Vom Häuten der Zwiebel

von Michael Laages

Bad Hersfeld, 6. Juli 2018. Gut, das war vorher schon klar – wer den weiten Weg nimmt zur Eröffnungspremiere der traditionsreichen Festspiele in der Stiftsruine des nordhessischen Bad Hersfeld und dort einfach nur einen möglichst mitreißenden Theaterabend erleben möchte, der hat die falsche Entscheidung getroffen. Denn vorher ist viel zu viel vom Rummel der Beiläufigkeiten zu überstehen: wohl gemeinte Reden zunächst, diesmal auch vom amtierenden Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (die Chefin reist ja immer nach Bayreuth); und die Flurbereinigung nach dem schnellen Abschied von Kurzzeit-Intendant Dieter Wedel.

Wedel hatte das Festival 2015 übernommen, als die lokale Politik den bis dato leitenden Regisseur Holk Freytag zielstrebig aus dem Amt ekelte. Nach den umfangreichen Vorwürfen wegen sexueller Belästigung, dem Auftakt des heimischen #MeToo-Streits, war der Regisseur und Intendant Anfang Februar nicht mehr zu halten. Sein Assistent Joern Hinkel übernahm die Leitung. Darum mag jetzt manches "wie neu" wirken; vieles aber atmet auch noch Wedels Geist – der unglaubliche Schnickschnack mit dem "roten Teppich" zum Beispiel. Für Prominenz vom Schlage eines Henry Maske wird das Festspiel-Gelände von Security-Schranzen derart grob in VIP-Adel und Fußvolk sortiert, dass sich der schlichte Theaterbesucher schon ziemlich überflüssig vorkommen kann. Besser, das vor allem an Spielformen der Kunst interessierte Publikum kommt irgendwann nach den Premieren.

Theater trotz lärmenden Brimboriums

Das Ungemach rund ums Entrée wäre im Grunde aber auch gar nicht so schlimm, wenn wenigstens die zur Begutachtung anstehende Aufführung von Beginn an klar machen würde, dass es hier, allem lärmenden Brimborium zum Trotz, vor allem um eins geht: um Theater. Aber nun hat sich in dieser Hinsicht auch jene Fassung von Ibsens "Peer Gynt" merklich schwer getan, mit der Robert Schuster, Regie-Professor in Berlin und eine der wichtigen, verlässlichen Echo-Stimmen aus dem modernisierten Theater-Sound der alten DDR, eine der ganz frühen eigenen Geschichten sozusagen nochmal erzählt. Ibsens "Peer Gynt", neu getextet vom heutigen Hamburger Schauspielhaus-Dramaturgen Christian Tschirner unter dem vor zwanzig Jahren erfundenen Kollektiv-Namen Soeren Voima, war auch Schusters Durchbruch jenseits von Berlin gewesen, in Frankfurt am Main. Und selbst Christian Nickel, jetzt in Hersfeld Schusters Titelfigur, war damals schon mit dabei… eine Art Klassentreffen also.

PeerGynt3 560 BadHersfelderFestspiele KlausLevebvre uDie alte Geschichte von Mädchen und Mann: Christian Nickel und Corinna Pohlmann © Klaus Levebvre

Wer nun aber meint, "seinen" Gynt zu kennen, wird von dieser Fassung tüchtig aus der Bahn geworfen – sie beginnt durchaus nicht in norwegischen Dörfern, sondern sofort im Kairoer Irrenhaus von Ibsens monströsem Doktor Begriffenfeldt; also mitten in der Handlung. Peer Gynts frühe Abenteuer werden teilweise per Video-Sequenz in zwei Bild-Kästen am Bühnenrand gepfercht, teils aufgenommen im einigermaßen wahnsinnigen Begriffenfeldt-Team – der Wahnsinn nämlich tarnt sich hier als Wellness-Oase, als "Beach-Club Blú", wo ausgebrannten Managern wieder Beine gemacht und sie mit vielen Methoden der "Ich-Optimierung" umsatz- und profitorientiert in Topform gebracht werden sollen. Derlei Idiotien gibt’s ja wirklich; sie werden teuer bezahlt. Und weil auch Peer Gynts zentrales Lebensproblem das des "eigenen Ich" ist (und bleibt bis zum Schluss, bis zum unübertrefflichen Bild der gehäuteten Zwiebel, in der eben kein Menschen-Ich steckt), lässt sich der Voima-Idee, modisch-modern runderneuert, sogar gedanklich ganz gut folgen. Sie führt dann allerdings sehr konsequent zu Szenen voll brummender Blödheit.

Gereime zum Grausen und trollige Netz-Nerds

Zumal die Voima-Strategie ja auch die ziemlich anstrengende Poeterei der frühen Gynt-Übersetzung von Christian Morgenstern aufnahm – um sie gegen den Strich zu bürsten. Auch in der Neufassung wird gereimt, dass es einer Sau graust; oft ohne jede Rücksicht auf Metrik und Melodie in der Sprache. Mancher Reim klingt genau so schauerlich "unrein" wie in zeitgenössisch-deutscher Schlagerproduktion. Und mit noch einem Gedanken (den es so vor 20 Jahren wohl noch nicht gab) lässt sich durchaus umgehen – weil Fake-Nutzer im Internet heute als "Trolle" gelten, werden nun umgekehrt die mystisch-nordischen Unterwelt-Wesen, die "Trolle" eben, zu ekligen Netz-Nerds. Gedanke verstanden – aber es sieht dann halt vollkommen fürchterlich aus.

