Mit glühender Sehnsucht

von Gabi Hift

Reichenau, 4./5. Juli 2018. Das Theaterfestival in Reichenau hat dreißigsten Geburtstag. Aber wenn man hier ist, sieht es so aus als müsse es seit hundert Jahren genauso gewesen sein wie es jetzt ist: Ein kleines, altes Theater, schönbrunnergelb, steht an der Straße inmitten eines malerischen Bergtals, im Hintergrund das Raxgebirge mit seinen schroffen Felsen, grüne Hügel, grasende Kühe. Vor dem Theater hunderte Menschen, nicht mehr jung, die Damen in Samt und Seide, Herren mit hellen Hüten, Sekt in den Händen – es könnte ein lebendes Museum sein, in dem man die Sitten und Gebräuche der Sommerfrische um 1900 studieren kann. Sobald es klingelt, stellen die Herrschaften ihre Sektgläser ab, die Damen sehen jetzt aus wie junge Mädchen, wenn sie in den Saal hineinströmen, das Licht geht aus, und sie treffen gleich auf das erste süße Mädl, das unbedingt hineinwill in die ersten Kreise, das den schönen jungen Mann aus gutem Haus liebt, aber weiß, dass sie nicht gut genug für ihn ist.

Theater wie früher

Hier ist Theater, wie es früher einmal war. Historische Kostüme, Texttreue, und Schauspieler, die in die Figuren hineinschlüpfen, so dass die Zuschauer ihrerseits in die Schauspieler schlüpfen können, die sich so wie in einer Seance plötzlich in der Gegenwart all der Geister von Figuren aus dem Schnitzlerstück wiederfinden – Figuren, die Schnitzler wiederum genau den Menschen abgeschaut hat, die wirklich hier gelebt haben. Und unversehens ist man also selbst das süße Mädl.

Vermaechtnis2 560 DimoDimov uA scheene Leich? David Jakob, Johanna Prosl, Alina Fritsch, Peter Moucka, Stefanie Dvorak, Regina Fritsch © Dimo Dimov

In diesem Jahr heißt das Mädl Toni und ihr geliebter Hugo hat in "Das Vermächtnis" gleich am Anfang einen Reitunfall. Grad noch kann er seiner Familie sagen, dass er ein Kind mit seiner Geliebten hat. Sein letzter Wunsch: seine Familie soll Mutter und Kind aufnehmen und für sie sorgen. Schon ist er tot. Dieses Stück ist nicht gerade ein Highlight in Schnitzlers Schaffen: Am Ende jedes Aktes gibt’s eine Leiche. 2. Akt: die Familie nimmt Toni und das Kind auf, der Kleine stirbt. 3. Akt: Der Vater zeigt sein wahres Gesicht: Ohne das Kind will er Toni, die er jetzt wieder als gefallenes Mädchen sieht, nicht mehr im Haus haben. Verzweifelt geht Toni fort und bringt sich um (genau wie Christin in der "Liebelei"). Hermann Beil inszeniert das ganz sorgfältig vom Blatt, nur ganz am Ende erscheint in der Tapete des nach der Mode der Jahrhundertwende eingerichteten Wohnzimmers ein Riss in der Form eines Blitzes – der einzige kleine Hinweis darauf, dass das hier Theater sein könnte und nicht die Wirklichkeit.

Alles ist wahrhaftig

Schnitzler reitet hier eine moralische Attacke gegen das verlogene liberale Bürgertum (zu dem er sich selbst zählt), aber das funktioniert schlecht, weil er den eigentlichen Übeltäter nicht nur gleich zu Anfang sterben lässt, sondern ihn auch noch als eine Art Heiligen darstellt. Man kann nicht umhin sich zu fragen, warum dieser wunderbare Mensch, Hugo, seine Toni nicht gegen den Willen seiner Eltern geheiratet hat. Die hätten ihn verstoßen, eventuell hätte er dann arbeiten gehen müssen. Dass Derartiges nicht einmal zur Debatte steht, zieht der moralischen Empörung über die Herzlosigkeit des Familienvaters den Boden weg.

