Großer Befreiungs-Marsch

von Andreas Wilink

Duisburg, 9. August 2018. Weiße Völker, nun hört endlich die Signale! Gesang wie Sirenengeheul gibt die Tonart vor: für eine offensive Revolte gegen das noch nachträglich verweigerte Recht auf geschichtliche Präsenz und Repräsentanz. In "The Head and the Load (are the troubles of the neck)" – der Titel nimmt Bezug auf ein Sprichwort aus Ghana – betrachtet William Kentridge mit Musikern, Tänzern, Sängern, Performern, Filmern den historischen Moment Afrikas im Ersten Weltkrieg, als Hunderttausende von den Kolonialmächten verschlissen wurden.

Aus Staub, Asche, Ruß geboren

Der 1955 in Johannesburg geborene Sohn jüdisch-litauischer Einwanderer, Anti-Apartheids-Aktivist, Zeichner, Theater- und Filmemacher fragt, in welchem Klima sich die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts vollzog, welche Reaktionen sie provozierte, auch in den Künsten, etwa bei Dada und in der Musik der Moderne, und wie Politik und gesellschaftliches Bewusstsein Hand in Hand das Gewaltmonopol stabilisierten. Die vom "alles verschlingenden Krieg" geschundenen Soldaten und Arbeitskräfte werden aufgezählt und in ihrer Nichtigkeit (in dem, was sie nicht hatten und bekamen) beklagt: "The graves that were not even graves."

Zu Anfang fordert ein Mann im gelben Jackett in einem aktivistisch hintersinnigen "Manifest", Wissen herzustellen, verstehen und die Zeichen lesen zu lernen. Herrschaft ist immer auch Kontrolle über die Sprache. Wes' Knecht ich bin, des' Lied ich sing. Maschinengetippte Schriftzeilen erscheinen projiziert auf der Breitbandbühne der gewaltigen Duisburger Kraftzentrale.

TheHeadAndTheLoad 4 560 StellaOlivier uDanse Macabre und Geschichts-Reigen: William Kentridges "The Head And The Load"
©  Stella Olivier

Die abgerissene Zettelwirtschaft liefert die Spruchbänder und Sprechblasen der energetisch agierenden Figuren. Einer vertritt die Stimme Afrikas, indes zwei Uniformierte die europäische Dominanz verkörpern wie Popanze in einem Alfred Jarrys "König Ubu" nicht unähnlichen Grand Guignol. Vokaler Sprengstoff explodiert als "Kaboom" wie knatternde Salven. Es wird buchstabiert, telegraphiert und verschlüsselt. Ach, könnte man die Codes nur alle knacken und die Enigma-Maschine anwerfen. Das westeuropäische Schaf, in dem historisch bedingt auch der böse Wolf steckt, kann nicht immer folgen.

Prozession der Schatten

Kentridges virtuose Technik der Animation geht von der Kohlezeichnung aus, deren Spur wieder verwischt. So erhebt sich seine Kunst, wie Phoenix, aus Asche, Ruß und Staub. Und schaut hinüber zu dem gegen den Sturm sich stemmenden Engel der Geschichte: "das Antlitz der Vergangenheit zugewendet", wie ihn Walter Benjamin bei Paul Klee entdeckt hat. Kentridge collagiert das Fragment.

Die Szenen seiner danses macabres und Trauermärsche kombinieren Hören und Sehen. Sie transformieren, übermalen und überspielen, verdichten Räume und Zeiten, Hochkultur-Mythen und das Erbe von Mama Afrika. Nichts ist befestigt, alles fluid. Der schwarze Kontinent befreit sich hier von seinen Katastrophen auch mittels Komik, wenn etwa Marschkörper gegen Tanzkörper antreten.

