Frustbeulen auf den Barrikaden

von Esther Boldt

Mainz, 28. August 2018. Das Parlament tagt im Museum. Und das tatsächlich schon seit zwei Jahren. Seit Mai 2016 befindet sich der rheinland-pfälzische Landtag im Steinsaal des Landesmuseums, weil der eigentliche Tagungsort, das Mainzer Deutschhaus, saniert wird.

Das versch(r)obene Parlament

Inspiriert von dieser Verschiebung entwickelte der Autor und Dramaturg Björn Bicker für das Staatstheater Mainz "Das letzte Parlament (Ghost Story)". Er recherchierte dafür auch im Umfeld des Landtages, führte Gespräche mit den Abgeordneten und Mitarbeiter*innen. Im Stück nimmt er die räumliche Verschiebung buchstäblich und erklärt das Parlament im Museum zum Überbleibsel aus einer anderen Zeit: Im ganzen Land, auf der ganzen Welt seien plötzlich die Parlamente verschwunden, erklärt ein Chor namens "Der Geist der Demokratie" am Anfang: "Sie waren plötzlich weg. Wir lachten, wir freuten uns." In Mainz spielt die große Schauspielerin Monika Dortschy diesen Geist, der aus einer unbestimmten Zukunft kommt. Ausgestattet mit einem schwarzen Hammelkopf sitzt sie auf der Brüstung der Tribüne, auf der Grenze zwischen Plenum und Volk – und also buchstäblich zwischen den Stühlen.

Das letzte Parlament2 560 Andreas Etter uDebattieren auf verlorenem Posten: Klaus Köhler, Elena Berthold, Vincent Doddema © Andreas Etter

Nun ist auch dieses letzte Parlament gefährdet; seine Tische, an denen auch das Publikum Platz nimmt, sind ohnehin schon folienbedeckt, Haare und Gesichter der Parlamentarier*innen grau getüncht. Denn die alles entscheidenden Debatten, so die These, finden nicht mehr in Parlamenten statt, sondern in den sogenannten sozialen Netzwerken. Gewissermaßen als Fallbeispiel rollt Bicker die reale – und hier doch fiktiv geführte – Debatte um sogenannte "Zwergschulen" auf, Schulen im ländlichen Raum also, die aufgrund der geringen Anzahl von Kindern meist in nur einer Klasse altersübergreifend unterrichten. Sollen, können, müssen solche Schulen geschlossen werden? Darüber wird auch im rheinland-pfälzischen Landtag debattiert.

Der Aufstand der Rüstigen Rentner

In der Uraufführungsinszenierung von Brit Bartkowiak tauschen hierzu drei Parlamentarier*innen knapp ihre Meinungen aus – einer eher links, eine eher mittig, einer eher rechts –, bevor sie von zwei beige gekleideten "Rüstigen Rentnern" übertönt werden, die den Untergang des Abendlandes befürchten. Und alles nur, weil die jüngst verstorbene Lehrerin einer "Zwergschule" ihren Schüler*innen von den 99 Namen Gottes erzählte. Da mit diesem nur Allah gemeint sein kann, gehen die Heimat- und Grillfreunde, die eigentlich nur mal in den Arm genommen werden wollen, gegen diese "Kontaminierung der Kinder" auf die digitalen Barrikaden, und entfachen in den Untiefen der Hater und Frustbeulen einen Sturm.

Das letzte 1 560 Kohler Andreas Etter uDas letzte Parkett: Klaus Köhler im Tanzschritt. © Andreas Etter

Das alles ist wahrlich schon kompliziert genug. Doch Bicker schaltet noch eine weitere Figur ein, zwischen den allegorischen "Geist der Demokratie" und das leicht überzeichnete Zwist-Dreieck aus Politik und Interessenvertretungen: Eine blinde Stenotypistin des Landtags, die täglich niederschreibt, was hier diskutiert wird. Was sie hört, wird Anlass für Räsonnement: Ihre Monologe sind besorgte, sensible Gegenwartsbetrachtungen, die den Verlust von Vertrauen verzeichnen, von Freude, von Mitgefühl. Kristina Gorjanowa spielt sie als heitere Lichtgestalt, im silbern schimmernden Kleid die Reihen der Anwesenden durchschreitend. Mit ihrem Sensor für gesellschaftliche Verwerfungen nimmt sie einerseits dem Text etwas von seiner Konstruiertheit, indem sie ihn mit einer persönlichen Perspektive ausstattet – andererseits hat die Figur etwas heillos Kitschiges.

