Beziehung zwischen Führungspersonen

Bern, 6. Juli 2018. Stephan Märki tritt mit sofortiger Wirkung als Intendant des Konzert Theater Bern (KTB) zurück. Wie das KTB meldet, verlässt auch Sophie-Thérèse Krempl, Leiterin Kommunikation und Künstlerische Leitung Kooperations- und Sonderprojekte, das Haus.

Hintergrund ist, dass sich "seit Frühjahr 2017 eine Beziehung zu einer Führungsperson im Theater entwickelt habe", so die Presseaussendung. Dabei handle es sich um Sophie-Thérèse Krempl. Eine Beziehung zwischen Leitungspersönlichkeiten aber widerspreche "einer vorbildlichen Governance", der sich das KTB verpflichtet fühle.

Nadine Borter, Stiftungsratspräsidentin seit 1. Juli 2018, wird mit den Worten zitiert: "Wir respektieren die persönliche Entscheidung des Intendanten, seine Tätigkeit zu beenden. Dieser Entscheid zeugt von einer Grösse, die selten anzutreffen ist, zumal er den Umstand selber offengelegt hat. Damit übernimmt Stephan Märki Verantwortung und handelt im Interesse von Konzert Theater Bern. Angesichts der nun transparent gemachten Situation erachtet der Stiftungsrat den Schritt für richtig und unausweichlich."

Das Konzert Theater Bern wird nun interimistisch und mit externer Unterstützung vom kaufmännischen Direktor Anton Stocker geführt. Da der Spielplan 2018/2019 bereits verabschiedet und veröffentlicht ist, sei künstlerische Kontinuität für die nächste Saison garantiert, so die Presseaussendung weiter.

Da Märki über einen festen Vertrag bis 30. Juni 2021 verfügt, haben sich die Parteien laut der Mitteilung darauf geeinigt, sein Gehalt bis Ende April 2019 zu zahlen.

Während seiner sechsjährigen Berner Intendanz gab es immer wieder vorzeitige Personalwechsel auf der Leitungsebene. Nach nur einem halben Jahr trennte sich das KTB von Schauspielchefin Stephanie Gräve. Ihr Nachfolger Cihan Inan verließ das Haus nach nur zwei Jahren – offenbar im Konflikt mit Märki wegen der Personalie Sophie-Thérèse Krempl. Erst im Mai 2018 wehrte sich das Berner Ensemble öffentlich gegen Leitungsquerelen.

(KTB / geka)

 

Presseschau

6. Juli 2018. Das Video der Medienkonferenz mit dem Statement von Stephan Märki gibt es hier, beim Berner Bund (6.7.2018). Ein Gespräch mit Stiftungsrat Marcel Brülhart findet sich hier, auf der Seite des Schweizer Rundfunks (online 6.7.2018, 17:30 Uhr).

"Alles war im Prinzip bekannt", schreibt Michael Feller in der Berner Zeitung (6.7.2018) über die nun verlautbarte Beziehung zwischen dem Intendanten und der Kommunikationschefin am Konzert Theater Bern. Nur habe Märki gegenüber dem Stiftungsrat "offenbar bis zuletzt unter Schwur dementiert, dass diese Beziehung existiere", so Feller. Bei der Medienkonferenz zu Märkis Rücktritt lehnte der Stiftungsrat Marcel Brülhart einen Kommentar dazu ab. Zum Eklat kam es Feller zufolge nach einem Zeitungsinterview, bei dem ein Journalist Märki "mit persönlichen Fragen gelöchert hatte". Danach hätten Märki und Krempl dem Stiftungsrat ihre Beziehung berichtet und das "Lügengebilde konnte nicht mehr aufrechterhalten werden", so Feller. Man habe sich auf die sofortige Freistellung von Märki und Krempl geeinigt und suche jetzt nach Übergangslösungen für das KTB. Um "folgenschwere Liebschaften" künftig zu auszuschließen, stellte die Stiftungsratspräsidentin Nadine Borter bei der Medienkonferenz einen Verhaltenskodex in Aussicht.

