Die Welt, frisch aufgeknackt

von Jan Fischer

Göttingen, 18. August 2018. Der Eingang des Kaninchenbaus ist videoüberwacht und wird eine halbe Stunde nach der Vorstellung geschlossen. Jedenfalls steht das auf großen Schildern über dem guten Dutzend weißer Kaninchen, die Kopfhörer und rote Aufkleber mit der Aufschrift "Ich bin Alice" an das Publikum verteilen. Beinahe zu realistisch scheint diese Ankündigung, gemessen an der Welt, die sich jenseits des Eingangs eröffnet.

Antje Thoms inszeniert mit "In Alice Welt" nach "1984" nun schon zum zweiten Mal in der Tiefgarage des Deutschen Theaters Göttingen. Die weißen Kaninchen leiten die Zuschauer einzeln durch das labyrinthische Bühnenbild von Florian Barth: zwischen Beton und Neonröhren angelegte Hutmacher-Behausungen, einzelne Räume, die jeweils Platz für fünf bis sechs Menschen bieten. Derweil läuft über die Kopfhörer eine Soundinstallation mit Bruchstücken aus den beiden Alice-Texten "Alice im Wunderland" und "Alice hinter den Spiegeln", deren Beginn eine Mischung aus dem Gedicht "The Walrus and the Carpenter" und des "Humpty Dumpty"-Reims ist, und deren Abschluss das "Jabberwocky"-Gedicht bildet, beide auf Englisch. Dazwischen gibt es allerlei Passagen aus den Büchern auf Deutsch, Lewis-Caroll-typische verdrehte Logik und tiefsinnigen Sprachunsinn. Die berühmte Rätselfrage "Warum ist ein Rabe wie ein Schreibtisch?" wird wiederholt, oft geht es um Identität, die Frage, wer Alice ist, wer verrückt ist, was verrückt überhaupt ist.

24 Hutmacher, 24 Verrücktheiten

Die Hutmacher in ihren Behausungen sind auf je eigene Art verrückt: Es gibt einen Raum, in dem ein junger Hutmacher und seine Hutmacher-Mutter spiegelverkehrte Dokumente stempeln, es gibt, direkt daneben, einen gespiegelten Raum, in dem ein alter, männlicher Hutmacher auf dem Bett dasselbe tut. Es gibt einen, der in einem klinisch weißen Raum darüber doziert, dass auch die beste Butter nicht gut für das Uhrwerk ist. Es gibt einen blinden Hutmacher in einem staubigen dunklen Holzraum. Es gibt ein Zelt, dessen Boden mit Sand bedeckt ist und einen Hutmacher, der dort ein absurdes Schachspiel spielt. Es gibt einen Raum, in dem zwei von ihnen sitzen und die Blumen an den Wänden sortieren. Es gibt einen, der in einem verrauchten Raum mit einem Bild spricht. Es gibt einen, der einem rosa angestrichenen Raum voller Stockbetten auf einem Pianino manisch ein Lied spielt. Und viele mehr – mehr als ein Zuschauer bei einem Durchgang zu sehen bekommen könnte – insgesamt gibt es 24 Darsteller und Darstellerinnen für den Hutmacher.

Alice 560 ThomasM.JaukHutmachers Tales: Ida Nossek, Ronny Thalmeyer © Thomas M. Jauk

Motivisch verknüpft sind die Räume durch Requisiten wie Uhren, Schachbretter, Teetassen und Fläschchen mit der Aufschrift "Trink mich". Strukturiert wird "In Alice Welt" von regelmäßigen Gongschlägen. Die weißen Kaninchen führen die Zuschauer nach jedem Gongschlag etwas eiliger in einen neuen Raum. Wenn zwei der Kaninchen sich treffen, fragen sie einander nach der Zeit. Im Finale der Inszenierung werden alle Zuschauer auf Feldbetten geführt, während die 24 Hutmacher und 12 weißen Kaninchen immer wieder sagen: "Schlaf ein, wach auf".

Die arme Alice musste in der Vergangenheit für vieles herhalten: für einen Disney-Film, als Name für eine spezifische Ansammlung von Wahrnehmungsstörungen, als Geschichte eines Mädchens, das sich gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnt, als Geschichte einer Flucht in Drogen- und Traumwelten. Gerade "Alice hinter den Spiegeln" hat auch einiges an politischen Interpretationsversuchen über sich ergehen lassen müssen. Dass Lewis Caroll liebend gerne nackte, minderjährige Mädchen fotografierte (allerdings nie eindeutig geklärt wurde, ob er tatsächlich pädophil war – solche Fotografien waren im viktorianischen Zeitalter durchaus häufig zu finden), fand auch in der einen oder anderen Interpretation seiner Werke Beachtung.

Spaß mit subversivem Potential

Antje Thoms' Inszenierung in Göttingen wischt vieles davon einfach vom Tisch. In der geführten Audioinstallation geht es um Carolls Spiel mit verdrehter Logik und Worten: darum, dass, wenn man einmal den Kaninchenbau betreten hat, das Wissen von außerhalb des Kaninchenbaus nicht viel weiterhilft. Genau wie Alice müssen die Zuschauer sich auf diese Welt einlassen, Spaß an der verqueren Logik und den sprachlichen Verdrehungen entwickeln. Selbst Spielkinder sein, die den Kaninchenbau als Unsinnsforscher erkunden.

