Dekolonisiert die Bühnen / Decolonizing the Stage

von Azadeh Sharifi

When it is not over, it is not time to get over it

Sara Ahmed, Living a Feminist Life (1)

6. September 2018. Die von Mesut Özil ausgelöste Debatte um Rassismus hat in den Social-Media-Kanälen mit dem Hashtag #MeTwo hohe Wellen geschlagen, weil so viele People of Color und nicht-weiße Deutsche über ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus wie auch strukturellem Rassismus berichteten. Auch in der deutschen Theaterszene ist die heftige Auseinandersetzung um Rassismus und die Fortführung von kolonialen Bildern und Stereotypen nicht unbekannt. Es sei hier an die Blackfacing-Debatte und die jüngste Debatte um die Schwarzkopie von "Mittelreich" erinnert, die ähnliche Wellen geschlagen hat.

Die Forderungen nach Repräsentation von Theatermacher*innen of Color auf den deutschen Theaterbühnen wurde immer wieder heruntergespielt oder gar als soziales Problem abgewertet. Aber das hat Theatermacher*innen of Color und Schwarze (2) Theatermacher*innen nicht davon abgehalten, weiter für ihren Positionen in den Institutionen zu kämpfen und sich in die deutsche Theaterlandschaft, in der sie marginalisiert und lange exkludiert waren, einzuschreiben.

Institutionelle und künstlerische Vorstöße für mehr Diversität im Theater

Auf institutioneller Ebene haben das Ballhaus Naunynstraße und das Maxim Gorki Theater nachhaltig einen Vorstoß für Diversität auf und hinter den Bühnen geschaffen. Allerdings ist es in den mehrheitlich weißen Theaterräumen, insbesondere an den meisten gut finanzierten Stadt- und Staatstheatern, immer noch schwierig, sich als Künstler*in of Color frei von alltäglichen und strukturellem Rassismus zu bewegen. (3) Ein Blick auf die Ensembles und die künstlerischen Mitarbeiter*innen macht immer noch sichtbar, dass mittlerweile einzelne Künstler*innen of Color vertreten sind, diese allerdings als Token und damit einzelne Vertreter*in von Minoritäten fungieren und weiterhin die Politik des Tokenism praktiziert wird: eine (un)bewusste Praxis im Umgang mit Minoritäten oder von Diskriminierung Betroffenen durch Anstellung, Beförderung und Aufnahme nur in einer beschränkten Zahl.

Auf künstlerischer Ebene sind gerade in den letzten Jahren viele Theaterstücke und Performances von Theatermacher*innen of Color entstanden, die die Intersektionalität von Unterdrückungsmechanismen reflektieren und neue ästhetische Räume und Bilder für ein diskriminierungsfreies Theater produzieren.

Hierbei möchte ich die Rolle von jungen, Schwarzen Theatermacher*innen, insbesondere aus einer historischen Perspektive hervorheben. Intersektionalität als ein analytisches Instrumentarium, das die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen berücksichtigt, geht auf die Schwarze, US-Amerikanische Wissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw zurück. Dies wurde von der afrodeutschen queerfeministischen Bewegung bereits in den 1980er aufgegriffen und auf die deutsche Gesellschaft, insbesondere die gesellschaftliche Position von Schwarzen Frauen und Frauen of Color in Deutschland angewendet. Genährt von den Berliner Jahren von Audre Lorde, sind Publikationen wie Farbe bekennen, herausgegeben von Katharina Oguntoye, May Ayim, Dagmar Schultz, oder auch Euer Schweigen schützt Euch nicht, herausgegeben von Peggy Piesche, entstanden.

In diesen Texten werden bewusst analytische, aktivistische und künstlerische Perspektiven miteinander ins Verhältnis gesetzt und ein Gesellschaftsbild gezeichnet, das die aktuelle deutsche Debatte um Rassismus sehr klar vorzeichnet. In dieser Linie der politisch-künstlerischen Auseinandersetzung lassen sich auch die Theaterproduktionen von Schwarzen Theatermacher*innen beobachten. Mit einer kritischen Auseinandersetzung mit Deutschland, Deutschsein und anderen Aspekten der ethno-nationalen Identitätskonstruktion stellen sie diese in Frage und überschreiben sie mit einem Diskurs über die koloniale Vergangenheit Deutschlands, einer postkolonialen Präsenz und afrofuturistischen Utopien.

Simone Dede Ayivi: Kolonialismus und postkoloniale Fortführungen in Deutschland

Als eine wichtige Arbeit zum deutschen Kolonialismus bzw. der Kontinuität deutscher kolonialer Vergangenheit ist die Arbeit von Simone Dede Ayivi "Performing Back", die im Herbst 2014 Sophiensälen Premiere hatte, einzuordnen.