In einem Liveticker hat Der Bund (6.7.2018) die Medienkonferenz zu Märkis Rücktritt verfolgt. Unter dem Stichpunkt "Marschtabelle" geht es um die Zukunft am KTB: Eine Nachfolge werde für die Planung der Spielzeit 2020/21 gesucht, so Der Bund. Die Saison 2018/2019 sei bereits programmiert; Stephan Märki werde die Regie der "Tristan und Isolde"-Aufführung noch übernehmen.

Als Opfer von Kampagnen sieht Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (6.7.2018) den Intendanten: "parteipolitische Gegner" hätten versucht, "der Person Märki das Führungsmodell zum Vorwurf zu machen"; das Theaterportal Nachtkritik.de etwa habe ihm "in agitatorischer Weise regelmässig Machtfülle vorgeworfen und mit Unterstellungen argumentiert", so Muscionico. Nun hätten die Gegner Märkis "ihr kleines Ziel erreicht", der Schaden allerdings sei groß: "Die Gier um Aufmerksamkeit der Kolporteure liegt für alle sichtbar auf dem Tisch. Wohin es führt, wenn nicht mehr die künstlerische Leistung, sondern das Privatleben eines Intendanten der Massstab für seine Qualifikation ist, zeigt der Fall Bern". Märki habe das KTB wirtschaftlich hervorragend und künstlerisch erfolgreich geführt, so Muscionico, und "etablierte es als einziges Vierspartenhaus der Schweiz". Im Zwischentitel über den letzten Absätzen ist von einem "Dolchstoss" die Rede, im Titel des Artikels von "Kannibalismus am Theater Bern" und einer "Verluderung der Kulturszene".

Im Berner Bund fragt Sophie Reinhardt (online 6.7.2018, 22:42 Uhr), warum die Beziehung Märkis zu Krempl, von der die Berner Medien schon vor Wochen berichteten, "für den Stiftungsrat erst jetzt ein Problem" geworden sei. Marcel Brülhart, Stiftungsratpräsident bis zum 30. Juni, habe angegeben, das Gremium habe erst am Dienstag, den 3. Juli davon erfahren. Märki sei zwar bereits früher mehrmals nach der Beziehung gefragt worden, habe sie aber bestritten. Erst als bei einer Sitzung am Dienstag Märki und Krempl mit dem Gerücht konfrontiert worden seien, dass sie ein Paar seien, hätten sie bestätigt. Wenn diese Beziehung dem Stiftungsrat zum Zeitpunkt des Konfliktes zwischen Märki und seinem Schauspieldirektor Cihan Inan bekannt gewesen sei, "wäre die Ausgangslage", laut Marcel Brülhart, "eine andere gewesen". Ob der Stiftungsrat nicht mehr hätte tun können, um rechtzeitig informiert zu sein, bleibt offen, schreibt Reinhardt. Immerhin erinnerten die "Umstände von Märkis Abgang" an eine Affäre zu Märkis Zeit in Weimar. "Im Jahr 2010 soll der Zuschlag für die Bewirtung des Deutschen Nationaltheaters Weimar an eine Betreiberin gegangen sein, die damals Märkis Lebensgefährtin war." Ende 2012 habe das Landgericht Mühlhausen die Anklage der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen: "Selbst wenn die Vorwürfe stimmten, würde nach Gesetzeslage keine Straftat vorliegen." Die Geschichte sei in Bern bekannt gewesen. "Aus dem Umfeld des Stiftungsrats heisst es heute, man habe Märki versprechen lassen, dass sich etwas Ähnliches in Bern nicht wiederholen werde." Finanziell und künstlerisch gelte die Ära Märki als "erfolgreiche Zeit".

Im Journal B (9.7.2018) stellt Christoph Reichenau etliche Nachfragen, u.a. "Ist die Beziehung a priori unhaltbar, weil nach «Compliance»-Regeln verpönt? Oder ist sie unhaltbar, weil sie nicht offen bekannt gemacht worden ist? Anders gefragt: Müssen Märki und Krempl gehen, weil sie eine Beziehung haben oder weil sie diese lange verheimlichten?" und mahnt: "Es wäre nicht im Interesse der an KTB interessierten Bevölkerung, wenn der Stiftungsrat einfach Kontinuität wahren würde anstatt mutig einen Neuanfang zu wagen."

