Pestbeule in der Hose

von Maximilian Sippenauer

München, 29. Juni 2018. Die Geschichte von Don Juan ist die eines Unverbesserlichen. Und Geschichten von Unverbesserlichen beginnen am besten mit Gesten des Trotzes: Da steht also Doña Elvira, gespielt von Bibiana Beglau, rosaplüschtraurig wie ein sterbender Flamingo und hält sich die Hände schützend vor die nackte Brust. Um sie herum hüpfen Gatte Juan und Diener, venezianische Masken auf dem Kopf, bereit für frischere Abenteuer. Juan will seine Frau nicht belügen. Er verlässt sie aus nur einem Grund. Sie erregt ihn nicht mehr. Endlich lässt Elvira die Arme fallen und Juan zwickt ihr prompt in den Busen.

Groteskes Vanitas-Tableau

Beim diesjährigen Theatertreffen wurde Frank Castorf kritisiert als Tierquäler mit anachronistischem Frauenbild. Darum gibt es hier gleich mal eine Ansage: Titten, Nippeldreher und drei blöd glotzende, echte Ziegen. Der Unverbesserliche beugt sich keinem politischen Korrektiv. Denn Heuchelei, da hält er es ganz mit seinem Helden, ist die Vollendung aller Untugenden. Doch wer hier nun einen Skandal wittert, ist auf der falschen Fährte. Trotz obligatorischer Revue-Kostüme und Stöckelschuhe: Selten wurden Frauen bei Castorf weniger sexualisiert als hier, während seine machistischen Protagonisten mit heruntergelassenen Hosen eher armselig als bedrohlich über die Bühne hoppeln. Überhaupt ist dieser Don Juan im Grunde wenig an Sex interessiert, sondern vielmehr an der Erotik als menschliche Reaktion auf ein Leben, das vergeht.

DonJuan 4 560 MatthiasHorn uVergehendes Leben, vergehende Leidenschaft: Franz Pätzold (Don Juan) + Nora Buzalka (Charlotte)
© Matthias Horn

Die Bühne, für die Aleksandar Denić auch einiges aus Castorfs letztem Molière-Stück Die Kabale der Scheinheiligen verwurstet hat, ist ein sich drehender, barocker Hybrid aus Brettertheater, Zeltstadt, bukolischer Idylle mit Ziegenstall und Cola-Automat sowie einer Badelandschaft mit großem, hölzernen Waschzuber mit einem Klohäuschen in Louis-Vuitton-Tapete. Durch diese Welt streichen Juan und Diener Sagnarelle in Rüsch und Seide, mit Allongeperücke und Sonnenbrille, immer auf der Suche nach oder Flucht vor dem weiblichen Geschlecht. Doch diese Welt ist nicht heiter, sie ist pathologisch. Die eine juckt es im Schritt, die andere hustet Blut, dem dritten wachsen schwarze Pestbeulen am Hals. Der erste Akt ist ein groteskes Vanitas-Tableau, darauf die Figuren zwischen Trauben, Wein und Chickenwings der Reihe nach krepieren.

Das Perverse als lächerliches Symptom

Juan und Diener entkommen dieser Welt. Die Bühne dreht sich in die Unschuld des Landlebens. Doch auch das Bauernmädchen aus dem Ziegenstall verfällt dem Erotomanen, während dessen Fantasien immer obszöner werden. Es wird in Kot getanzt und selbiger dann vom Füßchen geschleckt. Doch spätestens nach einem cheesy Dreier im Waschtrog ist klar, Castorf will hier kein Sodom à la Pasolini, sondern dessen Ironisierung. Das Perverse ist nur das lächerliche Symptom der eigentlichen Frage hinter dem Stoff. Nämlich die, ob Juan nun zynischer Nihilist oder verkappter Ethiker ist. Aus diesem Grund hat Castorf seinen Juan doppelt besetzt. Franz Pätzold als selbstherrlich hypokrite Version des Ur-Casanovas, Aurel Manthei als dessen emanzipierte Ausgabe.

