Slowfood mit Swastika

von Martin Thomas Pesl

Salzburg, 4. August 2018. Einen Monat nach seinem SZ-Gemecker über Regisseurinnen und Frauenfußball bringt Frank Castorf einen Knut-Hamsun-Abend mit dem Titel "Hunger" heraus. Sowohl der gleichnamige Debütroman des norwegischen Literaturnobelpreisträgers als auch die Fortsetzung "Mysterien" handeln von missverstandenen egomanischen männlichen Künstlerfiguren. Selbstmitleid? Koketterie? 

Frauenfeind UND Nazi!

Die Salzburger Festspiele bieten ihm diesbezüglich einen geschützten Rahmen: Fußballgate hat hier kaum wer mitbekommen, zudem bezahlt dieses Publikum so viel für Karten, dass es zwar in der Pause geht (und davor! und danach!), aber kein Interesse hat, sich an einer Diskussion über Regiezampanos zu beteiligen. Wenn Castorf also dem zwar talentierten, aber nervösen Teenager Rocco Mylord einen Monolog darüber in den Mund legt, dass die großen Genies überbewertet seien, applaudieren die Festspielgäste, weil der Junior das so toll gemacht hat, nicht wegen des Inhalts.

Und dann frönt Castorf wieder einmal seiner Vorliebe für Dichter auf politischen Abwegen: Hamsun "war nicht nur Frauenfeind, sondern auch Nazi", wird seine Konzeptionsrede im Programmheft zitiert (dessen Lektüre lohnt sich übrigens – auch wegen eines vergnüglich themenverfehlten Auftragstextes von Wolfram Lotz). So hat Aleksandar Denić in seinem gewohnt multiintegralen Bühnenbild auf der Pernerinsel in Hallein überall Plakate und Nazisymbole versteckt. Um die potenzielle Empörung darüber vorbeugend durch den Kakao zu ziehen, lässt Castorf zu Beginn alle erschrocken: "Swastika! Swastika!" schreien, als hätten sie eine Spinne gesehen.

Hunger3 560 Matthias Horn uSophie Rois und Kathrin Angerer auf Aleksandar Denićs Bühne © Matthias Horn

Denićs Holzhäuschen mit Grasbepflanzung auf dem Dach fasst ein altmodisches Büro, eine Dachkammer, eine perfekt nachgebaute McDonald's-Küche (wo es aber nix zu essen gibt) und eine Art 19.-Jahrhundert-Garage. Selbstverständlich auch zwei Videowände für Live-Großaufnahmen, die ästhetisch verspielt auf ein düsteres Noir-Feeling abzielen, ja manchmal an Vampirfilme erinnern, etwa wenn der Hunger so schlimm wird, dass er den Biss in den eigenen Finger herausfordert. Castorf will Stimmung machen, so scheint es, eine karge, düstere. Aber dazu wird einfach zu viel geredet.

Wut und Halluzination

In "Mysterien" (1892) legt eine autobiografisch gefärbte Schriftstellerfigur in einer Hafenstadt an, ein reicher, lebensmüder Exzentriker im knallgelben Anzug. Fast alle Mitwirkenden teilen sich die Rolle (wollte wohl niemand auf das Knallgelb verzichten). Das und die Vielzahl der Nebenfiguren macht ein Auskennen schier unmöglich. In "Hunger" (1890) streift ein anonymer Protagonist durch Kristiania (heute Oslo), bevor er es auf einem Schiff verlässt. Er ist ein Einzelgänger, arm, von Wutausbrüchen und Halluzinationen geplagt.

Diesen Part übernimmt hauptsächlich Marc Hosemann, der über weite Strecken ein Solo hinlegt. Die an sich bemerkenswerte Verausgabungsleistung beinhaltet viel histrionisches Keuchen, Irre-Augen-Aufreißen und Sich-Wort-für-Wort-an-den-Text-Erinnern. Hosemanns Kolleginnen sieht und hört man an diesem Abend lieber zu als ihm, auch wenn sie Gewohntes bieten: Die anachronistische Larmoyanz der Kathrin Angerer etwa ist immer wieder erstaunlich, und Sophie Rois dreht selbst diese Haltung nochmal gekonnt durch den Ironiewolf.

