Engführung zum Nationalsozialismus

von Jan Fischer

Hannover, 31. August 2018. Der Untergrund der Weimarer Republik ist trügerisch. Jedenfalls der der weißen Halbkugel auf der Bühne. Bei jedem Schritt der Figuren am Staatsschauspiel Hannover wabbelt er bedrohlich. Als könnte er sich jeden Augenblick auftun, um wie Treibsand all die bunten, inflationsgebeutelten Figuren zu verschlucken.

Lars-Ole Walburg bringt mit "Der schwarze Obelisk" seine letzte Regiearbeit als Hannoveraner Intendant auf die Bühne, nächste Spielzeit wird er abgelöst. Gleichzeitig schließt er, nach dem erfolgreichen "Im Westen nichts Neues" und Die Nacht von Lissabon, seine Erich Maria Remarque-Trilogie ab. "Der schwarze Obelisk" spielt 1923, im Jahr der Hyperinflation, die gleichzeitig auch eine Zwischenzeit ist – die wackelige Unsicherheit der Weimarer Republik, aber auch die relative Normalität des Lebens nach dem ersten Weltkrieg und vor der Machtergreifung Hitlers.

Stein: Schwarz-Schwedisch

Das Stück spielt im fiktiven Städtchen Werdenbrück, in der Romanvorlage erinnert es an das Osnabrück aus Remarques Kindheit. Der 1956 erschienene Roman seziert die Zwischenkriegsgesellschaft in Werdenbrück, in der sich Anarchisten, Sozialisten, Kaisertreue, Nazis, Antisemiten, Lebenskünstler, alte Soldaten, Bordellbesitzerinnen, Geisteskranke, Priester und Ärzte tummeln. Die Geschichte kreist um den Grabsteinhändler Ludwig Bodmer, zentrales Symbol ist der titelgebende schwarze Obelisk, der vor der Grabsteinhandlung auf seinen Verkauf wartet – hergestellt aus einem Stein namens "Schwarz-Schwedisch", von Steinmetzen traditionell und bezeichnenderweise mit "SS" abgekürzt.

obelisk 364 560 Katrin Ribbe uAuf trügerischem Untergrund: Carolin Haupt, Silvester von Hösslin, Sebastian Weiss, Hagen Oechel, Christoph Müller, Antonia Eleonore Hölzel und dahinter der Männerchor  © Katrin Ribbe

So gesehen wird die weiße Halbkugel von Bühnenbildner Robert Schweer zu einer Art Diorama, in dem die Gesellschaft des Jahres 1923 akribisch aufgebättert wird. Die Schauspieler sprechen dabei abwechselnd den Erzähltext des Romans, Jonas Steglich spricht als Ludwig Bodmer gelegentlich eine Art Erzähler in der ersten Person. Einige der Figuren – der Pastor Bodendiek oder der Arzt der örtlichen psychiatrischen Anstalt – tauchen dabei nur als Typen auf, andere wiederum, wie Isabelle, eine Insassin der örtlichen psychiatrischen Anstalt, in deren Kapelle Ludwig zum Gottesdienst Orgel spielt, sind ausformuliertere Figuren.

Im Verlauf der Handlung tauchen immer wieder Mitglieder der nationalsozialistischen Bewegung auf, zunehmend schleichen sich Antisemitismus und nazistische Gedanken in die Unterhaltungen ein. Doch, und das ist das Perfide am Text, nie als Hauptsache. Denn die Inflation brennt eben gerade mehr als die paar komischen Vögel mit diesem komischsten aller Vögel namens Hitler an der Spitze.

Toxic

"Der schwarze Obelisk" ist keine tragische, keine traurige Vorlage. Der Text ist lustig – und das Ensemble in Hannover spielt ihn auch mit großer Freude und Übertreibung so. Einzig eine nur beinahe stattfindende Sexszene zwischen Ludwig und Isabelle entfaltet Ernsthaftigkeit – ein Auftritt von Ludwigs bestem Freund Georg verschafft aber sofort danach comic relief. Immer wieder taucht auch die eigens für die Inszenierung verpflichtete Burlesk-Tänzerin Tronicat la Miez auf. Durch Songs versucht Walburg den Text an die Gegenwart zu koppeln – Material Girl wird zum Besten gegeben, untermalt von "Wir versaufen unserer Oma ihr klein Häuschen", ein Volkslied von 1923. Ein Männerchor, der eben in Volkslieder oder auch die "Hymne an die Nacht" von Beethoven verfällt, untermalt auch Britney Spears' Toxic, das Georg fast schon verzweifelt haucht und die burleske Tronicat vertanzt.