"Erinnerung ist keine ruhige Oase, sondern immer noch die Reise wert", so Simone Dede Ayivi, die ihre Performance als einen multimedialen Reisebericht aus einer schwarzen Perspektive durch Zeit und Geschichte beschreibt. Ihre Performance ist eine Expedition durch deutsche Kolonialgeschichte und postkoloniale Gegenwart. Sie verhandelt die Vergessenheit und damit auch Verleugnung des deutschen Kolonialismus und ermöglicht auf der Bühne, also im öffentlichen Raum, Widerstandsformen aus Vergangenheit und Gegenwart von Schwarzen Subjekten und Communities sichtbar zu machen.

Performing Back Ayivi 1 560 Manuel Kinzer uVerhandelt deutsche Kolonialgeschichte: Simone Dede Ayivi in "Performing Back" © Manuel Kinzer

Die Performance arbeitet mit unterschiedlichen Handlungssträngen: Einerseits wird chronologisch und minutiös die deutschen Kolonialgeschichte auf der Bühne aufgelistet. So vervollständigt Simone Dede Ayivi die Geschichte mit den "fehlenden" Fakten, die nicht zum kollektiven deutschen Gedächtnis gehören – Fakten wie die Deutsche Kolonial-Ausstellung 1896 im Treptower Park Berlin, bei der 103 afrikanische Menschen in einer Völkerschau ausgestellt wurden.

Andererseits werden in Videos, die auf die Bühne projiziert werden, gezeigt, wie Simone Dede Ayivi im öffentlichen Raum interveniert. Das erste Video zeigt, wie Ayivi Straßenschilder, die noch immer nach Kolonialherren und Kolonialbeamten in Afrika benannt sind, ablöst und durch Straßennamen ersetzt, die an Schwarze Menschen erinnern, die entweder im Widerstand gegen Kolonialmächte aktiv waren oder prominente schwarze deutsche Persönlichkeiten sind.

Im zweiten Video verpackt sie eine Kolonialherren-Statue mit Klebeband, was wie eine Kriminaluntersuchung anmutet. Im Video wird sie dabei von einem Wachmann unterbrochen, der ihre Kunstaktion im öffentlichen Raum stoppt. Da eine derartige Auseinandersetzung mit Kolonialismus im öffentlichen Raum bis heute illegalisiert wird, muss sie diese dann auf der Bühne mit einer Art Repliken der Statuen fortführen.

Schließlich wird in einem Handlungsstrang Schwarzsein im gegenwärtigen Deutschland reflektiert. Im Dialog mit sich selbst beginnt Dede Ayivi über Möglichkeit zu sprechen, was es heißen würde, weiß zu sein und welche Privilegien dies mit sich führen würde. Würde sie sich mit race, Rassismus und kolonialer Vergangenheit auseinandersetzen müssen? In diesem Selbstdialog beginnt sie ihre eigene Stimme aufzunehmen, die dann Teil eines Audiomaterials wird, das sie aus Interviews mit afrodeutschen Aktivist*innen und Theatermacher*innen zusammengestellt hat. Damit vermehren sich Perspektiven und Erfahrungen des Schwarzseins in Deutschland. Es ist nicht mehr allein Simone Dede Ayivi, die auf der Bühne spricht, sondern die vielen (vergangenen und gegenwärtigen) Stimmen Schwarzer Menschen, die sich damit ins kollektive Gedächtnis Deutschlands einschreiben sollen.

Anta Helena Recke: Dekoloniale Perspektive auf die deutsche Geschichte

Als eine wichtige Theaterarbeit zur Dekolonialisierung deutscher Geschichte ist Anta Helena Reckes "Schwarz"-Kopie von "Mittelreich" anzusehen, die 2018 auf dem Berliner Theatertreffen zu sehen war.

"Mittelreich" ist eine Adaption des Buches von Joseph Bierbichler, das von einer Familie über drei Generationen in Oberbayern handelt und deren Geschichte vom Ersten über den Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit Deutschlands erzählt. Die Ausgangs-Inszenierung von Anna-Sophie Mahler aus dem Jahr 2015 konzentriert sich auf die Nachkriegszeit und die Totenmesse für den verstorbenen Vater als Metapher für die deutsche Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.

mittelreich2017 2 560 c judith buss uErzählt von deutschen Verhältnissen: Anta Helena Reckes Schwarzkopie von "Mittelreich" an den Münchner Kammerspielen © Judith Buss

Anta Helena Recke hat die Inszenierung von Anna-Sophie Mahler als Vorlage genommen und eine Schwarz-Kopie inszeniert. Schwarz-Kopie ist der Begriff, den der Dramaturg Julian Warner wählt, um die Idee hinter der "Eins-zu-Eins"-Kopie mit einem komplett Schwarzen Ensemble zu beschreiben. Das Wortspiel verweist als Synonym auf "illegale" Kopien (Raubkopien) und auf "Schwarz" als selbstgewählte Bezeichnung von Schwarzen Menschen und die gesellschaftspolitische Zugehörigkeit.