DonJuan 2 560 MatthiasHorn uBereit für frischere Abenteuer: Franz Pätzold (Don Juan), Bibiana Beglau (Elvira) + Aurel Manthei (Don Juan) © Matthias Horn

Nur welche emanzipatorische Leistung kann der Eros heute liefern? Die Befreiung des sexuellen Triebes aus einem restriktiven Wertekorsett ist ja gerade nicht das größte unserer Probleme. Das merkt auch Castorf und verzichtet klugerweise auf die Verteidigung eines plumpen Don Juanismus. Nur eine andere Antwort, als die, dass der Eros nichts per se Schlechtes ist, sondern eben das Dilemma des menschlichen Seins ausdrückt, gibt er auch nicht. Dafür flimmert Marcello Mastroianni dandyhaft über die Leinwand. Es ist die Schlussszene aus La Dolce Vita, Mastroiannis verzweifelter Versuch, mit einer Frau am anderen Ende des Strandes zu sprechen. So plätschert das Stück wie der Fellini-Film dahin: unterhaltsam, aber harmlos, nostalgisch, ein bisschen wehmütig.

Schisma der Temperamente

Dass diesem Don Juan an Feuer fehlt, liegt aber auch daran, dass die Chemie zwischen Castorf und Ensemble in München nicht so explosiv ist wie zu Castorfs Berliner Volksbühnen-Ensemble. Zwar durchdringen die Münchner Darsteller, vor allem Pätzold und Buzalka, ihren Text mit Hingabe. Nur entwickelt dieses Pathos am Ur-Text bei Castorf immer erst dann seine volle Wirkung, wenn es sich im Kampf mit der Assoziationsbereitschaft und der freien Schnauze seiner Darsteller*innen aufreibt. Das fehlt hier. Am deutlichsten wird dieses Schisma der Temperamente, wenn Marcel Heupermann seinen Bauerntrottel Pierrot in geradezu peinlichem Berlinerisch gibt. Wo etwa der Eskapismus eines Daniel Zillmanns immer wieder Brücken ins Hier und Heute zu schlagen wusste, fehlt dem netten Klamauk hier der doppelte Boden. Er verkommt damit wie manches an diesem Abend zum Zitat aus einer verlorenen Zeit.

 

Don Juan
von Molière
Aus dem Französischen von Hartmut Stenzel
Unter Verwendung von Texten von Georges Bataille, Heiner Müller, Blaise Pascal, Alexander Puschkin
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Bibiana Beglau, Nora Buzalka, Julien Feuillet, Marcel Heuperman, Aurel Manthei, Farah O'Bryant, Franz Pätzold, Jürgen Stössinger.
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Christoph Leibold sprach in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (29.6.2018) von einem "melancholischen Abgesang". Castorf habe sich weniger für den Womanizer Don Juan, als vielmehr für den intellektuellen Freigeist, der sich gegen Gebote der Gesellschaft und Gottes wehrt, interessiert, für den "Verführer aus Verzweiflung". Er habe quasi sein eigenes "memento mori" inszeniert. Wer "Testosteron, Hysterie, Dynamik" suche, komme hier nicht auf seine Kosten. Ganz im Gegenteil. Ein ganz untypischer Castorf sei diese Inszenierung gewesen. "Die Frauenfiguren fallen hinten runter. Es geht eher um die Krise dieses Mannes." Gegen Ende des Stücks sei es auch langweilig geworden. Die Kolonialismus- und Imperialismuskritik am Ende sei "überambitioniert rübergekommen" und habe "übergestülpt gewirkt".

Castorf inszeniere "Don Juan" als Grabgesang auf den männlichen Verführer, schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (30.6.2018). "Ein bisschen wie Clowns sehen die beiden Darsteller des Titelhelden aus - sie sind aber, das ist der Clou und auch die Schwäche von Frank Castorfs Inszenierung, absolut unlustige Gesellen." Höbel fragt: "Was ist bloß mit dem Regisseur Frank Castorf los, den viele bisher für den letzten stolzen Macho unter den Theatermachern hielten?".  Denn vier Stunden lang herrsche nicht "Partystimmung, sondern die Melancholie einer Begräbnisfeier". Die Überraschung des Münchner "Don Juan" bestehe darin, dass er tatsächlich von der Heimweh-Sehnsucht eines der ewigen Triebarbeit müden Männerhelden zu erzählen scheint.

Dieser Don Juan habe zwei Gesichter, so Sven Ricklefs im Deutschlandfunk (30.6.2018). Castorf widme sich aber "sichtlich eher weniger dem im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehenden Frauenverführer, sondern eher dem gottlosen Intellektuellen in ihm, der die Leere der Welt und die Leere in sich mit einem verzweifelten Aktionismus übertünchen will". Der getriebene Freigeist Don Juan müsse auch bei Castorf büßen, obwohl man die beiden Don Juans dann kurz darauf zumindest im Video schon wieder im Duett auf der nächtlichen Maximilianstraße bummeln sehe. Fazit: "Und so weiß man am Schluss tatsächlich nicht so ganz genau, wo Frank Castorf mit diesem Molièrschen Don Juan eigentlich letztendlich hinwollte (...) trotzdem hat man über weite Strecken brillanten Darstellern in ungewöhnlichem Theater zugesehen. Und das ist dann doch wieder so wie immer bei Frank Castorf."

