Alte Rache rostet nicht

von Steffen Becker

Worms, 20. Juli 2018. Festspielaufführungen sind Inszenierungen auf, aber auch vor der Bühne. Der "Zeit" ist zu entnehmen, dass die Nibelungenfestspiele Worms es mit Salzburg aufnehmen wollen. Auf dem roten Teppich ist der Abstand aber deutlich. Man sieht viele Gesichter aus Reality-Formaten, am ehesten kennt man noch Harald Glööckler, der im pompösen Outfit an einem blutrot gefärbten Wasserspiel vorbeistolziert.

Auf der Besetzungsliste kann Worms jedoch mithalten. Für "Siegfrieds Erben" hat Intendant (und Fernsehproduzent) Nico Hofmann bekannte Namen gewonnen – Jürgen Prochnow als Hunnenkönig Etzel, Ursula Strauss als Königin Brunhild, Jimi Blue Ochsenknecht als Königssohn Gunther und weitere. Sie spinnen in einem Text von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel die Nibelungensage weiter. Das Autorenduo und Regisseur Roger Vontobel beherzigen dabei die Grundregeln eines Historienfestivals. Eine Domkulisse fordert XXL-Theater. An Schlamm, Feuer, Nebel, dramatischer Musik und Lichteffekten wird nicht gespart. Wichtig für ein Schauspiel, das auf einen bestimmten Stoff setzt, ist zudem, dass die Inszenierung allenfalls im Rahmen des Erwartbaren überrascht.

Ränkespiele um Reich, Schatz und die Niederländerin

Die Autoren greifen in ihrem Nibelungen-Sequel die Grundmotive der Saga auf – rachedurstige Frauen treiben die Geschichte, die Männer rennen in ihr Verderben und es endet mit einem Gemetzel. Hunnenkönig Etzel zieht nach Kriemhilds Rache gen Worms, um das Burgunderreich an sich zu reißen. Davon ist aber nicht mehr viel übrig – die Bühne beziehungsweise der Thronsaal besteht aus einer morschen Treppe und abgesägten Bögen, die auf den ersten Blick nach Gold und auf den zweiten nach Rost aussehen. Es herrscht eine wütende Brunhild, die den Frust über ihr Schicksal als gezähmte Walküre an ihrem Sohn auslässt. Dann stehen auch noch die Niederländer mit Siegfrieds Eltern vor der Tür und fordern das Reich für ihre Enkel Swanhild und Gunther. Die Ränkespiele werden jäh unterbrochen durch den Einfall Etzels. Ohne Rücksicht auf alte Regeln setzt er seine Interessen durch – er hat die Truppen, also will er auch den Schatz, das Reich und gerne auch die junge Niederländerin als Mutter eines neuen Erben.

Siegfrieds Erben III 560 David Baltzer xDie Ankunft der Niederländer: Linn Reusse als Swanhild, Jimi Blue Ochsenknecht als Gunther, Karin Pfammatter als Königin Sieglinde und Bruno Cathomas als König Siegmund © David Baltzer

Der Reiz von "Siegfrieds Erben" besteht darin, dass er die Geschichte als Farce wiederholt. Die Protagonisten machen die gleichen Fehler wie die Generation vor ihnen, aber ihnen fehlt alles Heldenhafte, nichts maskiert ihren Egoismus. Regisseur Vontobel lässt Siegfrieds Sohn Gunther (Ochsenknecht) als Wichtigtuer auftreten. Er lässt seine Abstammung arrogant heraushängen – und wird dafür wie Siegfried in der Nibelungensaga als erster aus der Geschichte befördert. Wenn auch weit kläglicher als Menschenopfer Etzels (die Premierenanwesenheit von Vater Ochsenknecht gibt der Analogie von "Siegfrieds Erben" noch mal eine besondere Note).

Die Hagen-Rolle des unbedingt treuen Ritters fällt Felix Rech als Dietrich von Bern zu – mit dem Unterschied, dass diese Figur keinerlei Durchblick hat. Rech muss seinen von Bern mit Ungewissheit über das Schicksal kasteien – und lässt ihn dabei ziemlich leiden. Den deutlichsten Schwenk zur Farce vollzieht die Inszenierung in der Figur von Brunhilds Sohn Burkhardt. Er ist im Text die Stimme der Vernunft und christlicher Ethik. Max Mayer spielt ihn in Worms als weinerlichen Schwächling, so dass diese menschliche Haltung im Angesicht ungezügelter Machtausübung vollkommen absurd erscheint.

Siegfrieds Erben 560 David Baltzer xWorms im Blutdurst © David Baltzer

Jürgen Prochnow als alter König Etzel ist zwar phänotypisch eine Idealbesetzung, bleibt aber blass. Routiniert spult er die Rolle ab. Positiv gewendet: König Etzel ist nach dem Massaker am Hunnenhof desillusioniert, entsprechend wenig Regung braucht es, ein zerfurchtes Gesicht reicht. Hängen bleiben bei ihm vor allem die Passagen, in denen er über die Widersprüche des Christentums herzieht (Frieden und Versöhnung predigen, aber morden im Namen des Glaubens). Vor einer Domfassade mit dem Leitspruch "Dich hat das Kreuz mir geweiht, dich hat das Schwert mir geschenkt", hat das einen besonderen Reiz.