Grundbeat Nationalsozialismus

Diese Ankopplung an die Gegenwart funktioniert stellenweise zum Gruseln gut. Wenn Ludwig sagt: "Diese Zeiten sehen nach Schlagen aus", fühlt man sich unwillkürlich an aktuelle Ereignisse erinnert, gerade auch, weil die Figuren mit ihren eigenen Problemen dahinleben und den aufkeimenden Nationalsozialismus als Grundbeat zwischen Kriegsversehrten, Streiks, Inflation, Antisemitismus, dem Vertrag von Versailles und sonstigen Problemen der jungen, wackligen Demokratie schlicht nicht als ernstzunehmende Bedrohung einordnen. "Darf man nicht mal mehr seine Meinung sagen in einer Demokratie?", fragt einmal der örtliche Schlachter, der auf eine SA-Uniform spart.

obelisk 537 560 katrin ribbe uCarolin Haupt hört Stimmen © Katrin Ribbe

Einzig Isabelle als Insassin der psychiatrischen Anstalt scheint mit Sätzen wie "Sie sind draußen und warten. Hörst du sie nicht? Die Stimmen?" eine vernünftig paranoide Einstellung gefunden zu haben. Aber auch sie wird am Ende "wundersam geheilt" und erinnert sich an gar nichts. Überhaupt wirkt das Happy End – Ludwig findet einen besseren Job in Berlin, der Obelisk wird zu einem hohen Preis verkauft, Isabelle ist geheilt, die Inflation ist beendet – geradezu lächerlich angesichts dessen, was, wie man weiß, ein paar Jahre später kommen wird.

Auch wenn sich die skurrilen Umstände des Inflationsjahres und der Weimarer Republik nicht völlig auf unsere Gegenwart übertragen lassen – Walburg gelingt es, den Text in einem fast an eine Groteske gemahnenden Gewand passgenau an die Gegenwart anzubinden, in seinem Diorama die Figuren, die allesamt wichtigere Probleme haben als diese Nazis, mit Dringlichkeit vorzuführen. So stolpern alle Figuren zwar über diesen trügerischen Untergrund – was aber letztlich hervortreten wird, wenn er sich öffnet, wissen sie nicht.

 

Der schwarze Obelisk
von Erich Maria Remarque
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Nina Gundlach, Musikalische Leitung: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Carolin Haupt, Antonia Eleonore Hölzel, Silvester von Hösslin, Janko Kahle, Christoph Müller, Hagen Oechel, Jonas Steglich, Sebastian Weiss, Tronicat la Miez und dem Männerchor Die Klosterbrüder.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielhannover.de

 

 
Kritikenrundschau

Das Politische stehe nicht im Vordergrund, berichtet Agnes Bühring im NDR (1.9.2018). "Vielmehr bildet das Theaterstück einen gesamtgesellschaftlichen Zustand ab. Und obwohl Bühnenbild, Kostüme und schauspielerische Leistung dabei überzeugen, will der Funke will nicht recht überspringen. Vielleicht, weil die zahlreichen Passagen das Geschehen der epischen Vorlage immer wieder nur nacherzählen statt die Mittel des Theaters zu nutzen und im inneren Monolog wie im Dialog die Seelenpein fünf Jahre nach dem Ersten Weltkrieg darzustellen."

"Walburg ist ein Meister des Wirkungstheaters; er hat uns oft mit seinen Inszenierungen verblüfft und verzaubert. In seiner mehr als zwei Stunden dauernden (und pausenlosen) Inszenierung von 'Der schwarze Obelisk' aber lässt er durchscheinen, wie mühevoll dieses Geschäft sein kann", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (1.9.2018).

Eine Inszenierung mit "frappierenden Bezügen zur Gegenwart" hat Stefan Gohlisch für die Neue Presse (1.9.2018) in Hannover gesehen. Walburg erzähle, "wie im Schatten von gesellschaftlichem Überdruss und Hedonismus Extremismus gedeiht, vor 95 Jahren wie auch heute“. "Der schwarze Obelisk" sei "ein tragischer Stoff, schon von Remarque, aber auch von Walburg und seinem Ensemble mit großer Komik erzählt, mal im Kollektiv, mal vielstimmig, unterstützt vom Männerchor".

 

 
Kommentar schreiben