"Ich mache mich verletzlich"

Interview: Esther Slevogt

29. Juni 2018. Wie weit kann man in Zeiten von #MeToo- und Sexismus-Debatten bei der Darstellung von sexueller Gewalt auf der Bühne gehen? Darum dreht sich die Diskussion, die sich nach Sebastian Hartmanns Inszenierung In Stanniolpapier bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater entzündet hat. Die Inszenierung entstand auf der Basis eines Textes von Björn SC Deigner, der sich mit der Geschichte einer Frau befasst, die als Kind missbraucht wurde, später in der Prostitution landet, sich aber nicht als Opfer sieht. Während Janis El-Bira in seiner Nachtkritik faszinierende transmediale Alptraumbilder in einer Performancefolterkammer beschrieb, fanden andere Kritiker*innen, Hartmann verdrehe die Intention des Stücks in ihr Gegenteil und mache die Frau zum Objekt. Im Kommentarthread wurden Parallelen zur Metoo-Debatte gezogen, der Abend auch in der Redaktion kontrovers diskutiert. Aber wie sieht eigentlich DT-Schauspielerin Linda Pöppel die Sache, die die Figur spielt und mitgestaltet hat?

linda poeppel 280 klausdyba uLinda Pöppel © Klaus Dyba nachtkritik.de: Linda Pöppel, in den Kritiken zur Inszenierung ist immer wieder davon die Rede, der Regisseur habe sie und ihren Körper unhinterfragt zum Lust- und Sexobjekt gemacht. Die Geschichte einer Frau, die sich radikal weigert, Opfer zu sein, habe die Inszenierung in ihr Gegenteil, in einen Opferporno verkehrt. Sind Sie ein Sexobjekt?

Linda Pöppel: Nein. Die Frage ist aber, wer mich zu einem macht. Ich finde die Kritiken selbst übergriffig und entmündigend. Ich wundere mich außerdem darüber, wie undifferenziert der Abend auch noch mit der MeToo-Debatte zusammengeworfen wird. Kern dieser Debatte ist doch, dass Frauen selbstständig ihre Stimme erheben. In der Diskussion um die Inszenierung sprechen nun lauter andere Menschen – interessanterweise vor allem andere Frauen – über mich, ohne mich gefragt zu haben. Ohne jeglichen Einblick in den Prozess, in die Entstehung der Arbeit. Sebastian Hartmann und ich gehen seit acht Jahren einen gemeinsamen künstlerischen Weg und unsere Basis ist Vertrauen, ohne die eine solche Arbeit gar nicht möglich wäre. An jedem Punkt des künstlerischen Prozesses habe ich als gleichwertiges Mitglied aktiv mitentschieden und mitgestaltet. Diese künstlerische Autonomie wird mir in der öffentlichen Debatte komplett abgesprochen, als wüsste ich nicht, was ich da tue. So eine Haltung uns Künstler*innen gegenüber befremdet mich.

Was genau tun Sie?

In meiner Theaterarbeit begebe ich mich in künstlerische Prozesse und setze mich mit inhaltlichen Fragen, mit Themen auseinander. Dabei lote ich Grenzen aus, in jeder Arbeit anders und andere. Bei "In Stanniolpapier“ waren wir sehr intensiv auf der Suche nach Darstellungsmöglichkeiten von Gewalt, Lust, Leid, Scham, Zerstörung, Ekstase, nach Zumutung und Radikalität – auch von Schutzlosigkeit und Auslieferung. Ich kann von meiner Seite nur sagen: Diese Art von Spiel ist nur in kompletter Autonomie und Selbstbestimmung überhaupt so weit zu treiben. Um mich in so einen Zustand zu begeben, bedarf es totalen Vertrauens in alle Beteiligten, Sensibilität und Freiheit. Das ist ja kein normaler Theaterabend, eher ein Hybrid, eine Seelenlandschaft – und darin ist auch meine Nacktheit nur konsequent. Mit dem Abend wollten wir in einen gesellschaftlichen Kontext kommen. Wir wollten in das Trauma. Wir wollten in den Schmerz.

Könnten Sie ein paar Einblicke in den Probenprozess geben?

Es war eine sehr vertraute Zusammenarbeit. Wir haben schnell gemerkt, wie nahe uns diese Themen gehen, wie viele Abgründe sie berühren, nicht nur in uns selbst, sondern auch gesellschaftlich – Kindesmissbrauch, Kinderpornografie, Prostitution, Zwangsprostitution. Wir haben uns dann entschieden: Wir wollen in das Innenleben, also in den Kopf und in die Körper. Man wird in dieser Dauerbefeuerung der Bilder und Assoziationen ununterbrochen auf sich selbst zurückgeworfen, auf die eigene Reflektion, Geschmack, Abwehr, Scham, Verunsicherung, Genervtheit, Aggression usw. Dafür haben wir einen radikalen Weg gewählt, um dauerhaft in einer Ambivalenz bleiben zu können. Sowohl mit der Textvorlage, als auch in der Ablösung von der Originalbiographie. Es ging uns nicht darum zu urteilen. Ich empfinde die Reduzierung der Figur, wie ich sie spiele, auf ein Opfer ohne Stimme als komplettes Missverständnis. Ich befinde mich anderthalb Stunden lang in einem Kampf und ich verhalte mich ununterbrochen zu dem was auf der Bühne passiert: Das tue ich als Schauspielerin, nicht als Opfer.

Verstehen Sie, warum im Wesentlichen Kritikerinnen, also Frauen, Ihre Darstellung so kritisch sehen? Dass männlichen Kritikern, die den Abend gelobt haben, der Vorwurf gemacht wird, sie hätten hier einen blinden Fleck? Gibt es einen Punkt, an dem Sie diese Kritik, ja Empörung nachvollziehen können?

Meine Wahrnehmung ist, dass ich in dem unendlich wichtigen Kampf, wie wir als Frauen in der Gesellschaft mehr Stärke und Präsenz bekommen, mit dem, was ich auf der Bühne tue, nun offenbar besonders Frauen sehr nahe rücke, ihrer Sexualität, ihrem Körper, ihrer Selbstwahrnehmung. Ich kann mit der Kritik umgehen, aber ich frage mich auch, ab welchem Zeitpunkt man sich in der Kunst sagen lassen muss, was geht und was nicht. Wer entscheidet das? Wer ist die moralische Instanz in der Kunst? Da wird etwas missverstanden. Ich setze mich komplett aus. Ich mache mich verletzlich. In einem vollkommen bewussten Vorgang. Es ist aber auch ununterbrochen zu sehen, wie ich das als Schauspielerin herstelle. Wir reden ja nicht über Naturalismus. Nichts an diesem Abend ist naturalistisch. Tatsächlich geht es um einen performativen Vorgang, um das Herstellen von Bildern, um die gleichzeitige Hinterfragung dieser Bilder beziehungsweise ihre Offenlegung, und zwar in aller Drastik. Das halte ich für wichtig.

 

Linda Pöppel, geboren 1985 in Berlin, ist seit der Spielzeit 2016/17 Ensemblemitglied des Deutschen Theaters. Erste Theatererfahrungen machte sie in der Jugendtheatergruppe P14 an der Volksbühne Berlin. 2007 bis 2011 studierte sie an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Von 2010 bis 2013 gehörte sie zum Ensemble des (von Sebastian Hartmann geleiteten) Leipziger Centraltheaters, 2013/14 bis 2015/16 war sie am Schauspiel Frankfurt.

 

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