 TheHeadAndTheLoad 3 560 StellaOlivier uSilhouetten, Schatten, Codes und Zeichen, alles animiert von William Kentridge © Stella Olivier

Zur Eröffnung der Ruhrtriennale wirft Kentridge die Wundertrommel der Kinemathographie an und lässt sie arretieren an den Stationen der Entmündigung, des Vorurteils und der ungestillten Hoffnungen. Der Schatten vertritt für Kentridge das Illusionäre und Verblichene. Silhouetten huschen, der Schalltrichter dient als Requisit, die Musiker (Komposition: Philip Miller) begleiten eine Sängerin bei ihren scharfkantig artikulierten Phrasen. Dada-Sound mit Kurt Schwitters' "Ursonate" scheint sich mit Chaplins spuckender Suada als "Großer Diktator" zu kombinieren.

Europas Heroen und ihre Lastenträger

Landkarten breiten sich auf der Bildfläche aus, überlagert von Stacheldraht-Ornamenten, derweil die gierigen lallenden Machthaber sich um das Terrain kebbeln. Schon fahren die Kanonen auf, trommelt es zum Krieg, marschiert die Armee der Schatten (teils in montierten Original-Filmaufnahmen), schleppt sich eine unendliche Prozession von Lastenträgern vorüber, die auf Transparenten auch Europas gekrönte Häupter und den einen oder anderen Heroen des Progresses schultern, schiebt der schuftende schwarze Mann die präpotenten Großkotze im Lore-Wagen einher, muss der Soldat exerzieren und nach der Pfeife tanzen, bevor sich ein Männer-Quartett pantomimisch vom Drill emanzipiert.

Aus Afrikas Kehlen steigt Deutsch, Englisch, Französisch sowie Großbritanniens Nationalhymne, bis das "God save the King" in einem virtuosen Echo-Kanon mündet und als Skat-Klang-Gospel wiederaufersteht; ein weiblicher Kaiser Wilhelm krächzt und krakeelt zu Fritz Kreislers "Liebesleid"; die Opfer erschöpfen sich im Marathon-Run und durchzittern ihre Passion: der Untertan als Zeuge der Anklage.

Frontalangriff

Dieser aufrührerisch sinnliche, wunderbar rhythmisierte, in seinen optischen Effekten grandiose und überhaupt multiperspektivische Frontalangriff mit friedlichen Mitteln ist Lektion und Requiem. Er bringt das Rad der Geschichte in unseren Köpfen zum Rotieren, dass es einen schwindelt. Kentridge, Assoziations-Artist und Beschwörer des Imperfekts, lässt den Faden zur Vergangenheit nicht abreißen. Er verwebt ihn in seinen musterreichen Arbeiten.

In einem Reisebericht aus Afrika schreibt Christoph Ransmayr: "Und die europäischen Selbstzerfleischungen in einst dreißig Jahre dauernden, am Ende aber durch die ganze Welt rasenden Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts sind möglicherweise nicht nur Abgründe der Vergangenheit, sondern auch der Zukunft..."; dann zitiert er noch einen Wildhüter im Ruwenzori-Gebirge: "Wer die Weißen nicht fürchtet, der kennt sie nicht".

The Head and the Load
Konzept und Regie: William Kentridge, Komposition: Philip Miller, Musikalische Leitung: Thuthuka Sibisi, Choreografie: Gregory Maqoma, Projektionen: Catherine Meyburgh, Kostüm: Greta Goiris, Bühne: Sabine Theunissen, Licht: Urs Schönebaum, Video: Janus Fouché, Zana Marovic, Catherine Meyburgh, Sounddesign: Mark Grey; Musik: The Knights;
Mit: Mncedisi Shabangu, Hamilton Dhlamini, Nhlanhla Mahlangu, Luc De Wit, Joanna Dudley, Ann Masina, Bham Ntabeni, Sipho Seroto, N’faly Kouyate, Tlale Makhene, Vincenzo Pasquariello, Gregory Maqoma, Julia Zenzie Burnham, Thulani Chauke, Xolani Dlamini, Mhlaba Buthelezi, Ayanda Eleki, Grace Magubane, Blaise Malaba, Ncokwane Lydia Manyama, Caroline Modiba, Tshegofatso Moeng, Mapule Moloi, Lindokuhle Thabede.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, ohne Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

