Asylsuche in der Erinnerung

von Jan Fischer

Göttingen, 23. Juni 2018. "Ich erinnere mich, dass ich aus Syrien fliehen musste, um mich selbst zu finden", sagt Nora – die eigentlich nicht Nora heißt, aber irgendwie schon – gegen Ende von "Nora und ihr anderer Name". Und kommt zu dem Schluss, dass das alles sinnlos war – gefunden hat sie sich nicht, weder in Syrien, noch in der Fremde.

Auf eine Art ist es ein internationales Ensemble, das in Göttingen für das Freie Theater Boat People Projekt "Nora und ihr anderer Name" auf die Bühne bringt. Der Autor Ayham Abu Shaqra lebt in Paris. Regisseur Wessam Talhouq in Hannover, ebenso wie die Dramaturgin Kaouthar Hiba Slimani, die im Freien Theater in Deutschland aktiv ist.  Der Bühnenbildner Wessam Darweash lebt in Schweden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie in den Nuller Jahren am Higher Institute of Dramatic Arts in Damaskus studiert haben und seitdem befreundet sind.

Nora 2 560 Reimar de la Chevallerie uSyrisches Regieteam mit syrischem Stoff und deutschem Ensemble: Jasmina Music, Johannes Meier (vorne), Imme Beccard, Franziska Aeschlimann, Christoph Linder (hinten) © Reimar de la Chevallerie

Dementsprechend lässt sich "Nora und ihr anderer Name"  als Geschichte lesen von einer, die in die Fremde auszieht. Mit Hilfe von sechs weißen Holzkuben und einer runden Konstruktion aus bemalten, teilweise angerissenen Jalousieteilen werden episodisch ihre Erinnerungen an die Zeit vor der Ausreise aus Syrien rekonstruiert. Es geht dabei hauptsächlich um die Jahre 2011 und 2012, in denen es zu Protesten gegen die Regierung Assads kam, die einen Bürgerkrieg – und Massakern – in dem Land mündeten.

Zerbrechende Welt

Doch all dies spielt sich eher im Hintergrund von Noras Erinnerungen ab, über die sich Persönliches legen: dass ihr Vater eine zweite Frau hat, was sie erst erfährt, als sie für die Ausreise einen Auszug aus dem Familienbuch bei einer staatlichen Stelle beantragt; Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Freund, der ihr nicht sagen will – oder kann – dass sie in einer intimen Situation von Menschen in schwarzen Anzügen gefilmt worden sind. Während draußen der Bürgerkrieg tobt und sie versucht, eine Ausreisegenehmigung zu bekommen, bricht Noras Welt aus ganz anderen Gründen in sich zusammen.

Am Ende landet sie in Deutschland, zunächst als Au-Pair-Mädchen, schließlich stellt Nora einen Asylantrag. Im fremden Land versucht sie, ihre zerbrochene Welt wieder zu kitten, oder eine neue Art von Identität zu finden. So geht es erst einmal um die Erinnerung, die sie einerseits aus dem Off erzählt, und die andererseits in diesem engen, von der Jalousienrundkonstruktion begrenzten Bühnenraum, im Spiel rekonstruiert wird.

Nora 1 560 Reimar de la Chevallerie uBei der Erinnerungsarbeit: Jasmina Music und Johannes Meier @ Reimar de la Chevallerie

In dieser letzten Produktion in den alten Räumen des "Boat People Projekt" in einem Göttinger Flüchtlingsheim wurde die Inszenierung zum ersten Mal komplett in die Hand von Exil-Künstlern und -künstlerinnen gelegt. Die wiederum haben sich entschieden, einmal eine etwas andere Geschichte über den Verlust von Heimat zu erzählen – und mit einem deutschen Ensemble: weil es hier nicht um die Erzählung einer Flucht voller Gefahr und Entbehrungen geht, sondern die einer ganz einfachen Ausreise, erst einmal nur, um im Ausland zu arbeiten. Selbstverständlich werden die politischen Unruhen dann doch mehr als nur ein Hintergrundgeräusch des Abends: Es gibt einmal einen Stromausfall, und die Bühne wird schwarz. Noras Bruder und ihr Vater streiten sich über das Assad-Regime. Noras Freund läuft bei den Demonstrationen mit. Alle diese Dinge passieren und deuten darauf hin, dass Noras Erinnerungen in einem größeren, politischen Kontext spielen. Aber eben nur das: Sie deuten darauf hin. Es bleibt die Geschichte einer Frau, die vor ihrer Familie und den Komplexitäten darin entdeckter Geheimnisse flieht.

Vom Suchen und Nichtfinden einer Identität

Dramaturgisch und vom Text her gelingt das – die episodische Erzählweise der einzelnen Erinnerungen dekonstruiert Noras Selbst- und Familienbild dicht und effektiv. Geradezu zart werden die einzelnen Erinnerungen übereinander gestapelt, zwar ohne dass große Katastrophen hereinbrechen, aber dennoch so, dass in jeder dieser Erinnerungen ein Stück von Noras Selbstbild zerfällt. Der Freund fällt vielleicht im Krieg, vielleicht nicht. Der Vater sieht keine Fehler ein, trotz Zweitfrau und -familie, von der Nora jahrelang nichts wusste. Die Mutter verdrängt einfach alles. Leider sind – trotz schönem Text und gelungener Dramturgie – die Figuren in "Nora und ihr anderer Name" etwas flach gezeichnet, als hätte Noras Erinnerung keine dritte Dimension. Das ist ein wenig schade. Dennoch zeigt die Inszenierung eine Fluchtgeschichte aus Syrien, sie sich abseits ausgetretener Pfade bewegt und mit einer dichten Erzählweise aufwarten kann.

 

Nora und ihr anderer Name
von Ayham Abu Shaqra
Deutsch von Christopher-Fares Köhler
Regie: Wessam Talhouq, Dramaturgie: Kaouthar Hiba Slimani, Bühne/ Kostüm: Wessam Darweash, Regieassistenz: Laura Albrecht, Mitarbeit Bühne/Kostüm: Marta Cappozzo, Musik/ Video: Reimar de la Chevallerie, Produktion: Nina de la Chevallerie.
Mit: Franziska Aeschlimann, Imme Beccard, Christoph Linder, Johannes Meier, Jasmina Music
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.boatpeopleprojekt.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Stück voller Misskommunikation und Verheimlichungen" hat Madita Eggers gesehen und schreibt im Göttinger Tageblatt (24.6.2018): "Mit einem harmonischen Spiel und authentischen Dialogen überzeugen die Darsteller in ihrer Verzweiflung und ihrem Streben nach Sicherheit, die sich in allen Fällen als sehr brüchig herausstellt."

"An Herz und Nieren gehendes Theater" hat Ute Lawrenz gesehen und schreibt in der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (25.6.2018): "Von unglaublicher Dichte" sei das Stück. "Tief greift die Arbeit von Regisseur Wessam Talhouq."

 
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