So bleibt der selbstgeschaffene Freiraum, die veritable Überlagerung von Zeiten, Räumen und Institutionen, seltsam leer. Obgleich "Das letzte Parlament" doch von der Zukunft erzählen möchte, schöpft der Autor nicht aus den Möglichkeiten des Ungewussten. Er lässt seine Fantasie nicht streifen, sondern füllt den Raum vor allem mit Bekanntem. Rechts und links davon bleibt die hier entworfene Welt blass. So blass, dass auch die blinde Seherin schließlich keinen anderen Notausgang mehr weiß, als zur Selbstmordattentäterin zu werden. Ein schlechter Scherz. Und die fade Pointe eines sehr ambitionierten, sympathischen Theaterabends, der von allem etwas zu viel wollte.

 

Das letzte Parlament (Ghost Story)
von Björn Bicker
Uraufführung
Regie: Brit Bartkowiak. Bühne: Hella Prokoph. Kostüme: Britta Leonhardt. Musik: Ingo Schröder. Video: Stefano di Buduo. Licht: Justus Matla. Dramaturgie: Rebecca Reuter. Mit: Kristina Gorjanowa, Monika Dortschy, Elena Berthold, Vincent Doddema, Klaus Köhler, Leoni Schulz, Daniel Mutlu, Daniel Friedl, Martin Herrmann, Kinderchor des Peter-Cornelius-Konservatoriums der Stadt Mainz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

 

Kritikenrundschau

Die Geschichte des Abends sei "nicht immer so pointiert (…), wie sie sein könnte", warte aber mit starken Momenten auf, schreibt Johanna Dupré im Echo (30.8.2018). Am eindringlich werde die Inszenierung, als die Gemüter hochkochen, "die Bereitschaft zuzuhören schwindet". "Plötzlich sind wir mitten im Kern der Misere. Einen Ausweg aus ihr bietet 'Das letzte Parlament' nicht", so Dupré. "Aber als Erfahrung ist diese Inszenierung durchaus kathartisch."

Als Vorbereitung auf das "Letzte Parlament" habe Autor Björn Bicker sich in Mainz mit Parlamentariern und Angestellten unterhalten, mit der "Echtheitsgarantie" des Stücks spiele die Inszenierung von Brit Bartkowiak unterhaltsam, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (30.8.2018). Im Einzelnen habe Bicker "sehr überzeugende Vorstellungen" davon, "wie Kollektive auf Verunsicherung und Stress reagieren". Erst gegen Ende werde "das Elegische, gar Sentimentale" zäh. "Zähigkeit aber ist ein Merkmal der Demokratie, und wo es um Mehrheiten geht, sind breite Gefühle nicht fern."

Seine "quälenden Eskalationsstufen" ließen diesen Theaterabend "oft hellsichtig wirken", schreibt Anton Rainer in der Süddeutschen Zeitung (31.8.2018). "All der Pathos, den der 'Geist der Demokratie' genannte Ein-Personen-Chor (Monika Dortschy) und seine blinde Stellvertreterin hinausposaunen, man nimmt ihn billigend in Kauf." Schließlich gehe es um die ganz großen Fragen, die Zukunft einer Gesellschaft. "Doch dann kommt (...) der Kinderchor." Vielleicht könne ein Parlament von Debatten zur Liebe tatsächlich mehr profitieren als von weiteren Anträgen zur Straßenausbaubeitragssatzung, so Rainer. "Andererseits: Ist es um eine Demokratie, die nur durch derart hartnäckiges Tränendrüsen-Drücken gerettet werden kann, wirklich schade?"

 
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