, leisen Dialogen und wenigen symbolischen Gesten Konzentration in der Tradition des Regiealtvaters Peter Brook".

 
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