Der deutsche Sonderweg

von Thomas Rothschild

25. Juni 2018. Bei den Philosophen, jedenfalls bei jenen, die diese Berufsbezeichnung verdienten, ehe jeder Pseudoklugschwätzer von der Medien Gnaden Philosoph genannt wurde, kam beides zusammen, bildete eine unauflösliche Einheit: die Theorieentwicklung und die Interpretation vorausgegangener philosophischer Gedanken. In der Theaterwissenschaft ist das anders. Da teilen sich die Theoretiker mit den Theaterhistorikern die Disziplin. In Deutschland steht Erika Fischer-Lichte für die Theoriebildung in der Theaterwissenschaft und Manfred Brauneck für die umfassende Theatergeschichtsschreibung. Der Großteil der übrigen Fachvertreter, spezialisiert auf einen engen Ausschnitt aus der Geschichte, beackert ein Leben lang archivarisch ein äußerst begrenztes Feld, einen so genannten "weißen Fleck", der zu Recht weiß geblieben ist, weil er, wie die Verkaufszahlen der einschlägigen Publikationen belegen, keinen Menschen interessiert.

Manfred Brauneck, seit 16 Jahren emeritiert, hat nun ein für seine Verhältnisse schmales Buch veröffentlicht, das den (objektivierenden) geschichtswissenschaftlichen Ansatz mit einer (subjektiven) kritischen Stellungnahme verknüpft. Hinter dem mehrdeutigen Titel "Die Deutschen und ihr Theater. Kleine Geschichte der 'moralischen Anstalt' oder: Ist das Theater überfordert?" verbirgt sich die These, dass in Deutschland – im Gegensatz zu anderen (europäischen) Ländern – bis heute an der Vorstellung festgehalten würde, "dass das Theater eine Institution sei, die wesentlich zur nationalen Identität gehöre und Deutschland letztlich als Kulturnation ausweist".

Auflösung der Aufklärung

Cover Deutschen Theater WilBrauneck zeichnet den Weg dieser konstanten Vorstellung vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart im Rahmen der allgemeinen historischen Bedingungen und der geistesgeschichtlichen Einflüsse, auch theaterarchitektonischer Exkurse nach. Als Zeugen ruft er neben Lessing, Schiller und Goethe unter anderem Philosophen wie Fichte und Hegel, Dramatiker wie Kleist, Grabbe und Hebbel sowie Theaterleute wie Eduard Devrient oder Otto Brahm auf. Er macht allerdings deutlich, dass das didaktisch-politische Modell vom Theater als "moralischer Anstalt" von Anfang an nicht nur die Zensur, sondern auch eine Position zum Gegner hatte, die für ein reines Unterhaltungstheater plädierte. Wobei Brauneck seine ursprüngliche Fragestellung ein wenig aus den Augen verliert: Das Festhalten am Theater als unverzichtbarem Teil der nationalen Identität und seine Bestimmung als "moralische Anstalt" sind ja wohl zweierlei. Inwiefern das Theater in Deutschland, wie im Untertitel suggeriert, überfordert ist oder eben nicht, bleibt eine offene Frage.

Spätestens um 1900 schien der aufklärerische Ansatz von Lessing und Schiller verabschiedet "zu Gunsten eines mehr oder weniger diffusen subjektiven Erlebnisses, das das Bühnenkunstwerk im Zuschauer auslöst – oder dem deutungsfreien Vergnügen an dessen Schaueffekten". Verantwortlich für die widersprüchlichen Veränderungen waren einerseits ökonomische Zwänge, andererseits die Positionen prägender Theaterleute wie Max Reinhardt oder Piscator, auch Anregungen des Engländers Edward Gordon Craig und des Schweizers Adolphe Appia. Die Versuche, ein neues Publikum – etwa mit der Volksbühnenbewegung – anzupeilen, haben sich ebenfalls mehr oder weniger nachhaltig ausgewirkt.

