Die Zukunft war gestern

von Jan-Paul Koopmann

Oldenburg, 2. September 2018. Grau ist der Terrorstaat, meist dunkel und ungefähr so sinnlich wie ein verwaschenes Unterhemd. Wo George Orwells Roman "1984" noch mit den Gerüchen von gekochtem Kohl und nassen Fußmatten beginnt, herrscht im Oldenburgischen Staatstheater eine geradezu sterile Unwirklichkeit aus grauen Wänden, grauer Kleidung, kaltem Licht und monotonen Beats im Hintergrund. Aber nicht nur das riechende Gemüse fehlt unter der Regie von Luise Voigt – auch der Big Brother spielt hier höchstens eine Nebenrolle.

Wahrscheinlich, weil man den Orwell'schen Überwachungsstaat heute erst einmal klein-erklären müsste. Diese Televisoren etwa, die fast überall herumstehen und im Dauerbetrieb Privates senden und Propaganda empfangen, sind heute angesichts von Smartphones und digitalen Assistenten weder Zukunfts- noch Schreckensvision. Spannender ist die andere Hälfte der Geschichte: Wie Propagandalügen tatsächlich Wirklichkeit konstruieren können. Der 70jährige Roman dürfte sein zweites Comeback und die erneuten Spitzenpositionen auf Bestsellerlisten jedenfalls weit eher Donald Trumps "alternativen Fakten" verdanken als der Angst vor Spitzeleien.

Futurealismus

Luise Voigts totalitärer Staat ist ein zeitloses Ungeheuer: wie in seinem eigenen Programm entkoppelt von der Vergangenheit, die Geschichte ausradiert. Statt aufs Neue nach seiner Aktualität zu fragen, entwickelt das Stück einen klaustrophobischen Zustand gleichgeschalteter Menschen. Und das fesselt über drei Stunden in einer Intensität, die der von inzwischen drei Generationen durchgekaute Stoff kaum noch erwarten ließ. Nein, wirklich: So fremd war sich der Mensch selten. Weil im Überwachungsstaat keiner sagt, was er denkt, sprechen die Figuren meist aus dem Off, ihre Bewegungen sind streng choreographiert, uniform und überzeichnet: eine Maskerade für Denken und Gefühle.

Da ist etwa die Liebesgeschichte von Winston Smith und seiner Genossin Julia, die Klaas Schramm und Franziska Werner so präzise wie herzerweichend spielen. Als sie intim werden, wissen sie kaum etwas miteinander anzufangen. Ihr Körperkontakt ist minimal, sie umkreisen einander, verschränken zum Höhepunkt mal kurz die Beine – und sprechen immer noch nicht miteinander. Das übernehmen zwei garstig dreinblickende Overallträger am Bühnenrand, während die Liebenden selbst nur immer wieder keuchend nach Luft schnappen.

1984 4 560 Stephan Walz uFranziska Werner, Klaas Schramm © Stephan Walz

Hinter den abstrakten und expressiv überzeichneten Bewegungsabläufen der Schauspieler steckt die Meyerhold'sche Biomechanik. Mit der Methode trat die früh-sowjetische Theateravantgarde an, den neuen Menschen zu formen: Schauspielarbeiter, die überflüssige Bewegungen abgeschafft und einen komplexen Katalog wiederholbarer Übungen einstudiert haben. Die Verbindung zum Stück erschließt sich in Oldenburg unmittelbar, wo die Orwell-Arbeiter betont motiviert grinsend zum Dienst schweben, um nur ja nicht aufzufallen. Sie erinnern kurz an die Debatten um intelligente Kameras, die an den Flughäfen von morgen nach den unbewussten Zuckungen nervöser Selbstmordattentätern suchen sollen. Dass es nicht dazu gesagt wird, ist eben der Punkt: Voigts Inszenierung muss sich gar nicht weiter scheren um ausdrückliche Bezüge zum Heute – das bekommt der Stoff ganz gut allein hin.