Diese Art der Schwarz-Kopie geht auf die Appropriation Art zurück, eine Kunstform aus den Bildenden Künsten, die durch die Kopie bereits existierender Kunstwerke neue Kontexte herzustellen versucht. Dabei geht es vor allem darum, sich in die weiße und heteronormative (Kunst-/Theater-/Nations-)Geschichte einzuschreiben und eine Sichtbarkeit von exkludierten und marginalisierten Körpern und Subjekten herzustellen.

In Reckes "Mittelreich" wird die Geschichte Deutschlands aus einer Schwarzen Perspektive erzählt, ohne die Handlung zu verändern. Die Anwesenheit von Schwarzen Körpern und Subjekten auf der Bühne verweist auf die Anwesenheit von Schwarzen Menschen in Deutschland und deutscher Geschichte, die aber von der Geschichtserzählung ausgeschlossen und damit unsichtbar gemacht wurden. Auf der Bühne ist eine mittelreiche ("nicht reich und nicht arm, mittelreich eben") Schwarze Familie zu sehen, deren Schicksal (ebenso) von patriarchalen Strukturen sowie den Traumata der beiden Weltkriege gezeichnet ist. Der Blick auf Deutschland ist einer des Hinterfragens von Gewalt und Konstruktionen von Männlichkeit. Aber der Blick auf Deutschland ist hier insbesondere einer, durch den Weiß als Norm für das Deutschsein nicht nur hinterfragt wird, sondern dekolonialisiert wird: Schwarze Menschen sind Teil der deutschen Geschichte und Gegenwart.

Olivia Wenzel: Afrofuturismus und die deutsch-deutsche Geschichte

Und schließlich soll hier das Theaterstück Mais in Deutschland und anderen Galaxien der Dramatikerin und Performerin Olivia Wenzel als eine wichtige afrofuturistische Utopie für die Verarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte aus einer Schwarzen Perspektive herangezogen werden.

Die Besonderheit von "Mais in Deutschland und anderen Galaxien" ist, dass im Mittelpunkt ein Schwarzer Mann mit ostdeutscher Biographie steht, dessen Schwarzsein nicht explizit verhandelt wird. Die politische Dimension des Stückes ist nicht so sehr die Verhandlung von Kolonialismus und Rassismus auf der Bühne, sondern es zeigt die alltäglichen Erfahrungen, mit denen Schwarze Menschen in ihren Familien, mit ihren Freunden oder Behörden konfrontiert sind. Eine rassifizierende Matrix liegt allen Handlungen zugrunde, aber sie ist nicht abzustellen.

mais 560b wagnercarvalho uDeutsch-deutsch-schwarze Geschichte: Olivia Wenzels "Mais in Deutschland und anderen Galaxien" in der Regie von Atif Mohammed Nor Hussein am Ballhaus Naunynstraße © Wagner Carvalho

Die Hauptfigur Noah ist afrodeutsch, hat seine Kindheit in Ostdeutschland erlebt und wächst im wiedervereinigten Deutschland auf. An der Oberfläche des Stückes wird eine scheinbar lineare Lebensgeschichte erzählt, die in der Vergangenheit mit Noahs Kindheit und Jugendjahren in der ehemaligen DDR beginnt, mit tiefen Krisen des Erwachsenenalters in der Gegenwart fortfährt und mit Noah als einem alten Mann in der Zukunft endet. Aber die Geschichte springt ständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und sie springt zwischen Realität und Fiktion.

Die Fiktion in der Fiktion ist eine von Noah gezeichnete Graphic Novel, in der er mit seiner Mutter Susanne, mit der ihn eine Hassliebe verbindet, durch die ostdeutsche Provinz reist, um sie zu ihrem Raumschiff zu bringen, das sie auf den Mond schießen wird. Alles was an Emotionen in der Realität nicht ausgesprochen und verhandelt werden kann, wird über Umwege durch das Fabelwesen Lila und ihren überdimensionalen Hund Pozzo ermöglicht. Sie werden zu Vermittler*innen zwischen Noah und Susanne, die in ihrer verunmöglichten Liebe sowie in der Unmöglichkeit des Zusammenlebens und Lebens in einer Welt, in der Heteronormativität in vielen Formen beides ausschließt, doch ganz nah beieinander sind.