Letztendlich geht es, wie in den Büchern, darum, eine allzu festgefahrene Weltsicht ein wenig aufzuknacken, eine Welt durch eine andere zu ersetzen, oder wenigstens die Sichtweise auf die Welt um eine tiefere Unsinnsebene zu erweitern. Das mag – wie André Betron oder Max Ernst es bei Caroll fanden – durchaus etwas Subversives haben. Das mag einfach nur Spaß machen. Oder beides. In der wirren Welt der Alice ist nichts auszuschließen. Der Kaninchenbau ist bodenlos, und jeder einzelne von Thoms' Hutmachern hat ein Wörtchen mitzureden, meist gleichzeitig.

Schade ist einzig das Ende, das die frisch aufgeknackte Welt dann doch wieder: "Schlaf ein, wach auf", auf zwei Alternativen reduziert – wo man doch gerade der Meinung sein wollte, ein wenig mehr Schlaf täte dem Wachen gut, und umgekehrt.

In Alice Welt
nach Lewis Caroll
Regie: Antje Thoms, Bühne und Kostüme: Florian Barth, Musik: Stefan Paul Goetsch, Dramaturgie: Matthias Heid.
Mit: Marius Ahrendt, Angelika Fornell, Lutz Gebhardt, Nikolaus Kühn, Marco Matthes, Daniel Mühe, Gitte Reppin, Ronny Thalmeyer, Christoph Türkay, Paul Wenning, Gerd Zinck, Mattis Bohne, Michael Bokemeyer, Uwe Beyer, Thaddäus Eilers, Eva Katharina Boser, Inge Koch, Phoebe Krist, Alma Nossek, Ida Nossek, Katharina Nossek, Sebastian Schlung, Michael Thomas, Dennis Wiegmann, Carina Bruchmann, Jessica Bruchmann, Kai Burghardt, Moritz Kahl, Mia Kaufhold, Lilian Jöster, Yanthe Glienke, Fabian Hartje, Viktoria Labitzke, Kira Senff, Nele Sennenkamp, Felix von Nostitz-Wallwitz.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.dt-goettingen.de

 

Kritikenrundschau

"Jeder Besucher bekommt einen Kopfhörer, wird in eines der Kabinette geleitet, hat dort eine Weile Zeit, sich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen und muss ins nächste Zimmer umziehen", erklärt Michael Schäfer im Göttinger Tageblatt (20.8.2018). In den Kabinetten gebe es lauter kleine Wunderdinge zu bestaunen, "Spieluhren und andere nicht alltägliche Musikinstrumente, alte Uhren, Töpfe, Kunstblumen, Whiskyflaschen, die angeblich Tee enthalten, überdimensionierte Stühle, auf denen man sich geschrumpft fühlt, Stofftiere und vieles mehr." In diesem Umfeld entfalten sich Carrolls fundamentale Sätze wie wundersame Blumen: "Wer bin ich? Wer in aller Welt bin ich denn?" Fazit: "'Alice Welt' ist verwirrend, die Gesetze der Logik, der Wahrnehmung, des gesunden Menschenverstandes sind außer Kraft gesetzt."

"Aus den Kopfhörern, die du vom Kaninchen bekommst, hört man Geschichten über Walross und Zimmermann, über den Unterschied zwischen Raben und Schreibtisch", heißt es in der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (20.8.2018). "Spannend außerdem: In jeder der Kammern erlebt jeder das Schauspiel anders." Schade jedoch, dass diese Idee nicht neu ist: "Vieles an dem Abend wirkt wie aufgewärmt von George Orwells '1984' mit dem in der vergangenen Spielzeit die Tiefgarage erstmals bespielt wurde."

Eine riesige Wundertüte sei "Alice Welt", so Eva Werler im ndr (19.8.2018). Wer sich einlasse auf ein außergewöhnliches Theatererlebnis, bei dem er selbst fühlt, was Alice gefühlt haben mag, der könne sehr ungewöhnliche Dinge erleben. "Wer sich Alice Welt bunt vorgestellt hat, mit rosa Flamingos, die als Krocketschläger benutzt werden, mit einer gelb-schwarzen Grinsekatze, der könnte eventuell enttäuscht werden."

Ein "prima Lustmacher auf die neue Theaterspielzeit" ist dieser Abend für Jens Fischer von der taz (1.9.2018). Die "Mini-Performances" funktionierten "als Einübung, sich der Traumlogik hinzugeben". Kausalität, Kontinuität und Konstanz seien "aufgegeben, da die Inszenierung keine Handlung entwickelt und das kompositorische Kriterium von Spannung–Entspannung verweigert, stattdessen als Abfolge gleichberechtigter Ereignisse angelegt ist. Zeit verliert an Bedeutung. Und Sprache wird durch Carrolls Jonglage mit Silben, Buchstaben, Worten als System der Kommunikation außer Kraft gesetzt".

 

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