Urdeutscher Dickschädel

von Tobias Prüwer

20. August 2018. "Verzeih mir, Hamlet! Verzeiht mir, Dänen! Euer König ist gerächt. Hamlet, mein Sohn! Der Himmel erbarme mich meiner!" - Shakespeares Stoff ist nichts erspart geblieben. Lange galt "Hamlet" in Deutschland als unspielbar. Also kam die Tragödie erst einmal bearbeitet auf die Bühne, zumindest wenn man den Chronisten folgt: Zum bürgerlichen Schmonzette umgekrempelt endet mit einem Happy End. Hamlet überlebt, wird König von Dänemark, der Himmel weint vor Freunde und gibt sein Plazet.

Seit diesem 20. September 1776 im Hamburger Theater wurde Hamlet in Deutschland immer wieder neu interpretiert und bewertet. Mal wurde er als zweifelnder Melancholiker dargestellt, zu anderer Zeit mutierte er zum rasenden Tatmenschen, der alle ausradiert. Keine andere Figur gilt als so urdeutsches Musterbeispiel wie Hamlet.

Sehnsucht nach Ordnung

Darin hat er sogar den Faust überholt und ist Role Model für (Selbst-)Inszenierungen aller Art geworden. Noch Christian Lindner gab beim Bundeswahlkampf 2017 einen Anti-Hamlet, mit dem ein Ruck durch Deutschland gehen sollte. Wie Hamlet so populär wurde hierzulande, hat Peter W. Marx in seiner geistreichen Studie "Hamlets Reise nach Deutschland" akribisch wie für den Leser gut verständlich nachgezeichnet. Anhand historischer Inszenierungen, Kritiken und Interpretationen verfolgt er den wechselvollen Kurs der Hamletmaschine.

peter marx Cover 280So ist viel zu erfahren von der aufgeklärten Faszination an der Gespensterszene und Hamlet als Figur, an der sich die deutsche Seele reiben kann. So wurde anfangs der grausam empfundene Schluss verändert. In späteren Varianten schleppt sich der sterbende Hamlet immerhin noch in Siegerpose auf den Thron und wird symbolisch zum König.

Die Romantik rückte, über den Umweg namens Goethe, Hamlet ins Zentrum. Der zweifelnd-betrübte Jüngling begeisterte sie und der Melancholiker mit dem Schädel gab auch ein zu schönes Motiv Vanitas-Motiv ab. Zu Vormärzzeiten wandelt sich Hamlets Innenleben zum Spiegel der Nationalidentität, der Stoff wird neben dem "Faust" zu dem deutschen Drama. Mit wechselnden Akzentuierungen füllt er die Sehnsucht nach Ordnung in orientierungslosen Zeiten. Diese war für die Verehrer nur als Reich vorstellbar. Die Hamlet-Figur wird verführerisch als Vor- und Idealbild, was im Satz eines Dichters gipfelt: "Deutschland ist Hamlet". Die politisch unfähigen Intellektuellen müssen doch von den Rufen aus der Geschichte, klar: der vermeintlich heroischen Germanenvergangenheit, zur Tat gerufen werden. Das Drama wird stilisiert zum nationalen Schicksalskampf, um sich gegen den "Erbfeind" zu munitionieren: der deutsche Hamlet, weil aus Wittenberg, gegen den Franzosen Laertes, weil aus Paris.

Vehikel fürs Nationbuilding

Hamlet wird zur deutschen Essenz indem man Shakespeare kurzerhand germanisiert: In seinem Schreiben hätte sich das deutsch-germanische Wesen in Gänze offenbart. Ein Nimbus, an dem man sich – trotz aller Brüche und anderen Hamlets – noch heute abarbeitet. Hamlet als Vehikel des Nationbuilding und Nationalismus, dessen Wahnsinn als Überzeugung an der richtigen Sache kaschiert wird.

In den Zwanzigern und Dreißigern entwickelt sich Hamlet dann zum jugendlichen Führer, der sich sucht und seine Sehnen füllen will: ein potenter Tatmensch. Gustav Gründgens zeigt ihn ebenso als entschlossenen, keinesfalls zögerlicher Menschen, der Heroe bis in den Tod bleibt. Nach dieser Produktion von 1936 steht Gründgens in seiner "Hamlet"-Neuinszenierung noch einmal 1949 als 50-Jähriger Schädelhalter auf der Bühne. Sie ist ohne Brüche, reflektiert weder Gründgens Biografie noch die Zeitläufte.

Deutung von zäher Natur

Damit gedeiht er für Marx zur Insignie seiner Generation, die zur Auseinandersetzung mit ihrer Verstrickung und Schuld nicht imstande war und das nie gelingende Zurück zu einer erloschenen Tradition versuchte. Es sind solche Hinweise auf Zeitkontexte, die sich in den beschriebenen Inszenierungen wie in einem Prisma zeigen und die Lektüre über Theaterinteressantes hinausführen.

Immer wieder werden im Ringen um Hamlet und die Erwartungen um seine Ausgestaltung besondere Reibungspunkten kenntlich. Ganz sicher muss er einer von "uns" sein, weshalb in der Geschichte Stimmungsmache gegen jüdische Hamletdarsteller zu verzeichnen ist, aber auch gegen Frauen. Während Hamlet-Darstellerinnen in den USA und Rest-Europa durchaus gefeiert wurden, war das in Deutschland skandalös, wie ein Kritiker urteilte: "War den Romanen der Hamlet verschlossen, der Frau, welcher Nationalität auch immer, hätte er sich von selbst verbieten sollen." Die Verbindung der Eigenschaften deutsch und männlich ist von wiederkehrender wie zäher Natur.

Streifzug durch die Geistesgeschichte

Marx' gründliches Buch ist trotz der Wissenschafts-Nähe leicht lesbar, auch wenn etliche Wort- und Formulierungswiederholungen etwas nerven. Die Wendungen der Hamletinterpretationen macht er aber sehr anschaulich bis zum Wirken in der Popkultur ihrer jeweiligen Zeit. So ließen sich Goethe und Gerhart Hauptmann in der Hamlet-Geste porträtieren, was viele Nachahmer fand – wie heute das Duckface.

Während die Schnute wieder verschwinden wird, hat sich Hamlet fest ins symbolische Repertoire nicht nur in Deutschland eingebrannt, wie Marx feststellt. Da er nicht nur im Theater und den Inszenierungen verbleibt, ist sein Buch insgesamt ein kleiner Streifzug durch die deutsche Geist(es)-Geschichte der letzten 250 Jahre, die bis hin zur gegenwärtigen Nationalstolzdebatte und #metoo-Bewegung beziehungsweise ihren Anfeindungen führt.

Hamlet dient derzeit, so Marx, als Figur des Rächers, der mit einem radikalen Schnitt die aus den Fugen geratene Welt wieder kitten will. Sie scheint in Alexander Dobrindts kalkuliertem Tabubruch der "konservativen Revolution" auf und natürlich in den Inszenierungen diverser Rechtspopulisten, die die knallharten Heilsbringer geben. Damit erweist sich der Text nicht als lose Zusammenstellung von Inszenierungsweisen, sondern bezieht Stellung – und gibt einen Ausblick auf eine andere, noch zu erzählende Hamlet-Reise: eine globale Geschichte, nach deren westlich-ethnozentrischen Durchdringung von Hamlet-Motiven noch zu fragen wäre.

Hamlets Reise nach Deutschland
von Peter W. Marx
Alexander Verlag Berlin 2018, 440 Seiten, 28 Euro

 

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