In Trümmerwelten

von Michael Laages

Gießen, 2. September 2018. Solche Geschichten wachsen im Schatten von Kriegen: vorher, mittendrin, nachher. Wie sich im zerbombten Berlin nach 1945 der Kleinkriminelle Werner Gladow zum Mythos mauserte, wird in Wien vor dem Ersten Weltkrieg Johann Breitwieser zum Volkshelden. Gladow wird im November 1950 hingerichtet, als erster Delinquent der jungen DDR, an dem die Todesstrafe vollzogen wird; Breitwieser stirbt am 1. April 1919 im Feuergefecht mit der Polizei, die ihn bis aufs abgelegene Gehöft weit weg von der Stadt verfolgt hat. Viele tausend Teilnehmer hat bald danach sein Leichenzug.

Mit Gladows Geschichte hatte schon Heiner Müller experimentiert; Annett Gröschner und Grischa Meyer erarbeiteten eine Gladow-Dokumentation (am Berliner Theater an der Parkaue von Sascha Bunge 2007 herausgebracht), und als Armin Petras Intendant am Berliner Maxim Gorki Theater war, zeigte das kleine Haus ein Stück über den Berliner Bandenchef. Breitwiesers Geschichte wurde zum Stoff für den österreichischen Dramatiker Thomas Arzt. Der Uraufführung vor vier Jahren am Wiener Schauspielhaus folgt jetzt die erste deutsche Begegnung mit "Johnny Breitwieser". Am Stadttheater in Gießen.

Ein Robin Hood der Wiener Vorstädte

Die Fabel ist ausführlich dokumentiert. Geboren 1891 in Meidling als eins von 16 Kindern wird der schmucke Junge Johann zum geachteten König der Wiener Vorstädte, weil er mit den Ärmsten der Armen teilt, was er ergaunert in den feineren Villen der Stadt.

JohnnyBreitwieser 560 Rolf K Wegst uLukas Goldbach als Verbrecher Johnny © Rolf K. Wegst

Arzt hat um den Helden Weggefährten drapiert, mal authentisch, mal frei dazu erfunden: zum einen Johanns Bruder Karl, der ein "Engelmacher" ist, also Abtreibungen vornimmt, als kämpferischer Linker am liebsten aber ins revolutionäre Russland emigrieren würde. Letztlich zieht er in den Ersten Weltkrieg und verliert ein Bein. Anne, die bettelarme Geliebte und spätere Gattin Breitwiesers, wird zur Konkurrentin von Greta, einer nobleren Dame aus feineren Kreisen, die den Ganoven finanziert und in ihm wohl die Vision vom Umbruch der Gesellschaft imaginiert. Außerdem im Spiel: ein Mitglied aus Breitwiesers Bande, eine geschundene Frau aus finsterstem Milieu und der "Kieberer", der Kommissar also, der Breitwieser lange verfolgt, dabei in einem frühen Pistolen-Duell eine Hand verliert und den Gejagten schließlich zur Strecke bringt.

Das Ganovenleben als "räudiges Musical"

Verbürgt sind "Schani" Breitwiesers Stationen: Aufstieg und erste Festnahme in Vorkriegszeiten, die spektakuläre Flucht, der ganz große Coup nach dem Krieg und der Rückzug aufs Land, mit Bruder und schwangerer Frau sowie sehr viel Geld aus dem Einbruch in einer Munitionsfabrik. Dort, im Gärtchen vom beschaulichen Sankt-Andrä-Wördern, erreichen ihn die Geister früherer Zeiten.