Joseph Lorenz hat sich nicht die Mühe gemacht, die Abgründe dieses Mannes auszuloten. Interessant wäre zuzusehen, wie er in kurzer Zeit sein Selbstbild umbauen muss. Lorenz trägt den selbstgerechten Schwadroneur aber so dick auf, dass sich keiner gemeint fühlen muss, man über ihn lachen kann. Bei Regina Fritsch, die Hugos Mutter spielt, stimmt jeder Ton, da ist alles wahrhaftig. Dass dies hier keine große Kunst ergibt, liegt allein an Schnitzler. Die gütigen Mutterfiguren, die auch im ärgsten Schmerz Contenance bewahren, sind bei Schnitzler immer blutleer vor lauter Gutsein.

Das ganze Elend der Pubertät

Ebenso gut, nur schlampiger, ist die Schwägerin von Stefanie Dvorak, auch Hugos Schwester (Johanna Prosl). Sie alle kriegen von Schnitzler keine Chance auf einen widersprüchlichen Charakter. Wirklich interessant ist die 17-jährige Tochter der Schwägerin, die furchtbar in Hugo verliebt war und nichts von seinem Doppelleben geahnt hat. Alina Fritsch spielt diese Agnes als fürchterlichen Trampel, der sich – ganz Teenager – für die tiefgründigste Person auf der ganzen Welt hält und dabei ein total borniertes Kind ist. Alina Fritsch traut sich wirklich was: Immer wieder rutscht ihr was weg, im nächsten Moment gelingt ihr dann ein Tonfall so wunderbar, dass man das ganze Elend der Pubertät miterlebt, an dem sich seit Schnitzlers Zeiten wohl nichts geändert hat. Nanette Waidmann als Toni bleibt hingegen ein Rätsel: Wie kann sie sich mit solcher Macht an Leute hängen, die sie verachten? Was geht in ihr vor?

Das Romanfragment "Cella" von Werfel spielt 40 Jahre nach dem Schnitzler'schen "Vermächtnis" – in den Wochen vor dem sogenannten "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938. Bodenheim, ein kleiner jüdischer Provinzanwalt, ist glühender Patriot, er ist im ersten Weltkrieg vom Kaiser als Held ausgezeichnet worden – der größte Moment in seinem Leben. Jetzt verschließt er die Augen, will nicht glauben, dass es mit Österreich zu Ende geht und bringt dadurch seine Frau und seine Tochter, ein Klavier spielendes Wunderkind, in Gefahr.

Vieles könnte von heute sein

Werfel hat dieses Fragment bereits im Herbst 38 geschrieben, im Exil in Südfrankreich. Er hat den Roman abgebrochen weil er "von der Geschichte überholt wurde". Es ist eine berührende Studie über einen säkularen Juden, der zutiefst an seiner österreichischen Heimat hängt. In der Dramatisierung von Nicolaus Hagg geht leider viel von den inneren Kämpfen verloren. Der Roman ist in der ersten Person geschrieben, Bodenheim träumt viel, Sehnsüchte und Alpträume, es ist schade, dass das fehlt.

Cella2 560 DimoDimov uGesellschaft am Abgrund: Sascha Oskar Weis, August Schmölzer, Julia Stemberger © Dimo Dimov

Trotzdem ist es spannend und erschütternd, den Ablauf der politischen Vorgänge in den Wochen vor dem Anschluss zu verfolgen. "Cella" wird im neuen Theaterraum gespielt, der Agora, es gibt nur ein Sofa, einen Tisch und zwei Stühle. Neue Räume werden jeweils durch Lichtquadranten aus dem Schwarz heraus geschnitten (Bühne: Peter Loidolt, Licht: Lukas Kaltenbäck). Regisseur Michael Gampe setzt geschickt Diskussionen zwischen den Eheleuten gegen politische Zusammenkünfte und baut die Originaltondokumente vom Rücktritt Schuschniggs ein. Vieles, was über die "Weißstrümpfe" gesagt wird, könnte von heute sein. Und es ist vor allem erschreckend zu hören, wie viele Menschen sich Illusionen gemacht haben und wie schnell dann plötzlich alles ging.

