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Ein Mädchen fällt von der Sonne

von Katrin Ullmann

8. August 2018, Hamburg. Menschen mit Rollkoffern eilen vorüber, ein dickliches Paar steht zögernd vor der Frittenbude, Mädchen in Sommerkleidern stupsen einander kichernd in die Seite, ein paar Meter weiter spielen zwei alte Männer mit gesenkten Köpfen Schach. Ein Mülleimer ist der Tisch für ihr Spielbrett. Tauben flattern vorbei, die Sonne schiebt sich in Richtung Horizont. Mittendrin steht ein Junge im Ringelpulli. Oskar. Ungewöhnlich ruhig steht er da.

Oskar liebt es, Regeln zu brechen. Das haben wir von Shalom, einem etwa achtjährigen Mädchen, erfahren. Denn bis dorthin, bis zum Hauptbahnhof hat sie die theatrale Truck-Tour geleitet, an ihrer Seite und am Steuer sitzt Rudi Bühne (!). Jetzt steigt sie aus, stellt sich zu Oskar auf den Bahnhofsvorplatz. Das Abendlicht gibt der Szenerie einen warmen Glanz. Der trügt. Der Hamburger Hauptbahnhof ist ein unsympathischer Transit-Ort. Einer, an dem man nicht verweilen möchte, und übrigens auch nicht verweilen darf. "Langes Stillstehen gilt als potenziell interventionsbedürftiges Verhalten", klärt Oskar auf. Ein Don’t.

dosanddonts2 560 Anja Beutler uAuf Wegen und Abwegen @ Anja Beutler

Über Lautsprecher ist der 16-Jährige im Zuschauerraum zu hören. Dieser ist ein umgebauter Truck, mit einer kleinen Tribüne. Eine verspiegelte Glasfassade trennt das Publikum von der Realität. Früher wurden in dem Truck Schweinehälften transportiert, jetzt Menschen, oder vielmehr: Theaterzuschauer. Ausgedacht hat sich diesen Roadtrip die Autoren-Regie-Gruppe Rimini Protokoll. Bei dieser Produktion sind das Helgard Haug und Jörg Karrenbauer, der sich auf Arbeiten im urbanen Raum spezialisiert hat. Mit dem Roadtrip haben sie bereits Berlin und Essen erkundet. Jetzt fahren sie nahezu täglich durch Hamburg – während des Sommerfestivals auf Kampnagel. Als der gewichtige Mehrtonner losruckelt und Fahrer Rudi nicht ohne Berufsstolz von seinen 7.5 Punkten in Flensburg erzählt und von Ampeln, die für ihn maximal die Farbe kirschgrün haben, denkt man an die vor kurzem in Hamburg tödlich verunglückte Radfahrerin. Im Mai dieses Jahres wurde sie von einem abbiegenden Lkw überrollt.

Ängstliche Blicke

Mit mulmigem Gefühl sitzt man jetzt auf der "sicheren" Seite, versucht Rudis Sprüche auszublenden. Schließlich geht es hier um etwas anderes. Bekannt für ihre "Experten des Alltags", hat Rimini Protokoll zwei Kids gecastet. Shalom und Oskar. Sie erzählen uns von ihrem Alltag, erklären uns ihre Regeln, ihre "Do’s & Do’nts". Von Shalom, die zunächst im Führerhäuschen sitzt, und die behauptet "das ängstlichste Mädchen von ganz Hamburg zu sein", hört man, dass sie oft "von der Sonne fällt", wegen schlechten Betragens im Unterricht, dass sie dann Strafpunkte kassiert und nachsitzen muss. Außerdem hat sie sich mal vor einem raschelnden Busch erschreckt, singt im Chor, glaubt an Gott, mag die Polizei, Regeln und Ampeln, eben weil sie sich dann sicherer fühlt.

