Chinas Kochbücher

von Johanna Lemke

Halle, 5. Juli 2008. Es gibt doch diese Foto-Kalender. Die in vielen Wartezimmern hängen, mit Hochglanzbildern von chilenischen Hochebenen, neuseeländischen Truthähnen und lettischen Marktfrauen. Satte Farben und folkloristische Harmonie im Querformat. Ein bisschen wie ein solcher Kalender zeigt sich "China", die Performance des australischen Künstlers William Yang. Mit ihm hat sich das Festival noch einmal so richtig Welt ins Haus geholt, denn Yang ist nicht nur australischer Performance-Künstler, sondern auch noch Chinese. Einer, der kein Chinesisch spricht allerdings, lebt er doch bereits in der dritten Generation in Australien.

Seine ganz persönliche Suche nach seiner chinesischen Identität ist das Thema dieser musikalisch untermalten und durch seinen Monolog begleiteten Dia-Show. Seit 1989 ist Yang vier Mal nach China gereist, hat dort fotografiert, manchmal gefilmt. Diese Bilder werden auf zwei Leinwände hinter ihm projiziert. Er selbst sieht die Fotos über zwei Rückspiegel, die an seinem Mikro angebracht sind. Begleitet von einem Musiker, der Erhu (die chinesische Geige) und Pipa (eine Art stehende Laute) spielt, berichtet Yang von seinen Erinnerungen zu den einzelnen Bildern.

Blick des Außenseiters ins Reich der Mitte 

Es sind Landschaftsaufnahmen und Schnappschüsse von Menschen, Bilder von Prachtbauten und schäbigen Slum-Wohnungen. Zu fast jedem Bild erzählt Yang eine Anekdote: von der durchzechten Nacht in einer mongolischen Hirtenhütte, von dem Abendessen, das sich am Ende als Hundeohren herausstellt, von der Enttäuschung, als der uralte Tempel sich als aufgehübschte Touristenattraktion gestaltet. Mit seichtem Lächeln und kühler Unaufgeregtheit pointiert Yang seine Erlebnisse und nähert sich feinfühlig und humorvoll dem Land, das er seine zweite Heimat nennt, und dem er dennoch nicht wirklich auf die Spur kommen kann.

William Yang ist auf seinen Reisen auf Dolmetscher angewiesen, er bleibt Tourist und spricht über die Sehenswürdigkeiten auf den Fotos so, wie es sich für einen aufmerksamen Besucher gehört. Inklusive historischer Hintergründe und scheinbar notwendiger Informationen wie zum Beispiel der Einführung in das chinesische Schriftsystem. Diese Belehrungen sind manchmal so gewöhnlich, dass sich bereits nach zehn Minuten und in regelmäßigen Abständen die wohl weniger China-affinen Zuschauer aus dem Saal stehlen.

Dogs, ducks, kitschige Tempel 

Die Fotos aber sind kleine Kunstwerke, Yang gilt nicht ohne Grund als einer der wichtigsten australischen Fotografen. Durch die Begleitung der traditionellen Musik, die an genau den richtigen Stellen einsetzt oder verstummt, deren Rhythmus dem Wechsel der Bilder nachspürt, gerät die Performance in die Nähe eines Reisefilms. Eines recht romantisierenden zudem. Das Problem ist nur: da bleibt sie auch. Yang nähert sich China langsam, neugierig und fast bewusst naiv. Lässt sich von wechselnden Führern das Land zeigen, immer wieder "zum Lunch" einladen – die Fotos der chinesischen Gerichte und die dazugehörige Beschreibungen sind ein wiederkehrendes Moment der Bildfolgen und stehen für Yangs Entdeckerlust. Und für die bleibende Fremde, bei aller Bereitschaft, sich einzulassen.

Es ist ein Ringen um Nähe und Distanz, in dem Yang sich immer wieder eingestehen muss, wie wenig chinesisch er in Wirklichkeit ist. Wenn eine der wenigen Videoaufnahmen zeigt, wie Yang von einem Jungen in den Ablauf des Rituals am heiligen Tempel eingeweiht wird, ahnt man, wie sich einer fühlen muss, der seine Wurzeln zum Greifen nahe sieht, sich ihnen aber unerreichbar fern fühlt. Dieser Suche beiwohnen zu dürfen, ist bisweilen berührend, oft aber sehr belanglos. Denn Yang versucht keine Auseinandersetzung, die über die private Erfahrung und eine Kochbuchromantik hinausgeht. Und hält den Zuschauer damit letztlich auf Abstand, weil sich dieser schlicht veräppelt fühlt, China so bruchlos vorgeführt zu bekommen.

Reisebericht mit verschwimmenden Eindrücken 

Manchmal tippt Yang brisante Themen an. Wenn er von einer Veranstaltung berichtet, auf der er als Homosexueller über Schwule in Sydney referiert und eine hitzige Diskussion angezettelt hat, wenn er sich fragt, ob die Menschen durch die Ein-Kind-Politik mehr Sehnsucht nach engen Freundschaften haben, dann sind dies Themen, die aus dem Einheitsbrei der Bildfolgen auszubrechen wagen. Sie bilden jedoch kein ausreichendes Gegengewicht zu dem am Ende leider sehr ermüdenden, 90-minütigen Reisebericht William Yangs. Wenige Fotos bleiben im Gedächtnis, sie verschwimmen zu einem Allerlei aus bunten Farben und ungefährlicher Folklore. Kalender bleibt Kalender.


China (DEA)
von William Yang
Regie und Performance: William Yang, Musiker: Jian Gou Lu.

www.theaterderwelt.de/2008

 

Mehr über Theater der Welt, das vom 19. Juni bis 6. Juli 2008 in Halle stattfand, lesen Sie hier.  

 

Kritikenrundschau 

Die "Verfremdung der Selbstwahrnehmung" sei das Thema von "China", dem Projekt des Australiers William Yang gewesen, schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (online: 6.7., 15:38h). Dieser "äußerlich kaum von landläufigen Dia-Präsentationen" zu unterscheidende Vortrag habe sich erst durch den biografischen Hintergrund "in eine anrührende und komische Suche nach der eigenen Identität" gewandelt. Yang habe dem "halleschen Publikum wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Peking aparte Binnensichten einer Gesellschaft bieten" können, "die zwischen jahrtausendealter religiöser Tradition und massiver ideologischer Prägung zerrissen ist". Mit "musikalischen Akzenten und wenigen überraschenden Momenten, in denen seine Fotografien plötzlich zu leben begannen", sei dies, auch indem es "die respektvolle Distanz und die gelegentliche Umarmung durch die Fremde" beschrieben habe, ein "kontemplativer Ausklang" des Festivalprogramms gewesen.

 
 
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