Hunger4 560 Matthias Horn uHungrige Seelen: Marc Hosemann, Lilith Stangenberg © Matthias Horn

Im zweiten Teil geht es lebendiger, auch humorvoller zu als im ersten. Da philosophieren ein Würstchen und ein paar Pommes über den Geniebegriff, hier schildern Rois und Angerer einander liebevoll Hamsuns Naziideologie, und oben in der Kammer hat der hungrige Hosemann eine Frau gefunden, Lilith Stangenberg nämlich, die sich ganz großartig vor ihm ekelt. Dann aber muss ihr die Kamera starr unter den Rock schauen, was wieder unnötig ist.

Insgesamt verderben einem die als Besinnlichkeit missverstandene Getragenheit mancher Szenen und die Unübersichtlichkeit des "Mysterien"-Stoffes die Lust an dem Abend und machen seine Überlänge unverzeihlich. Castorfs "Hunger" hat einerseits erstaunlich wenig zu sagen und ist andererseits natürlich viel zu wenig kulinarisch für das Salzburger Publikum. Das fühlt sich niedergeschrien, schüttelt den Kopf und ergreift die Flucht. Ähnlich erging es ironischerweise wohl Adolf Hitler, als ihm Hamsun, da selbst schwerhörig, seine Ideen für ein deutsches Norwegen persönlich darlegte. Diese Szene hätte man im Tausch gegen ein paar großzügige Streichungen an diesem Abend ja ganz gern gesehen.

 

Hunger
nach Knut Hamsuns Romanen "Hunger" und "Mysterien" in einer Fassung von Frank Castorf
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Soundtrack: William Minke, Licht: Lothar Baumgarte, Kamera: Andreas Deinert, Kathrin Krottenthaler, Videoschnitt: Jens Crull, Maryvonne Riedelsheimer, Tonangel: Dario Brinkmann, William Minke, Dramaturgie: Carl Hegemann.
Mit: Kathrin Angerer, Marc Hosemann, Rocco Mylord, Josef Ostendorf, Sophie Rois, Lars Rudolph, Lilith Stangenberg, Daniel Zillmann.
Dauer: 5 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

Festspiel-Salzburg dürfe "sich glücklich schätzen, diesen schwer verdaulichen Brocken im Angebot zu führen," schreibt Ronald Pohl in der Wiener Tageszeitung Der Standard (6.8.2018), auch wenn er den Abend nicht zu den " Spitzenerzeugnissen der Romanverwertungsanstalt Castorf" zählt. Insgesamt jedoch sei Frank Castorfs Archäologie der Moderne "für das Gegenwartstheater bis auf weiteres völlig unverzichtbar." Die Stimmung dieses Theaterabends illustriert aus Sicht des Kritikers "ein schwer fassliches Übel der Moderne": " Tod durch akute Sinnkrise. Armut ist (auch) ein spirituelles Phänomen. - derstandard.at/2000084674221/Castorf-in-Salzburg-Hungerkunst-mit-SesamlaibchenTod durch akute Sinnkrise", in der Armut ist auch ein spirituelles Phänomen sei. Insbesondere hinter der Ideologie des "Übermenschentums" sieht Pohl Castorfs Lesart zufolge die nackte Angst vor den Frauen flackern. "Castorfs Schauspielerinnen aber, nervös abgefilmt hinter den Holzverschlägen Denics, um ihr Leben strampelnd, des eigenen Liebreizes kaum achtend, behaupten triumphal keifend ihr Recht auf Selbstbestimmung: Megären des Fortschritts, Diven des Punk."

"Den Darstellern Respekt," schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (6. 8. 2018) , der diesen "anstrengenden" Abend insgesamt unter "Volksbühnen-Folklore" verbucht. Castorf zelebriere vorwiegend mit ehemaligen Volksbühnen-Stars "exzessiv ein Hamsun-Potpourri". "Sie schreien, flüstern, schreien, rennen, schreien, gestikulieren und schreien brav durch Unmengen an Text." Wie aber passe das zusammen: "Der Ewiggestrige aus dem hohen Norden und der nostalgische Linke aus dem tiefen Osten? Sie treffen sich in der Kapitalismuskritik. Zumindest im Totalitären als Antithese zum Liberalen wächst zusammen, was immer wieder gern zusammengehört."

