Die ganze Bande eine Sauce

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. August 2018. Da kommt was auf uns zu. Es kommt durch die geöffnete Tür des Eisernen Vorhangs: ein Ding mit den Brüsten der Frau und dem Gemächt des Mannes, beide groß und baumelnd. Das Ding, es kann laufen, zertritt, nach Überlegung, einen Frosch – nicht. Es ist die erste und die letzte Brutalität, die eines dieser Dinger nicht begehen wird. Dann setzt es sich die Krone auf, und damit beginnt alles. Diese Krone ist das einzige, was sie alle wollen, und es ist das Einzige, wofür sie alles tun.

Shakespeares düsterstes Stück

"Macbeth" ist das vielleicht düsterste Stück Shakespeares: Es beschreibt keinen gesellschaftlichen Vorgang, es steht für nichts außer: den menschlichen Trieb. Für das Streben nach sinnentleerter Macht, die nichts bedeutet als sich selbst. Für Mord, dem Mord vorausgeht und Mord folgt, es ist eine Hoffnungslosigkeit, eine Düsternis. Nicht von ungefähr hat Heiner Müller dieses Stück seinem Pessimismus anverwandelt, in glänzenden schwarzen Farben. Und vielleicht macht gerade dieses Allgemeine des Textes seine Schwierigkeit aus.

macbeth2 560 candy welz uBöse Puppenspiele im "Haus Weimar" von Bühnenbildnerin Julia Oschatz © Candy Welz

Christian Weise hat "Macbeth" jetzt in Weimar inszeniert, eine Koproduktion des Nationaltheaters mit dem Kunstfest Weimar. Und er hat dieses Allgemeine auf eine noch höhere Stufe der künstlerischen Abstraktion befördert. Auf eine Ebene, auf der es keine Individualität mehr gibt, nur noch Struktur, keine erzählte Geschichte, nur noch zelebrierte Demonstrationen.

Denn er hat in diesem Text die Farce, die Groteske entdeckt, und die führt ihn zu Alfred Jarry und dem dicken Puppen-König Ubu. So sehen die sechs Darsteller in den Kostümen von Lane Schäfer alle aus, als wirkten sie am Hofe des guten alten Ubu mit: ausgestopfte, dicke Puppen, Titten und Schwänze kenntlicher als die Gesichter. Da passten Müllers geschundene Bauern, die schindenden Soldaten nicht hinein, die sind nebst anderen gestrichen. Die ganze Bande, will uns das wohl sagen, ist einander wert. Sie sind einander so gleich, dass es gänzlich egal ist, ob einer Mann oder Frau ist, Lady oder Sir, alles eine Soße. Man mag das einen Gedanken nennen, es ist aber auch ein Problem.

Unkenntlich in der Maskerade: Corinna Harfouch und Susanne Wolff

Das Problem zum Beispiel, dass hier zwei erste deutsche Schauspielerinnen nach Weimar geholt wurden, um sie dann zu verstecken: Corinna Harfouch und Susanne Wolff. Die beiden kleben hinter ihren Masken wie die Figuren hinter der alles und alle egalisierenden ästhetischen Konzeption. Für Harfouch und Wolff, die die freie Wahl haben, was sie wo spielen, mag das eine interessante Erfahrung sein, für diese Inszenierung ist es – nicht interessant. Denn die Möglichkeiten dieser bedeutenden Schauspielerinnen werden hier weitgehend auf den handwerklichen Umgang mit der Macbeth-Puppe und der Lady-Puppe reduziert. Die beiden wechseln zwischen ihren Figuren, ob der Zuschauer diesen Rollentauch jeweils bemerkt, ist indessen gleichgültig, denn dieser Wechsel bedeutet und bewirkt und erzählt – nichts.
macbeth4 560 candy welz uPfeif aufs Idealgewicht! Susanne Wolff und Corinna Harfouch als Lady und König Macbeth
© Candy Welz

Wie der ganze Abend im Grunde nichts erzählt außer sich selbst. Der Text wird nicht nur in seiner Verständlichkeit, besonders wenn sie chorisch sprechen, von den Kostümen und der so angestrengten wie anstrengenden Sprechweise absorbiert, auch die Erzählung, die Geschichte verschwindet weitgehend in diesem späten Grand Guignol. Es ist ein wenig wie das Libretto in der Oper. Text verrauscht zu Ton, hier dominiert das Bild – und das ist bald verschlissen, ist schnell verbraucht. Es entsteht so gut wie keine innere Bewegung in diesen zwei Stunden, es ist ein statisches Demonstrieren der artifiziellen Fertigkeiten, wobei sich das Weimarer Ensemble gut behauptet neben den beiden Stargästen.

Macbeth mit der Klobürste

Macbeth ruft die Lady mit der Klobürste zur Ordnung. Wenn er auf dem Klo sinniert, wird das rhythmisiert durch die Geräusche, die an diesem Ort üblich sind. Wenn Macbeth vom Felde kommt, legt sich Madame zur rückwärtigen Begattung zurecht, wenn es ans Morden geht, schärft er, der immer eine "sie" ist, das Messer am Schleifstein in der Küche. Einmal, wenn der Geist des ermordeten Banquo Macbeth erscheint, tritt Corinna Harfouch aus der Rolle und spricht über Weimar und Buchenwald und dass "wir" damals, 1930, 40 Prozent hatten, und dass sie, die Weimarerin wohl, nicht meint, dass Buchenwald nicht gewesen sei, dass da vielmehr etwas "aus dem Ruder gelaufen" sei. Und: "Die Toten machen uns fertig", mit Blick auf den toten Banquo und die Toten von Buchenwald, da verbindet sich einmal die Inszenierung mit der Gegenwart.