"Eine überbordende Phantasmagorie" eröffne die Ruhrtriennale, "danach denkt niemand mehr an die Diskussionen der vergangenen Wochen", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (11.8.2018). Kentridge errichte ein 80 Meter breites Diorama auf der Bühne. Das Ergebnis sei ein "mehrdimensionaler Ausschnitt des Jahrhunderts vor dem raumfüllenden Prospekt einer Video- und Filmwand, voller historischer Karten." Viel Bühnenausstattung brauche er neben den Filmen nicht, "fabelhafte Kostüme, einen Schalltrichter, einen Kran, eine Leiter, ein bisschen Interieur für das Orchester, wenn dieses nicht gerade auf Polonaise die Bühne umrundet". "The Head & The Load" habe genügend Stoff für sieben Stunden, dauere aber nur eineinhalb. "Die Überforderung durch die Überlagerung vieler in sich luzider Zeichensysteme ist Programm, sie folgt der Erkenntnis, dass Geschichte immer ein Konglomerat, nichts Geordnetes ist."

Rauschaft sinnlich und zugleich dokumentarisch akribisch sei dieser Abend, "der in einer Art archaischem Prozessionstheater mit multimedialem Dauerfeuer einen wahren Sog der Bilder, Töne und Informationen entfesselt", so Regine Müller in der Frankfurter Rundschau (10.8.2018). "“The Head and the Load' ist insgesamt virtuos gemacht, bis in die kleinsten Details perfekt ausgeführt und in seiner Komplexität überwältigend. Eine produktive Überforderung und ein starker Auftakt."

"Kentridge holt Geschichte durch einen Chor der Stimmen und durch die ständige Überlagerung und Verschiebung der Bilder ins Jetzt“, schreibt Edda Breski im Westfälischen Anzeiger (10.8.2018). "All diese gewaltigen Sätze, die Wortkaskaden, das Silbenfeuerwerk ballen sich wie eine Riesenfaust aus Sprache. Verschwiegenes verschafft sich wuchtig Raum. Konkrete Poesie trifft Comicsprache trifft Philosophie trifft Militärsatire."

Als ein "ungeheuer ereignisreiches visuelles Spektakel" würdigt unsere Ulrike Gondorf den Abend auf DLF Kultur (9.8.2018). Für den Betrachter bleibe es eine Herausforderung, "das alles zu sortieren und einem roten Faden zu folgen", doch die Geschichte fasziniere. Man bleibe am Ende überfordert und verwirrt, von ein paar Momenten berührt, auch in ein großes Durcheinander gestürzt, aber um ein Wissen reicher.

Kentridge katapultiere mit seinem "multimedialen Marsch aus Musik, Tanz, Schattenspielen, Animationen, Archivaufnahmen, Performance, Projektionen" ein Kapitel Kolonialgeschichte ins Gedächtnis, das in den westlichen Geschichtsbüchern fehle, schreibt Benjamin Trilling in der taz (13.8.2018): die "rücksichtslose Rekrutierung von Hunderttausenden afrikanischen Einwohner*innen" während des Ersten Weltkriegs. Sprache, als Herrschaftsinstrument wie als Zeichenmaterial, lasse Kentridges Collage "wie Sprengstoff explodieren, das Gerede der europäischen Machthaber wird als überdimensionales 'Kabooom' auf die Leinwand gehämmert, als münde es aus Gewehren". Historisches Fazit einer Bühnenfigur: "Wir müssen etwas anderes finden" – und Trilling fragt sich, ob die diesjährige Ruhrtriennale eine "künstlerische Revolte gegen den Westen" sei.

 

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