In "Mais in Deutschland und anderen Galaxien" implodiert die Realität, um in der Fiktion aufzugehen. Analog zu Simone Dede Ayivis Performance, der zufolge in der deutschen Gegenwart eine Auseinandersetzung mit den kolonialen Spuren der Vergangenheit nur auf der Theaterbühne möglich ist, können nur in einer fiktional imaginierten, fantastischen Zukunft neue Realitäten außerhalb der hegemonialen Geschichte geschaffen werden.

Schlussworte

Die Theaterwissenschaftlerin und Regisseurin Julia Wissert hat in Ihrer Diplomarbeit "Schwarz.Macht.Weiß" zwanzig in Deutschland tätige Schwarze Theatermacher*innen zu ihren Erfahrungen mit deutschsprachigen Theaterschulen, Vermittlungsagenturen sowie deutschsprachigen Theatern und Theatermachenden befragt. Die Interviews, die als künstlerische Textfläche zusammengefügt wurden, zeichnen immer noch ein Bild des allseits in den Theaterstrukturen präsenten Rassismus (und Sexismus).

Zudem mag die deutsche Theaterszene sich den Themen des (Post)kolonialismus und einer Diversifizierung der Theater mehr stellen, aber diese scheinen vor dem Hintergrund der immer noch marginalen Zahlen von Schwarzen Theatermacher*innen und Theatermacher*innen of Color reine Lippenbekenntnisse. In diesem Sinne soll hier noch einmal die Wissenschaftlerin Sara Ahmed zitiert werden: "When it is not over, it is not time to get over it!"

 

Dieser Artikel ist die Zusammenfassung eines Vortrag für die Konferenz "Staging Blackness. Representations of Race in German-Speaking Drama and Theater", die vom 2.-4. Mai 2018 an der Universität Tübingen stattfand, konzipiert und organisiert von Dr. Lily Tonger-Erk (Universität Tübingen) und Prof. Priscilla Layne (University of North Carolina, Chapel Hill).

 

Anmerkungen:

1: Hier möchte ich Jamele Watkins danken, die dieses Zitat in ihrem Vortrag bei der Tagung verwendet hat. A.S.

2: Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. "Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle 'Eigenschaft', die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. So bedeutet Schwarz-Sein in diesem Kontext nicht, einer tatsächlichen oder angenommenen 'ethnischen Gruppe' zugeordnet zu werden, sondern ist auch mit der gemeinsamen Rassismuserfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden." Jamie Schearer, Hadija Haruna, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), Über Schwarze Menschen in Deutschland berichten, Blogbeitrag, 2013.

3: "Zwar finden sich jüngst immer mehr Programme, in denen 'Teilhabe' und 'Diversität' eine zentrale Rolle spielt. Diesen fehlt in der Regel jedoch ein diskriminierungskritisches Grundverständnis. […] Selten wird im Vorfeld das bestehende Wissen von Ausschlüssen Betroffener einbezogen, noch seltener führen die Ansätze zu einer nachhaltigen Stärkung dieser Communities." Zitiert nach: http://www.beck-shop.de/bayer-kazeem-kaminski-sternfeld-edition-angewandte-kuratieren-antirassistische-praxis/productview.aspx?product=20528331" href="https://www.nachtkritik.de/(http://www.beck-shop.de/bayer-kazeem-kaminski-sternfeld-edition-angewandte-kuratieren-antirassistische-praxis/productview.aspx?product=20528331" target="_blank" rel="noopener">Micossé-Aikins, Sandrine/ Sharifi, Bahareh: Widerstand kuratieren. Politische Interventionen in eine elitäre, hegemoniale Kulturlandschaft. 

 

Sharifi Azadeh privat © privatAzadeh Sharifi ist promovierte Kultur- und Theaterwissenschaftlerin. Seit Oktober 2016 arbeitet sie an ihrem PostDoc-Projekt "(Post)migrantisches Theater in der deutschen Theatergeschichte – (Dis)Kontinuitäten von Ästhetiken und Narrativen" am Institut für Theaterwissenschaft der LMU München. Von 2014 bis 2015 war sie Fellow am Internationalen Forschungskolleg Interweaving Performance Cultures der Freien Universität Berlin. Neben Lehr- und Forschungstätigkeitwar sie u.a. Mitkuratorin des Festivals Politik im Freien Theater 2018 in München.

 

 

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