Gerade in München habe Castorf "schon Abende gemacht, die viel geistreicher waren", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (1.7.2018). Der "Don Juan" wirke "so vertraut, als sei man bei alten Bekannten zu Besuch" – auch wenn sich Tholl bei der Bühne, dieser "Imagination eines barocken Theaterkleinods", anfangs im Programmheft versichern muss, dass sie tatsächlich von Castorfs Bühnenbildner Aleksandar Denić stammt. Überrascht ist Tholl auch von dem klaren Ende nach vergleichsweise schlanken vier Stunden. Dazwischen lande man wieder "in der vertrauten Castorf-Welt, in der Hysterie und Unfug herrschen" – im "Don Juan" allerdings mit anderer Grundstimmung, so Tholl: "Irgendwo wurmt immer trübselige, dunkle Musik herum, so Neondepression wie von Chris Isaak, Blues oder Klassik, meist liegt Mehltau über dem Geschehen, nah an der Larmoyanz, und die beiden Don Juans tun alles, um sich gegenseitig am Nasenring durch die Arena männlicher Idiotie zu ziehen."

Michael Schleicher schreibt auf Merkur.de, der Webpräsenz des Münchner Merkur (online 2.7.2018, 18:34 Uhr): Es sei natürlich alles da: "Texte-Verschnitte, Drehbühne, Live-Videos, Tiere, Menschen, Assoziationen". Und doch sei nichts wie immer. "Fokussiert, überraschend behutsam" entwickele sich "Don Juan". Castorf sei früher "lauter, brutaler, direkter, fordernder, anstrengender" gewesen. Die "leise Melancholie" mache es einfacher, "dem Regisseur in die Assoziationsräume zu folgen". Immer wieder zwingend sei das Spiel mit "Einschüben, Auswüchsen, Umwegen". Die Inszenierung zweifele jedoch "erheblich" an der "subversiven Kraft" des donjuanesken Lebens. Die Herren der Schöpfung gäben "ein mehr als erbärmliches Bild ab, wenn sie sich in Dauerschleife ohrfeigen". Krasser könne man "den Macho nicht bloßstellen".

"Erstaunlich unerotisch" und zahm findet Annette Walter von der taz (2.7.2018) den "Don Juan". Vielmehr werde man als Zuschauer "Zeuge einer Erosion der Männlichkeit": "Denn im Grunde ist dieser Don Juan ein ziemlich mickriger Typ. Seine Lebensphilosophie ist frei nach Blaise Pascal nicht mehr als eine narzisstische Selbsttäuschung". In einem "erhellenden und philosophisch anregenden Theaterabend" beweise Castorf, was man der Figur des Don Juan, diesem "Frauen vernaschenden Antihelden in #MeToo-Zeiten noch abgewinnen" könne. Begeistert feiere das Publikum seine fünfte Inszenierung am Residenztheater. Mit der kompletten Umstellung der Chronologie werde der Regisseur seinem Ruf als "Stückezertrümmerer" gerecht; "aber die für Castorf typischen dadaesken Leerläufe vermisst man an diesem Abend fast völlig. Langeweile kommt keine Minute auf", schreibt Walter. Streckenweise dominierten "ruhige, textlastige Passagen", die dann "naturgemäß immer wieder in Momenten des Exzesses" explodierten. Ein gelungener Theaterabend.

"Alles bleibt überraschend aufgeräumt," findet Teresa Grenzman in der FAZ (3.7.2018). Sogar die Bilder der beiden Live-Kameras fügen sich aus ihrer Sicht nahtlos in das abendfüllende Gemälde. "Und Castorf malt und malt. Aber er übermalt nicht. Teilt und schichtet Don Juans Texte um auf zwei Schauspieler, Aurel Manthei und Franz Pätzold, der eine abgeklärter, gesetzter, der zweite flinker, frecher. Aber diese Schizophrenie birgt nur den interaktiven Reiz, den Narzissmus als Männerfreundschaft abzubilden, keine Komplexität für den hauptsächlich arrogant gelangweilten Titelhelden."

 

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