Meyerhold als Ambivalenz-Marker

Und so steigt die Inszenierung immer tiefer ein in ästhetische Fragen nach Schauspielmethodik und der Kunst. Selbst die flackernd an die Wand projizierten Deckenlampen des Ministeriums entpuppen sich als vielfach kopiertes Element aus Picassos "Guernica". Voigt führt schließlich Meyerhold (gespielt von Thomas Lichtenstein) selbst in die Handlung ein. Zunächst als Schauspieltrainer, der Besetzung und Publikum einen Crashkurs in Sachen Biomechanik gibt – später in biographischen Szenen als Opfer von Stalins Säuberungen.

1984 5 560 Stephan Walz uBiomechanisch gleichgeschaltet: Rajko Geith, Katharina Shakina, Klaas Schramm, Franziska Werner,
Nientje C. Schwabe © Stephan Walz

In Meyerholds Lebens- und Wirkungsgeschichte steckt tatsächlich eine Ambivalenz, die Orwells Roman in dieser Konsequenz nicht kennt: dieser Drill zur uniformen Bewegung nämlich, der einerseits das totalitäre System spiegelt, aber vielleicht auch eine kleine Chance darstellt, sich ihm zu entziehen. Dass Orwells grundsätzliche Kritik am Totalitarismus über die Meyerhold-Episoden eine leichte Schlagseite zum Antikommunismus bekommt, ist der Preis dafür. Daran ändern auch die immer wieder an die Wände geworfenen Zitate aus Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" wenig. Dennoch: "1984" ist in Oldenburg weder Mahnen vor ein bisschen mehr Überwachung noch die Abrechnung mit einer vermeintlich erledigten Vergangenheit – sondern eine mitunter brutale Spurensuche dort, wo die drohende Katastrophe von morgen schon stattgefunden hat.

1984
nach dem Roman von George Orwell
Regie und Fassung: Luise Voigt, Bühne: Stefan Bischoff, Kostüme: Nina Kroschinske, Musik: Friederike Bernhardt, Biomechanik nach Meyerhold: Tony De Maeyer, Licht: Steff Flächsenhaar, Dramaturgie: Marc-Oliver Krampe.
Mit: Nientje C. Schwabe, Katharina Shakina, Franziska Werner, Rajko Geith, Matthias Kleinert, Ksch. Thomas Lichtenstein, Jens Ochlast, Alexander Prince Osei, Klaas Schramm.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

"Voigt, ihr Team und das gesamte, prächtig aufgelegte Ensemble bringen das Kunststück fertig, einen an theatralischen Potenzialen reichen Stoff ohne platte Gewaltexzesse zu bewältigen," schreibt Reinhard Rakow in der Nordwest-Zeitung (9.2018) Video und Licht, der Elektrosound und die unterkühlte Choreografie lassen aus Sicht dieses Kritikers "die Schreckensbilder im Kopf entstehen". Zu Recht vertraue diese "überzeugende Inszenierung" dem Intellekt und dem Einfühlungsvermögen der Zuschauer. "Das Schlimmste, was sie ihrem Publikum antut – und auch das ist ein Kompliment! –, ist die Ausstellung der seelischen Kälte, mit der die vier (!) Kinder von Smith’s Nachbar Parsons (perfekt: Leonard Eisenberg, Philipp Bethke, Raphael Matz, Jonathan Schwanke) im Stile von Killerdrohnen agieren."

"Voigt spannt eher einen Assoziationsraum auf, als die Perspektive auf etwas Bestimmtes zu richten und so einzuengen," schreibt Rolf Stein in der Kreis Zeitung (3.9.2018). Sie selbst habe es in einem Interview so formuliert: Sie wolle zeigen, 'was alles denkbar ist und möglich sein könnte'. Diese Mahnung ist ihr aus Sicht dieses Kritikers geglückt.

 

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