(eph / jnm)

 

8. Juli 2018. Andreas Tobler schreibt in der Sonntagszeitung des Zürcher Tages-Anzeigers (online 7.7.2018, 22:32 Uhr, Bezahlschranke) über seine Recherchen zu den Konflikten am Konzert Theater Bern.

Von der Recherche zum Rücktritt

Das Konzert Theater Bern (KTB) sei das einzige Vierspartenhaus der Schweiz, das Oper, Ballett, Schauspiel und ein Orchester unter einem Dach vereinigt. Sechs Jahre lang war Stephan Märki Intendant in Bern. In dieser Zeit sei immer wieder von "Machtmissbrauch, Günstlingswirtschaft und einem Klima der Angst" am Theater die Rede gewesen. Zwei Monate lang habe die SonntagsZeitung (des Zürcher Tages-Anzeigers) "zu den Konflikten am Theater" recherchiert. "In dieser Zeit führten wir gut hundert Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern, trafen Insider in Fumoirs, Beizen und Hotels von Bern, sammelten Aussagen und Belege." Und am Ende dieser Zeit habe "man" Stephan Märki "etwas mehr als neunzig Minuten" lang interviewt. Am Freitag "kurz nach neun Uhr" habe Märki das ihm vorgelegte Interview "als Ganzes" zurückgezogen. Um 14 Uhr gab er seinen Rücktritt von der Intendanz auf einer Pressekonferenz bekannt.

Liebesbeziehung

Mit der Erklärung, die er auf der Pressekonferenz verlas, habe Märki versucht, "sich zum Opfer zu stilisieren". In der Sache aber habe er seinen Kritikern recht gegeben. Märki habe eingeräumt, dass er seit Frühjahr 2017 eine Liebesbeziehung mit seiner "langjährigen Mitarbeiterin", der Leiterin Kommunikation und Sonderprojekte am Berner Theater Sophie-Thérèse Krempl unterhielte, "die bereits während seiner Weimarer Intendanz seine Assistentin war, die mit ihm am Berner Theater in der Geschäftsleitung sass – und wegen der es wiederholt zu Konflikten kam". Wobei diese so heftig gewesen seien, "dass andere Mitarbeiter nicht mehr am Theater arbeiten konnten und wollten".

Verstoß gegen die Geschäftsordnung

Das Problem der Beziehung Krempls und Märkis bestünde darin, schreibt nun Tobler weiter, dass beide zur Geschäftsleitung des Theaters gehörten. In der Geschäftsordnung des Hauses werde jedoch "festgehalten", dass "alle Mitglieder der Leitung bei Interessenkonflikten in den Ausstand zu treten hätten". Tobler zitiert den Rechtsanwalt Marcel Brülhart, der bis zum 1. Juli als Stiftungsratpräsident des KTB amtiert hatte: "Die nicht offengelegte persönliche Verbindung bewirkt im Ergebnis einen Verstoss gegen die Ausstandsregeln der Geschäftsordnung." Wäre dem Stiftungsrat die Beziehung zwischen Märki und Krempl bekannt gewesen, hätte er es "nicht akzeptiert", dass "Stephan Märki und seine Geliebte der Geschäftsleitung angehörten", so Brülhart.

Konflikte mit dem Schauspieldirektor

Weiter vermutet Tobler, dass die Konflikte mit dem noch amtierenden Schauspieldirektor Cihan Inan, der seinen Vertrag nicht über den Sommer 2019 habe verlängern wollen, ebenfalls auf die unklare Hierarchie im Haus und die Sonderstellung von Sophie-Thérèse Krempl zurückzuführen sei. Obschon üblicherweise der Schauspieldirektor die Schauspieldramaturgie leite, habe Märki, so Tobler, eigenhändig die Weisungsbefugnis des Schauspieldirektors Inan gegenüber der Schauspieldramaturgie aus dessen Vertrag gestrichen. Damit habe er Konflikte zwischen Krempl, die bis Dezember 2017 Dramaturgin in Bern gewesen war, und Inan heraufbeschworen, weil die eigentlich untergebene Krempl als Verantwortliche für Sonderprojekte zugleich mit Inan in der Leitung des Hauses gesessen habe.