Die Sehnsucht dazuzugehören

August Schmölzer spielt Bodenheim sehr geradlinig und man hat große Sympathien für ihn. Man möchte ihn schütteln und anflehen, doch zu begreifen, was passiert, und endlich zu handeln. Wieso, denkt man, kann er dieses Österreich so sehr lieben? Wieso will er mit aller Kraft zu einer Gemeinschaft dazugehören, die ihn hasst und verachtet? Und auf einmal schließt sich der Kreis: Bodenheim ist wie das süße Mädl. Diese irrationale Sehnsucht eine Heimat bei einer Gruppe von Menschen zu finden, auch dann noch, wenn sie einen ausgestoßen haben – weil man es einfach nicht glauben kann, dass man niemals dazugehören wird. Der Jude Bodenheim ist wie das süße Mädl. Und das süße Mädl ist der Jude Schnitzler. In ihr spiegeln sich weniger seine Schuldgefühle als er selbst, seine eigene Sehnsucht, hinein zu kommen. Deshalb sind gerade die jüdischen Autoren, so sozialkritisch sie auch sein mögen, auch die, die Gesellschaft, die sie beschreiben, am meisten lieben, mit der glühenden Sehnsucht dessen der dazugehören möchte.

Schnitzler und Werfel formulieren es beide ganz ähnlich: Sehnsucht nach einer Gemeinschaft von Schönheit und Güte. Und die ersten Kreise der K.u.K.-Monarchie haben sich beide als eine solche Gemeinschaft imaginiert – gegen jedes bessere Wissen. Ebendiese Sehnsucht ist das Vehikel, mit dem das Publikum in Reichenau mitten hinein transportiert wird in die Welt von damals, wie in einem Wagerl einer Geisterbahn. Das ist zwar rückwärtsgewandt. Aber eine gemeinsame Sehnsucht von Autor, Regisseur, Schauspielerinnen und Publikum als conditio sine qua non des "richtigen Theaters" zu behaupten, ist vielleicht gar nicht so schlecht und könnte in der Theaterwelt außerhalb der Reichenauer Enklave auch mal in Erwägung gezogen werden.

 

Das Vermächtnis
von Arthur Schnitzler
Regie: Hermann Beil, Bühne: Peter Loidolt, Kostüme: Erika Navas, Licht: John Lloyd Davies.
Mit: Joseph Lorenz, Regina Fritsch, David Jakob, Johanna Prosl, Stefanie Dvorak, Alina Fritsch, Nanette Waidmann, Dominik Raneburger, René Peckl, Peter Moucka.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

Cella
nach Franz Werfel
Bühnenfassung von Nicolaus Hagg nach dem Roman "Cella oder die Überwinder" von Franz Werfel
Regie: Michael Gampe, Bühne: Peter Loidolt, Kostüm: Erika Navas, Licht: Lukas Kaltenbäck.
Mit: August Schmölzer, Julia Stemberger, Sascha Oskar Weis, André Pohl, Toni Slama, Martin Schwab, David Oberkogler, Philipp Stix, Gerhard Roiss.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

festspiele-reichenau.com

 

Kritikenrundschau

Barbara Petsch schreibt in der Wiener Presse (5.7.2018, 18:04 Uhr, Bezahlschranke) über Schnitzlers "Vermächtnis": Hermann Beil inszeniere nicht zum ersten Mal Schnitzler in Reichenau. Er setze wieder auf "gestochen scharfe Dialoge", zeige sich als "Genauigkeitsfanatiker, freilich auch als Pedant, der zu Dressurakten neigt, die Figuren wirken vor allem im ersten Teil der Aufführung teilweise affektiert". Die Schauspieler*innen seien fast durchweg sehr gut, zwei begeisterten sogar "rundum": René Peckl als Hugos Freund Gustav. Und Stefanie Dvorak sei "atemberaubend, richtig in jeder Nuance zeichnet sie diese fortschrittliche Dame in rückschrittlicher Zeit". "Alles in allem: gelungen mit einigen Irritationen, Schnitzler wurde jedenfalls kundig ausgelotet."