Stark betont hat Autor Arzt die Verbindung von Krieg und Karriere. Sie klingt mit in der harten, ruppigen Sprache, in deren Grundton natürlich auch jetzt in Gießen sehr viel Wien steckt, aber eben auch ein Destillat aus lyrisch verdichtetem Horvath – zumal das Stück ja angelegt ist als "räudiges Musical" mit Songs des Amerikaners Jherek Bischoff. Ganz leicht (und im Grunde nur in der Struktur aus Text und Song) mag das nach "Dreigroschenoper" klingen – aber wirklich nur an der Oberfläche. In der grob behauenen Poesie von Thomas Arzt funkelt keinerlei Dreigroschen-Romantik, aber Bischoffs Musik zitiert mindestens so intensiv wie Kurt Weills; beim Jazz-Klassiker Chick Corea wird hier sogar richtig geklaut. Die Gießener Musikanten nennen sich übrigens "Salonorchester Sankt-Andrä-Wördern-in-the-Fields" … ulkig.

johnny 560a rolf k wegst uDas Gießener Ensemble im Trümmerfeld von Bühnenbildner Udo Herbster © Rolf K. Wegst

Regisseur Malte C. Lachmann sucht den härteren Kern der Arzt-Fabel; und das Ensemble findet ihn mit ihm in der Trümmerwelt, die Udo Herbster auf die Drehbühne gewuchtet hat: als wären Stücke der eingerissenen Berliner Mauer übereinander geschichtet. Aus dem größten der Teile ragt noch der Armierungsstahl und in den Nischen finden die spezielleren Spielorte Platz: das Gefängnis etwa oder das Grab von Breitwiesers Vater, das der Sohn immer wieder besucht. Hier verbuddelt er (auf Zeit) auch die Waffe. In dieser Szenerie inszeniert Lachmann kompakt, konzentriert und (dank Drehbühne) schnell; und zu den haltbaren Eindrücken gehören die Choreographien von Tiago Manquinho – mit kleinen expressiven Verrenkungen, durchaus passend zum Arzt-Ton, werden zu Beginn alle Profile markiert; und rudimentär bleiben diese Zuckungen bei jedem und jeder präsent, oft im Moment der Verletzung.

Das Ensemble überzeugt fast durchweg sehr, in Spiel und Gesang – wie gut es doch immer wieder tut, auch in kleineren Häusern so viel Kompetenz und Phantasie versammelt zu sehen! Gießen will – das wird sehr deutlich - mit dieser Spielzeit neue Horizonte vermessen; wie ja auch in der universitären Nachbarstadt Marburg, wo am Theater dort in zwei Wochen die neue, weibliche Doppel-Intendanz antritt.

Aufbrüche! Wie schön.

 

Johnny Breitwieser
von Thomas Arzt
Musik von Jherek Bischoff
Regie: Malte C. Lachmann, Musikalische Leitung: Martin Spahr, Bühne und Kostüme: Udo Herbster, Choreographie: Tiago Manquinho, Licht: Kati Moritz, Dramaturgie: Harald Wolff.
Mit: Lukas Goldbach, Stephan Hirschpointner, Johanna Malecki, Anne-Elise Minetti, David Moorbach, Paula Schrötter, Tom Wild.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.stadttheater-giessen.de

 

Kritikenrundschau

"Regisseur Malte C. Lachmanns Inszenierung ist nichts für zarte Gemüter, aber gerade darum auch so eindringlich", schreibt Karola Schepp in der Gießener Allgemeinen (3.9.2018). "Das 'räudige Musical' entlässt seine Zuschauer nach gut zwei faszinierenden Stunden nicht nur mit dem Gestank der Hölle in der Nase und eingängigen Melodien im Ohr. Es regt zum Nachdenken an." Mehr könne man von einem Theaterstück kaum erwarten.

Björn Gauges vom Gießener Anzeiger (3.09.2018) fühlt sich an Brechts Dreig­ro­sche­no­per erinnert. Lu­kas Gold­bach ver­leihe dem Ga­no­ven ei­ne an­ge­nehm am­bi­va­len­te Ge­stalt. "Zu se­hen ist ein tra­gi­scher Held, dem man ob sei­ner sanf­ten Me­lan­cho­lie auch die im­mer wie­der er­up­tiv aus­bre­chen­den Ge­walt­mo­men­te um­ge­hend ver­zei­hen mag." Die großen Über­ra­schungs­mo­men­te würden an ausblieben, wenng­leich das ho­mo­ge­ne En­sem­ble eben­so über­zeuge, wie man­che grif­fi­ge For­mu­lie­rung ('Die Ar­mut ist da, wo der Kampf auf­hört').

 
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