Und mit dem Bühnenbild, das hält der Berichterstatter für die Kunstleistung des Abends. Julia Oschatz hat das "Haus Weimar" gebaut, eine verschachtelte Visualisierung des Ortes und seiner Geschichte. Das Juno-Zimmer aus Goethes Haus, das der Lady Gelegenheit zu der Anmerkung gibt, sie habe die Juno nun Diana genannt, sie wär so gern eine Königin der Herzen, das Foyer des Nationaltheaters, Shakespeares Denkmal im Park, im Keller die Öfen, und eine Telefonzelle, wohl die theaterhistorische Reminiszenz an eine andere Aufführung dieses Stückes. Das ist aufs Schönste ausgemalt und so kunstvoll ineinander gebaut, dass es die Freude dieses Abends ist.

Am Ende, der kurze Rest ist gestrichen, prophezeit Macbeth "Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen" und lacht, weil er Recht behalten wird. Auf diesen Satz will der Abend hinaus – aber vorab erzählt er mehr von versteckten Schauspielern als von fatalen Mechanismen.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Übersetzung von Heiner Müller
Regie: Christian Weise, Bühne/Video: Julia Oschatz, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Jens Dohle/Steffen Illner, Video-Support: Bahadir Hamdemir, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Corinna Harfouch, Susanne Wolff, Bernd Lange, Oscar Olivio, Krunoslav Sebrek, Thomas Kramer.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-weimar.de
www.kunstfest-weimar.de


Kritikenrundschau

Weise stelle Shakespeares Tragödie auf den Kopf, "deren auf den Kern reduziertes Personal steckt er in Fettanzüge mit hängenden Brüsten und Pimmeln", so Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen (20.8.2018). "Dick angezogen, sind sie alle nackt –und entstellt es als monströse Familie Frankenstein bis zur Kenntlichkeit." Das sechsköpfige Ensemble spiele insgesamt überwältigend auf. "Corinna Harfouch und Susanne Wolff glänzen hier dadurch, dass sie mehr und auch anderes wollen und sollen, als dem Abend Glanz zu verleihen." Sie spielen absichtsvoll so derb und tragikomisch, "so wie hier sieht man sie eben: nur hier". Fazit: Ein aufgeheizter "Macbeth" nicht nur zum furiosen Auftakt der Weimarer, sondern der Thüringer Theatersaison.

"Ob Mann oder Frau agiert, spielt keine Rolle mehr im Angesicht von Mord und Macht - so werden sie alle zu Schreck-Gestalten wie aus Alfred Jarrys grober Farce um den wilden Wüstling 'König Ubu'", so Michael Laages im mdr (19.8.2018). An und für sich sei das eine starke Entscheidung, "speziell im ersten Teil aber dominiert die Farce extrem stark die historischen Verweise, deckt sie fast zu". Mächtig Mühe gegeben habe sich das Weimarer Team mit diesem "Macbeth". Jens Dohle habe sogar Musik für ein von Bläsern dominiertes kleines Ensemble geschrieben, in der Müllers ohnehin schon stark lyrischer Text fast zu Arie und Rezitativ veredelt wird – das sei nur eine der vielen Attraktionen dieses Abends. Corinna Harfouch bleibe der Exkurs hin zu Hitler und über ihn und Buchenwald hinaus zu AfD-artigen Verharmlosern von heute vorbehalten. "Und so sehr das zum Müller-Bild von der plan- und visionslosen Gier nach Macht passt, so spürbar angestrengt wird auch dieser Themen-Schwerpunkt noch ins Spiel gezwängt. Den Gesamt-Eindruck aber beschädigt das nur bedingt: Die grobe Ubu-Schreckensfarce wird Müller und Macbeth zu gleichen Teilen und sehr kraftvoll gerecht."

Anton Rainer schreibt in der Süddeutschen Zeitung (online 21.8.2018): "Macbeth" in Weimar sei eine "Posse", eine "Farce", "eingeweicht in Lametta und Pappmaché". Und in 'Gestalt des opulenten Bühnenbildes, ein "beeindruckendes Diorama, zur optischen Täuschung verdichtet, eine Auseinandersetzung mit der Stadt Weimar selbst. Es könnte alles so schön sein, wenn Heiner Müllers zutiefst hoffnungsloser Text im "Weimarer Haus" atmen dürfte und nicht bevormundet würde durch "eine wild assoziierende Regie, die ihren Zuschauern weniger zutraut als sich selbst". Ermüdende, "zeitfressende Exkurse" ließen die Inszenierung auf der Stelle treten. Unter den an Puppenkönig Ubu erinnernden Körpermassen stecke "sehr viel Fleisch, ein Stoff, der es verdient hätte, verstanden statt zugedröhnt zu werden".

 

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