Aufklärung im Fall Stephanie Gräve?

"Wir haben Berufliches und Privates voneinander getrennt", habe Stephan Märki bei seinem Rücktritt gesagt. Doch sei Sophie-Thérèse Krempl, die jetzige Geliebte, "nicht die einzige Person aus seinem Liebesleben, mit der er am Stadttheater Bern zusammengearbeitet" habe. Tobler präsentiert einen Auszug aus einer E-Mail von Märki vom 8. Januar 2016 an seine damalige Schauspieldirektorin Stephanie Gräve: "Claudia Meyer ist neben den fünf alten Ensemblemitgliedern die einzige ästhetische Setzung, die ich dir als Bedingung für die Schauspieldirektion vorgegeben habe. Jetzt hast du dich auch daran zu halten". Claudia Meyer sei Märkis frühere Lebensgefährtin gewesen, die er am Berner Theater als Hausregisseurin mit Mitspracherecht bei der Verpflichtung von Schauspielerinnen und garantierten zwei Inszenierungen pro Spielzeit  verpflichtet habe.

Berner Blauäugigkeit

Auch die Berner Politik habe in dieser Angelegenheit "versagt", schreibt Tobler weiter. Sie habe nichts aus den Konflikten am Stadttheater lernen wollen. Immerhin hätten während Märkis sechsjähriger Intendanz "drei Schauspieldirektoren [Iris Laufenberg, Stephanie Gräve, Cihan Inan - d. Red.] überraschend ihren Abschied bekannt" gegeben. Woher etwa habe der Berner Gemeinderat noch im Juni die Sicherheit bezogen,"dass das Theater trotz zahlreicher, äusserst ungewöhnlicher Wechsel in Leitungspositionen im Vergleich zu anderen Theatern «eine hohe Stabilität» aufweise?" Man stütze sich dabei "auf Angaben von KTB", habe der Gemeinderat mitgeteilt.

(jnm)

15. Juli 2018. Andreas Tobler legt in der Sonntagszeitung (15.7.2018; hinter der Bezahlschranke) noch einmal nach: Wie könne es angesichts der offenen Fragen und ungeklärten Vorwürfe sein, dass Märki "bis Ende April seinen Intendantenlohn erhält und noch im Mai 2019 an seinem früheren Haus eine Operninszenierung herausbringen darf?" "Gut unterrichtete Quellen" sagten, dass Märki "zum Rücktritt gedrängt werden musste, dass deshalb die Zeit knapp war" und die Freistellungsvereinbarung erst eine halbe Stunde vor der Rücktritts-Pressekonferenz unterschrieben worden sei. "Eine fristlose Kündigung sei erwogen, aber angesichts eines möglichen Rechtsstreits verworfen worden", sage die Quelle (zuvor war noch von "Quellen" im Plural die Rede; Anm. der Redaktion / ape). Mit Berufung auf "gut informierte Kreise" beziffert Tobler Märkis jährliches Intendantengehalt auf 240.000 Franken, schreibt von einem maximalen Bonus von 36.000 Franken im Jahr "bei erfolgreichem Theaterbetrieb" (den Märki immer ausbezahlt bekommen haben soll) und einer Inszenierungsgage von je 20.000 Franken. Demnach könnte Märki nach seinem Rücktritt jetzt noch weitere 220.000 Franken erhalten.

Desweiteren stellt Tobler Fragen an den Stiftungsrat hinsichtlich der Ernennung Märkis zum Intendanten zu seiner dritten Berner Spielzeit (zuvor war er Direktor), mit der, so Tobler, "ganz klar ein Machtausbau (…) und eine Beschränkung der Autonomie der einzelnen Spartenleiter verbunden war"; für Märki wurde damit auch das Inszenierungsverbot aufgehoben. Der Stiftungsrat hingegen, von dem sich bisher nur Marcel Brülhart gegenüber der Sonntagszeitung äußern mag, begründet diesen Schritt in der Rückschau damit, dass "gegen aussen oft nicht klar gewesen sei, wer die Gesamtverantwortung für das Haus trage" und gegen innen unmissverständlich klar gestellt werden musste, dass Märki "auch die künstlerische Endverantwortung für das Haus trägt".

(ape)

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