Uns geht's noch schlechter als den Zombies

von Georg Kasch

Frankfurt am Main, 8. September 2018. Diese beiden Alten haben es faustdick hinter den Ohren. Stehen trüb rum mit grauen Gesichtern und fahlen Klamotten. Aber wenn es darum geht, die eigene Existenz zu feiern und gegen die gierigen Söhne zu verteidigen, drehen sie groß auf, spucken Gift im angedeuteten Blankvers. Wie die beiden mit ziemlichem Witz ein altes, eingespieltes Paar skizzieren – er hört nicht zu, sie pult ihm am Ohr herum –, wie Heidi Ecks das immer eine Spur weicher, mütterlicher hinbekommt als Peter Schröder, durch den ein Vatergott grollt, macht ihre Abwehrschlacht der Söhne unheimlich.

Ascheflocken über dem Generationendrama

Wobei der Ausgang in den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt klar ist: Hier herrscht Endzeitstimmung. Falko Herold hat den Bühnenboden mit Ascheflocken bedeckt; hinten liegen schwarze Müllsäcke herum. Auch eine Art Erbe, diese verbrannte Erde. Um Generationenungerechtigkeit geht es ja in Ewald Palmetshofers 2012 in Wien uraufgeführtem und in München erprobtem Stück "räuber.schuldengenital"; um die Tatsache, dass die Kinder es erstmals seit dem Krieg nicht besser haben werden als die Eltern. Finanziell, jobtechnisch, gar sexuell, sagt Palmetshofer.

schuldenreich robert schittko 560 38Sterbende Provinz: David Bösch inszeniert eine Frankfurter Fassung des Palmetshofer-Stücks. © Robert Schittko

Dem Planeten ging’s früher auch mal besser, fügt David Bösch hinzu. Er inszeniert hier eine "Frankfurter Fassung" unter dem Titel "räuber.schuldenreich", und das klingt schon arg großspurig angesichts der (unbedingt sinnvollen) Striche und der minimalen Ergänzungen, die jede anständige Dramaturgie hinkriegen sollte, ohne gleich ein neues Label draufzupappen.

Das Schauspiel stellt mit dem Stück Ewald Palmetshofer zum ersten Mal in Frankfurt vor, da hatte man sich offenbar gedacht: Schulden, Geld, Erben, das passt zur Börsenstadt. Nur fügen die Bankentürme ums Theater dem Stoff so gar nichts hinzu. Und auch David Bösch scheint sich für diesen Zusammenhang nicht zu interessieren. Am Anfang trällern Abba "Money Money", danach zelebriert Bösch sterbende Provinz.

Wo steckt das dramatische Potential?

Das Tolle an Palmetshofers Stück ist die Sprache, ihr Rhythmus, ihre dunkle Kraft. Sie birgt aber auch das Problematische, die Verunklarung, das In-der-Schwebe-lassen. Das hatte der Autor in seinem anderen Generationenstück hamlet. keine schwerkraft klarer hingekriegt. Wo soll das dramatische Potential auch herkommen, wenn die Rentnereltern geizig und böse sind und die erwachsenen Söhne unfähig und verkommen? Wenn man nicht weiß, was zuerst da war: der Hass der Eltern oder der der Kinder?

schuldenreich robert schittko 560 25Hassliebe zwischen Kindern und Eltern: Fridolin Sandmeyer, Peter Schröder und Heidi Ecks auf der Aschebühne von Falko Herold  © Robert Schittko

Weil bei Palmetshofer die Figuren bereits beschreiben, was man sehen soll, lässt Bösch seine Schauspieler auf der Aschebühne stehen oder sitzen. Das ist nicht schlimm, denn vor allem Schröder und Ecks füllen das mit Witz und Leben, gerade in der Begegnung mit ihren Söhnen Karl und Franz, bei Fridolin Sandmeyer und Isaak Dentler ausgezehrte Nachtgestalten, wie frisch aus dem Club entlassen. Dass die in pflegender Hassliebe zu ihrer Mutter verhärmte Nachbarstochter Petra bei Sarah Grunert motorische Ticks spazieren führt – Geschmacksache. Von den starken, geisterhaften Bildern, die sie an der Rückwand mit sich zwischen Mensch und Hirsch wandelnden Schatten zeigt, hätte Bösch ruhig noch ein paar mehr erfinden können.