Auf etwa halber Strecke der Fahrt, irgendwo im Autohausniemandsland kurz vor den Elbbrücken steigt sie aus, geht ein paar schnelle Schritte zwischen Lagerhäusern, Parkplätzen und Hamburger "Lusthaus". Ängstlich blickt sie in jede Toreinfahrt. Es ist eine Mutprobe. Für sie ist dieser Ausbruch ein absolutes "Don't", obwohl der Truck sie im Schritttempo begleitet. Vom vergessenen Ostteil der Stadt geht es danach unweigerlich in die Hafencity, extrateure Grundstücke liegen in direkter Nachbarschaft zu Containersiedlungen. Dort wird vor Kampfmittelbergung gewarnt, hier stehen Fahrräder am Zaun, hängen Teppiche darüber und spielen Kinder dahinter.

dosanddonts 560 Anja Beutler uBlick durch den Spiegel @ Anja Beutler

Meist ist auf dieser Fahrt die Stadtkulisse selbst die beste Bühne. Hin und wieder aber spielen Rimini-Protokoll aufwendige Videos (Mischa Leinkauf) ein, die wenig suggestiv den gewinngeilen Kapitalismus, aalglatte Zukunftsvisionen und den selbstdenkenden Kühlschrank anprangern. Dazu singt ein Kinderchor recht eindimensionale Zeilen wie "Is this the place we will live in – oder doch aufs Land?" und skandiert "Just Do It" und "Think Different". Shalom muss später aus Thomas Hobbes’ "Leviathan" zitieren, noch später werden erschreckende Zahlen zu Wohnraum und Räumungsklagen genannt. Auch Fahrer Rudi hat hin und wieder einen Einsatz bei einer Zwangsräumung. "Schufa-Eintrag und dann hast Du Pech gehabt."

Aus den Augen verloren

Als der Truck eine Wasserstofftankstelle passiert, stellt die achtjährige Shalom dem leidenschaftlichen Gurtmuffel dann noch die Dieselfrage. Spätestens jetzt ist der Charme der Authentizität, den viele Rimini-Protokoll-Arbeiten inne haben, verpufft. Jetzt, da die Experten des Alltags keine Experten mehr sind. Jetzt, da der Abend künstlich aufgeblasen wird mit Botschaften zu Stadt- und Verkehrspolitik, zu Utopien und Werbekampagnen. Jetzt wird er ungenau und verliert sich selbst aus den Augen.

Und doch fährt man weiter mit. Aussteigen ist verboten. Also blickt man angeschnallt auf die "eigene" Stadt. Betrachtet Jogger, Alster-Segler und Menschen, die picknicken oder Fotos vom Sonnenuntergang machen. Man sieht Vorhänge zittern, fährt an Villen vorbei, an schäbigen Hotels, an Baubrachen, Ruderclubs, Auktionshäusern und frisierten Vorgärten. Und dann entdeckt man das Mädchen. Das dort wartet, bis die Ampel auf Grün springt. Es tanzt. Selbstvergessen und unbeobachtet bewegt es sich zum Rhythmus der Musik, die Barbara Morgenstern komponiert hat. Jener Musik, die nur im Zuschauerraum zu hören ist. Doch das Mädchen tanzt dazu. Eine Verkehrsinsel als Bühne und die Fahrt hat sich gelohnt. Der Bildausschnitt lenkt den Blick und die Stadt selbst wird zum Ereignis.

 

Do’s & Don’ts – eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt
von Rimini Protokoll
Konzept, Text, Regie: Helgard Haug, Jörg Karrenbauer; Konzept, Dramaturgie: Aljoscha Begrich; Text, Regie (Hamburg): Jörg Karrenbauer; Komposition: Barbara Morgenstern; Video Director: Mischa Leinkauf; Sounddesign: Frank Böhle; Regieassistenz, Abendspielleitung (Hamburg): Louise Stölting; Recherche, Regieassistenz (Berlin): Meret Kiderlen; Produktionsleitung: Juliane Männel; Mitarbeit: Lisa Homburger.
Mit: Shalom Asamoah, Fiona Köppe, Oskar Minich und dem Chor des Rosa-Luxemburg- Gymnasiums Berlin unter der Leitung von Christoph Rosiny.
Dauer 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause.

www.kampnagel.de
www.rimini-protokoll.de