Vor allem in der ersten 'Hunger'-Hälfte schaut und hört Manuel Brug von der Tageszeitung Die Welt (6.8.2018) gebannt zu, "wie gut der Wagner-gestählte Castorf inzwischen große Oper kann. Wie in Gesangssolonummern und raffiniert verschränkten Ensembles, mit permanenter, mal trompetenstopfjazziger, mal rockiger, dann hawaiigitarrenverliebter Filmmusik sein bewährtes Ensemble, bisweilen im Regen stehend, brilliert und anrührt."

"Es bleibt in Salzburg aber bei der Behauptung einer Entwicklung (einer Beziehung zwischen diesen beiden Büchern überhaupt) und beim fragmentarischen Durcheinander langer Textpassagen, bei dem die Schauspieler glänzen und die Regie wie ein verbissener Fahrplanbastler die Anschlüsse notdürftig sicherstellt," schreibt Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (6.8.2018). Insgesamt findet dieser Kritiker die Schaupieler zwar in diversen Solos bewunderungswürdig, "dass einem die Volksbühnenaugen tropfen". Doch leider addieren sich das an diesem "inhaltlich dürftigen, insgesamt überzähen Abend" für ihn nur zur Nummernrevue.

"Wahr­lich, satt wird man da­von kaum!", schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.8.2018) und warnt: "Es lohnt nur für Cas­torf-Ma­so­chis­ten, den wei­ten Weg nach Hal­lein und die lan­gen Stun­den wir­ren Zi­ta­ten­rei­gens auf sich zu neh­men."Wie so oft gä­be es ver­mut­lich auch an die­sem Abend Geist­rei­ches zu ent­de­cken, aber die plat­te Bra­chia­li­tät über­wiegt ausSicht dieses Kritikers bei wei­tem. "Gleich zu Be­ginn be­klagt sich der Hun­ger­lei­der Os­ten­dorf dras­tisch über das un­ge­rech­te Schick­sal: 'Gott hat­te sei­nen Fin­ger in mich ge­steckt!' und streckt da­zu den Mit­tel­fin­ger aus. Da­mit ist die Rich­tung des Abends vor­ge­ge­ben."

"Ein üppiger Abend, ja. Aber satt macht er nicht," schreibt auch Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (6.8.2018).Castorfs uferloses, auf jegliche Erzählökonomie verzichtendes Exzesstheater stellt die Kritikerin an diesem überlangen Abend hart auf die Geduldsprobe. Die Formulierung "unter Hunger leiden" bekommt hier sie eine ganz eigene Bedeutung. "Viele gehen. Die anderen bekommen: Hamsun satt. Übersatt. Es ist eine ausschweifende, szenisch vielgängige Castorf-Völlerei."

"Zu den Castorf-Festspielen gehört vielleicht auch, dass sich nicht alle Zuschauer in den Sog der Castorf-Exaltationen begeben, "so Bernhard Doppler im der Sendung "Fazit" vom Deutschlandfunk Kultur (4.8.2018). "Manche Reihen lichten sich sogar schon nach zwei Stunden, aber die Castorf-Fans jubeln am Schluss mit Recht begeistert!"

"Cas­torf schöpft aus der Fül­le sei­ner Lek­tü­re­er­fah­run­gen – und es ist ein ein­sa­mes Schöp­fen: Man sieht de­nen auf der Büh­ne da­bei zu, wie sie sich mit Er­kennt­nis­sen über­schüt­ten, de­ren Wucht man vom Saal aus nur ahnt", so Chris­ti­ne Lem­ke-Mat­w­ey und Pe­ter Küm­mel in der Zeit (9.8.2018). Das Über­flüs­si­ge fei­ere ein Fest an die­sem Abend – "vor dem trü­ben Hin­ter­grund leuch­ten al­ler­dings auch ei­ni­ge Wun­der­mo­men­te mäch­tig auf".

 

 

 

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