So wird "räuber.schuldenreich" zur kleinen Gruselstudie über das Generationenverhältnis, hoffnungslos düster, nicht ohne Witz, aber ohne Wumms. Die Alten überleben als die Zombies, die sie immer schon waren. Und die Jungen zeugen zu dritt eine Kopfgeburt, ein Kind, das alles verschlingt. Dass das Erbgut sowohl die DNA als auch Haus, Hof und Geld umfassen kann, hat Palmetshofer zuletzt in seiner (auch nicht völlig unproblematischen) Nach- und Neudichtung von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" differenzierter ausgeführt. Liebe Dramaturgie, wie wär's? Man muss ja nicht gleich eine "Frankfurter Fassung" draus machen.

 

räuber.schuldenreich (Frankfurter Fassung von räuber.schuldengenital)
von Ewald Palmetshofer
Regie: David Bösch, Bühne: Falko Herold, Kostüme: Moana Stemberger, Dramaturgie: Konstantin Küspert.
Mit: Peter Schröder, Heidi Ecks Anke Sevenich, Matthias Redlhammer, Isaak Dentler, Fridolin Sandmeyer, Sarah Grunert.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 


Kritikenrundschau

"Palmetshofers tragikomisches Dramolett, das zwischen naturalistischer Szenenfolge und existentialistischer Farce oszilliert, ist deshalb stark, weil es mit großer Genauigkeit sprachlichen Witz und philosophische Gedankenbildung einsetzt, um seine einfache Handlung immer wieder zu unterbrechen", schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.9.2018). "Es braucht den passenden Regisseur, um das nicht zotig oder selbstverliebt wirken zu lassen. Der in Frankfurt sowohl vom Theater als auch der Oper bekannte David Bösch ist der Richtige dafür. Seine Regieführung zeichnet sich durch einen ruhigen Sinn für suggestive Bilder und eigenartige Dialogverläufe aus. Er lässt seine Schauspieler mit einem leichten Manierismus auftreten, sodass sie unwirklich wirken, ohne fremd beziehungsweise surreal zu sein."

Einen ermutigenden Abend – "nicht für das Leben, wirklich nicht, aber für das Theatergehen – hat Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (10.9.2018) erlebt. Man müsse Palmetshofers Text "einer äußerst vagen Schiller-Paraphrase und einem überschaubaren Schocker, der sich nicht mit Begründungen aufhält, nicht bedeutender machen, als er ist", schreibt die Kritikerin. "Aber David Bösch in den Kammerspielen denkt wunderbarerweise auch nicht daran. Er inszeniert eine gemeine kleine Szenenabfolge, in der das Schicksal seinen Lauf nimmt, kein Mitleid aufkommt – schon gar nicht übrigens mit den absolut nichtsnutzigen Bürschchen, die auf Beutezug ins Elternhaus zurückkehren – und das Lachen dem Publikums nicht im Halse stecken bleibt."

"Ernst ist das Leben, noch viel ernster die Kunst. Frankfurt startet düster in die neue Spielzeit. Man kann aber nicht sagen, dass uns viele neue Lichter aufgegangen sind." So berichtet Michael Kluger von den beiden Auftaktpremieren der Frankfurter Spielzeit in der Frankfurter Neuen Presse (10.9.2018). Zu Böschs Palmetshofer-Umsetzung heißt es: "Über weite Strecken dehnt sich das zäh zwischen Metaphysik und Mumpitz, Kalauer und Katastrophe. Erst gegen Ende verdichtet sich die Aufführung zu einer abgründigen Groteske, der eindrucksvolle, fast magische Bilder gelingen."

Im Wiesbadener Tagblatt (10.9.2018) schreibt Stefan Michalzik: "So sauber das alles gearbeitet sein mag, es gelingt David Bösch nicht, eine Spannung über die anderthalb Spielstunden hinweg aufzubauen. Das verläppert sich. Tolles Ensemble, vornan das feinwitzige, tragende Paar Heide Ecks und Peter Schröder. Hilft aber nichts. Immer noch ein und noch ein zugespielter Popsong, wo es vielmehr starke Bilder bräuchte – das wirkt wie eine Geburt der Verlegenheit."

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