Genicke knacken

Eine Überraschung gelingt Ursula Strauss als Brunhild. Sie öffnet eine neue Deutungsebene in der Nibelungensaga. In einem bewegenden Monolog offenbart sie ihre Verletztheit über die Hochzeitsnacht, in der Siegfried und Gunther sie überwältigten. Die dadurch ihrer Kräfte beraubte Walküre erscheint so als Chiffre für ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer. Dagegen fallen die anderen Frauenrollen etwas ab. Linn Reusse als Kriemhilds Tochter Swanhild erhält im Text einfach nicht genug Raum, um auf der Bühne angemessen in die Racheengel-Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Dafür rauscht die Katastrophe zu plötzlich heran. Und wird zu knallig inszeniert. Genicke knacken, Theaterblut spritzt in Massen und Swanhild muss mit einem "Kehle schon aufgeschlitzt"-Monolog in die Grube hinab. Zum Schluss erreichen "Siegfrieds Erben"damit einen Trash-Faktor, als hätte Harald Glööckler ein paar Inszenierungsideen beigesteuert. Unterm Strich ist Worms aber auch 2018 eine Reise wert (auch aus Salzburg).

 

Siegfrieds Erben
von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Palle Stehen Christensen, Kostüme: Nina von Mechow, Video: Clemens Walter, Musik: Keith O’Brien, Matthias Herrmann, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit: Jürgen Prochnow, Felix Rech, Michael Ransburg, Pheline Roggan, Jonas Herkenhoff, Winfried Köller, Ursula Strauss, Max Mayer, Wolfgang Pregler, Miguel Abstrantes Ostrowski, Bruno Cathomas, Karin Pfammatter, Linn Reusse, Jimi Blue Ochsenknecht.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause.

www.nibelungenfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Sieg­frieds Er­ben" fange da an, wo das Ni­be­lun­gen­lied auf­hört, "da­bei ver­knüp­fen Zai­mog­lu und Sen­kel his­to­ri­sche Be­zü­ge aus der Völ­ker­wan­de­rungs­zeit mit dem Mon­go­len­sturm des 13. Jahr­hun­derts, sie über­blen­den die Fi­gur des Hun­nen­kö­nigs Et­zel mit der des Er­obe­rers Dschin­gis Khan und mi­schen, wie in ei­nem Vi­deo-Spiel, ar­chai­sche mit der­ber All­tags­spra­che", schreibt Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.7.2018). Die Spi­ra­le maß­lo­ser Ra­che­ak­te setze der "hol­ly­wood­ver­sier­te Re­gis­seur Ro­ger Von­to­bel mit viel Py­ro­tech­nik, Thea­ter­blut und ei­ner kräf­ti­gen Por­ti­on Hor­ror­gro­tes­ke in Sze­ne". Jür­gen Proch­now spiele den Hun­nen­kö­nig Et­zel als "po­ten­ti­ell no­blen Wil­den", Bru­no Ca­tho­mas und Ka­rin Pfam­ma­ter machen aus den grei­sen El­tern Sieg­mund und Sieg­lin­de "ein Ka­bi­nett­stück über Fra­gi­li­tät und Zä­hig­keit".

"Zaimoglu und Senkel haben in ihrem Stück 'Siegfrieds Erben' eindrucksvoll bewiesen, was man aus der seit 2002 in Form von Festspielen erzählten Sage noch so alles herausholen kann." Die Stimmung sei düster, so Christian Mayer in der Welt (21.07.2018). Roger Vontobel untermale das Ganze "mit seiner schemenhaften Inszenierung voller Geister, Dämonen und wabernden Kreaturen". Bühnenbildner Palle Steen Christensen habe aus der Regieanweisung 'so ranzig wie möglich' das Beste gemacht.

"Zaimoglu und Senkel fassen diesen Kreislauf der Gewalt in eindrucksvolle Sprachbilder, die gleichermaßen modern wie archaisch wirken", schreibt Johanna Dupré in der Allgemeinen Zeitung (21.7.2018). "Was bei so viel Abgründigkeit im Text zunächst verwundert ist, wie stark Regisseur Roger Vontobel und das Ensemble vor der Pause auf das Stilmittel der Farce setzen: Im Grunde sind die Burgunder und Niederländer in dieser Hälfte des Stücks Witzfiguren. Die Tragik des Textes wird so gezähmt." Im Nachhinein erweise sich diese Entscheidung aber als intelligent – "denn wo sich beim reinen Lesen des Textes in der zweiten Hälfte Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten, kann die Inszenierung mit dramatischen Highlights punkten". Vieles an diesem hoch konzentrierten Abend werde lange nachhallen.

"Trotz großer Besetzung wird das alles nichts Rechtes", so Christian Gampert vom Deutschlandfunk (21.7.2018). "Die Chance, tatsächlich den Zusammenstoß westlicher und östlicher Kultur und Religion theatralisch zu diskutieren, wird hier jedenfalls verpasst. Die bundesrepublikanische Elite, das sind die Premierengäste, schaut sich an, wie sich hunnische, burgundische und niederländische Eliten bekriegen. Ob man daraus etwas lernt, ist ziemlich ungewiss."

 
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