Natürlich muss Gynt gleich nach der Pause mit flirrender TV-Begleitung auch noch Präsident werden wollen; Donald Gynt sozusagen… aber da teilt die leitende Irrenärztin zum Glück schon mit, dass "gestern um 11" die Vernunft aus der Welt verschwunden sei. Vor dem nun unabwendbaren Irrsinn flieht Peer nach Hause; sein Schiff geht unter und die Rachegeister der Heimat wollen ihn (nach dem nicht bestandenen Zwiebel-Test) in guter alter Manier zum belanglosen Knopf einschmelzen. Und ist es nicht merkwürdig? Nach all der aufgeplusterten Modernisiererei, auch nach den vielen medialen Ticks und Tricks mit Video auf den Bildwänden (manchmal auch bloßen Albereien wie beim Schiffsuntergang), kommt die Inszenierung im Finale (also bereits nach Mitternacht!) in genau der Ruhe und Sicherheit an, die dem Abend zuvor völlig gefehlt hat.

PeerGynt2 560 BadHersfeld KlausLevebvre uClaude-Oliver Rudolph mit Peer-Puppe © Klaus Levebvre

Drei Baumstämme sind da auf Jens Kilians Bühne gefährlich nah ans Spielfeld gerollt, und Gloria Iberl-Thieme (sie führt eine Puppe von jungen Gynt, die schließlich auch zum höllischen Rachegeist wird) übernimmt ganz und gar die Wirkung; neben Leena Alam, die als lebenslang treue und nun schon blinde Solveig das letzte Lied vom Sterben singt. Iberl-Thieme und die Puppe (und Alam, die irgendwann im ersten Teil als Geflüchtete angeschwemmt wurde) geben dieser bis über alle Grenzen modischen Schnickschnacks hinaus driftenden Inszenierung plötzlich den Kern, der bis dahin fehlte. Selbst Nickel, der den Abend allemal trägt, gibt ihm nie dieses Gefühl; und das extrem durchwachsene Ensemble um Nina Petri und Anouschka Renzi erst recht nicht.

Der Held am Ende ist ein Puppe – eigentlich eine gute Pointe nach all dem Budenzauber.

 

Peer Gynt
nach Henrik Ibsen, übersetzt von Soeren Voima, Hersfelder Fassung
Regie: Robert Schuster, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Clarissa Freiberg, Musik: Jörg Gollasch, Video: Torge Möller/FettFilm, Dramaturgie: Holger Kuhla, Puppengestaltung: Suse Wächter.
Mit: Leena Alam, Nasir Formuli, Andre M. Hennicke, Gloria Iberl-Thieme, Simone Kabst, Tilo Keiner, Thorsten Kublank, Christian Nickel, Nina Petri, Corinna Pohlmann, Ute Reiber, Anouschka Renzi, Claude-Oliver Rudolph, Pierre Sanoussi-Bliss, Andreas Schmidt-Schaller, Maximilian Wigger.

www.bad-hersfelder-festspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Es ist mit dieser verstiegenen Inszenierung wie mit der berühmten Gynt'schen Zwiebel, die an diesem Abend Anouschka Renzi schält: So viele Schichten – und kein Kern", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (9.7.2018). Robert Schuster nehme den "Peer Gynt" einmal ganz auseinander, um ihn "episoden- und bruchstückhaft, mit reichlich digitaler Schmiere und teils albernen Spezialeffekten", wieder zusammenzusetzen – "allerdings so, dass man vor lauter Peer-Gynt-Abziehbildern und videotrickreichen Wimmelszenen keine Handlung mehr erkennt", so Dössel: "Vielmehr wähnt man sich in einer Art live aktiviertem Computerspiel: Komm mit in Peer Gynts Erlebniswelt, jage die Trolle und folge der Puppe als Avatar!"

"Modernes Theater in dieser Konsequenz war bisher in der Stiftsruine noch nicht so oft zu sehen", schreibt Christine Zacharias in der Hersfelder Zeitung (9.7.2018). "Regisseur Robert Schuster hat Henrik Ibsens Stück für seine Inszenierung komplett auseinandergenommen, neu zusammengefügt und in die Gegenwart versetzt. All das wirkt wohl durchdacht und gut konzeptioniert, war für viele Zuschauer aber nur in Ansätzen verständlich", so Zacharias. "Aus dem durchweg hochkarätig besetzten Ensemble stechen vor allem Christian Nickel und Nina Petri hervor." "Bemerkenswert" seien zudem die Kostüme von Clarissa Freiberg und "die vielseitige, stimmungsunterstützende Musik" von Jörg Gollasch.

"Keine Betulichkeitsfolklore, keine Höhlenromantik, kein Norwegenidyll": Mit einer starken Setzung inszeniere Robert Schuster Ibsens Sinnsucher-Klassiker, schreibt Bettina Fraschke in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (9.7.2018). Entstanden sei "ein mutiger Abend mit einem stringent durchgestalteten Konzept von jemandem, der genau weiß, worauf er inhaltlich hinaus will" – mit einem "großartig aufspielenden Ensemble", präzise eingesetzter Videotechnik und dem für "emotional bewegende Höhepunkte" sorgenden Puppenspiel von Gloria Iberl-Thieme. Ein "opulenter Bilderbogen", in dem trotz umgebauter Szenenabfolge und zeitgenössischem Setting Ibsens Themenkern erhalten bleibe, so Fraschke. Schwächen habe der Abend "bei den neu hinzugefügten Textzeilen, die etwa das Wasserlassen arg schlicht als 'schiffen' bezeichnen und dann auf 'kiffen' reimen" oder dem ob eines Aktualitätswunsches "reingequetschten" Szenenbild zur "Donald-Trump-artige(n) Polit-Twitterei".

 

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