"So heterogen wie nie zuvor"

Lob gebührt der bedachten und begründbar gewichteten – also nicht von Vorlieben und Abneigungen des Autors bestimmten – Auswahl von Dramatikern, Werken und Theatermachern, die die generelle Entwicklung exemplarisch illustrieren, neben den bereits Genannten zum Beispiel Frank Wedekind oder Heiner Müller, Regisseure wie Peter Palitzsch, Peter Zadek oder Claus Peymann. Wie Männer nicht Geschichte machen, so machen einzelne Schriftsteller nicht Theatergeschichte, aber sie prägen sie mit und werden, umgekehrt, von ihr geprägt. Das wird aus Braunecks Darstellung sinnfällig.

Der deutsche Sonderweg ist keineswegs so übersichtlich und geradlinig, wie man nach Lektüre des ersten Kapitels vermuten könnte. Für die Gegenwart konstatiert Brauneck: "Künstlerisch ist das Theater in Deutschland so heterogen wie nie zuvor." Kurz vor dem Schluss gibt der Historiker ein wertendes Bekenntnis ab: "Dass das Theater aber stets auch ein Unterhaltungsgewerbe ist, ist eine Gegebenheit, die nie wirklich in die Vorstellungen vom sozialen Zweck des Theaters eingegangen ist. Zu sehr (sic!) verstellte ein vermeintlicher Gegensatz von Kunst und Unterhaltung diesen Sachverhalt." Gegebenheit? Sachverhalt? Das klingt sehr dezidiert, lässt keinen Zweifel zu. Könnte, was Brauneck einen Sachverhalt nennt, nicht ein (politisch) gewolltes, durchaus umformbares Konstrukt sein? Das letzte Wort überlässt Brauneck einer ehemaligen Studentin, jetzt Regisseurin. Auf die Frage, ob sie denn immer noch mit ihrem Theater die Welt verändern wolle, antwortet sie: "Selbstverständlich."

"Eurotrash" oder Nest der Widerständigkeit?

Dass sich das deutsche Theater der Gegenwart sowohl im Spielplan wie auch in der Aufführungspraxis – nicht in jedem Einzelfall, aber statistisch – vom Theater anderer Länder unterscheidet, dass das auch, aber nicht nur ökonomische Ursachen hat, kann niemand ernsthaft bestreiten. Das gilt für Organisationsformen, das Verhältnis von Zentrum und Fläche, von Bildungstheater und Boulevard, von Repertoire und Einzelproduktion, für die Stellung in der Öffentlichkeit, aber eben auch für bemerkenswert zähe literarische Traditionen. Es muss benennbare Gründe dafür geben, dass sich am deutschen Theater ein Pendant zu Noel Coward ebenso wenig dauerhaft halten konnte wie ein Gegenstück zu Eduardo De Filippo oder zu Dario Fo und dass andererseits das "typisch deutsche Theater" in den USA als "Eurotrash" verhöhnt wird.

Erstaunlich ist die von Manfred Brauneck nachgewiesene und durch deutsche Spielpläne grosso modo bestätigte, wenn auch unterbrochene Kontinuität insofern, als man eigentlich annehmen möchte, dass die Internationalisierung oder vielmehr die internationale Amerikanisierung durch Film und Fernsehen sich auch im Theater ausgewirkt haben müsste. Dass dies offenbar nicht der Fall ist, dass die Bühne, der man mantraartig den baldigen Tod prognostiziert, so viel Widerstandskraft entwickelt, sollte Mut machen. Nicht unbedingt aus Sorge um die Kulturnation, sondern im alltäglichen Kampf gegen den kulturellen Schwachsinn.

Die Deutschen und ihr Theater
Kleine Geschichte der "moralischen Anstalt" oder: Ist das Theater überfordert?
von Manfred Brauneck
transcript, Bielefeld 2018, 181 Seiten, 24,99 Euro

 

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