Hans Haider schreibt über "Das Vermächtnis" in der Wiener Zeitung (online 5.7.2018, 16:08 Uhr): In ihrem Jubiläumsjahr wagten die vor 30 Jahren gegründeten Festspiele Reichenau diese sperrige Rarität nach "Hermann Beils strengem Konzept". Es beginne mit der "klugen Verknappung des Texts", Peter Loidolts "Art-Déco-Schauwand" und Erika Navas’ "dezentem Kleiderrausch". Im dritten, dem letzten Akt mit "den selbstgefälligen Männer-Tiraden" drehe Beil "weit über die in Reichenau fast zu Tode gepflegte Konversations-Säuselei auf". Das Publikum gehe gerne mit und jubele.

Auch über "Cella" schreibt Barbara Petsch in der Presse (online 6.7.2018, 18:25 Uhr): Nicolaus Hagg, der für Reichenau schon öfter Romane erfolgreich bearbeitet habe, verstehe sich auf "das Herstellen atemloser Spannung mittels schlagfertiger Dialoge". Und Regisseur Michael Gampe habe "diesmal dankenswerterweise auf Überzeichnung verzichtet" und inszeniere "sozusagen vom Blatt". Kaum einer sei an diesem Abend nicht großartig. Bei diesem Ensemble stimme einfach alles. Diese Produktion sei "die beste einer insgesamt starken Saison" in Reichenau, sei "vielleicht auch der lebendigste Beitrag zum heurigen Gedenkjahr".

Heiner Boberski schreibt über "Cella" in der Wiener Zeitung (online 6.7.2018, 16:17 Uhr):  Hagg habe aus dem Roman ein "hochpolitisches Stück gemacht", in dem vor allem der Nationalismus "sein Fett abbekommt". Peter Loidolt habe "nur die nötigsten Möbel in den Neuen Spielraum von Reichenau gestellt", in dessen Mitte "ein hervorragendes Ensemble die bis zum Ende die Spannung haltende Inszenierung von Michael Gampe trägt". Zur dichten Atmosphäre trügen die "eingespielten Reden von Kurt Schuschnigg und Joseph Goebbels" ebenso bei wie die als "Musikbrücke" dienende alte Haydn-Melodie, "sowohl als Kaiserhymne als auch als Deutschlandlied bekannt". Die Schauspieler*innen durchweg sehr gut.

Margarete Affenzeller schreibt im Standard über beide Inszenierungen (online 6.7.2018, 17:12 Uhr): Während das Theater andernorts seine "formalen Luftsprünge" mache, sich neuen Formaten und Kunstsparten öffne, Erzählweisen und Perspektiven hinterfrage, erstehe in Reichenau "umgeben vom monarchischen Zauber der Sommerfrischedestination" alljährlich eine "Welt von gestern", in der sich "vor allem die Literatur der Jahrhundertwende" in "strammem Schauspielertheater" entfalte. Reichenau bemühe sich darum, die "Stücktexte durch Regieeingriffe nicht zu irritieren". Imaginiert werde in der Manier eines "realistisch-psychologischen Spiels" eine "Welt, wie sie zur Entstehungs- und Spielzeit des Stücks gewesen sein könnte". Mit allen dazugehörigen Details in der "Ausstattung und Abbildung von jeweils vorherrschenden Rollenbildern". Hermann Beils Inszenierung von "Vermächtnis" scheitere am "überstrapazierenden 'Erspielen' narrativer Details". "Ein verzettelter Abend", an dem die Schauspieler die Zügel in der Hand haben und dabei "auch über die Stränge schlagen". In Nicolaus Haggs Überarbeitung von Werfels "Cella" halten die Schauspieler die Spannung "stets aufrecht".

 

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