Fürchtet die Studentinnen!

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 15. September 2018. Nicht wenige der Paderborner Zuschauerinnen äußern sich am Ausgang des Theaters kritisch gegenüber der Studentin, die ihren Professor der sexuellen Belästigung bezichtigt. "Das war doch Manipulation!" Womöglich lag es aber auch wieder mal am grandiosen Spiel von David Lukowczyk, dass der Professor als Opfer einer Intrige dasteht und die Sympathien des Publikums einkassiert.

Katharina Kreuzhages Inszenierung nimmt den Epilog vorweg, in dem der Professor die gegen ihn gerichtete Beschwerde verliest. So kann das Publikum in der folgenden Stunde selbst zu einem Urteil gelangen. Was jedoch alles andere als einfach ist in David Mamets Erfolgsstück von 1992.

OLEANNA P7 PönitzLukowczy 560 FOTO Kreft uErst sind es nur rhetorische Annäherungen: die Studentin (Nancy Pönitz) und der Professor (David Lukowczyk) in Katharina Kreuzhages Inszenierung am Theater Paderborn © Tobias Kreft

Schon zu New Yorker Uraufführungszeiten, aber auch später in seiner Verfilmung blieb die Frage: Hat er oder hat er nicht, der Professor, die Studentin missbraucht? Das Paderborner Premierenpublikum, mehrheitlich scheinbar gut situierte Pensionäre, entscheidet in dubio pro reo. Lacht begeistert, als der Professor verwurmte Sätze vorliest und die Verfasserin hämisch fragt, was sie damit meine. Quittiert seine Bekundung, Regeln (und zwar im Interesse der Schutzbefohlenen) könne man doch mal brechen, mit fröhlichem Applaus. Gibt es im Publikum denn gar keine Student*innen? Erst als er sie später, wenn alles eskaliert, mit Tritten malträtiert, da stockt den Zuschauern der Atem.

Das Dummchen und der Blender

Da sitzt sie also, Carol, unangemeldet und stoisch in seinem Büro, um trotz verpatzter Seminararbeit den notwendigen Leistungsschein zu erkämpfen. Frustriert, weil sie trotz aller Bemühungen ihr Studium nicht in den Griff kriegt. "Ich bin dumm!", ruft sie irgendwann verzweifelt. Ganz lange hält Nancy Pönitz ihre Figur ruhig, nahezu fixiert auf dem Stuhl, spricht ohne Modulation und wiederholt stur "Ich verstehe nicht!" An dieser Starre prallen die rhetorischen Annäherungen des Gegenübers ab. Erst später wird sie weinen und sich tröstend in den Arm nehmen lassen.

John hingegen: ganz der eloquente, intellektuell überlegene Professor, selbstgefällig, jovial. Ganz famos gibt David Lukowczyk diesen Blender, eine elektrisierende Anspannung bis in die Hände, in die Fingerspitzen, die mal trommeln, mal eitel gefaltet sind, er springt auf, tigert umher, nimmt geübte Vortrags- und Rednerposen ein oder gibt den coolen – zunehmend nervösen – Geschäftsmann, der die umständlichen Formalitäten des Hauskaufs zackig per Telefon abwickelt.

"Ich kann jetzt gerade nicht mit dir sprechen!"

Überhaupt dieses Telefon! Herrlich nölend (Ton: Anton Langer) nervt es immer wieder in die hitzigen Dialoge hinein, unterbricht an den spannendsten Stellen und treibt den brillanten Herrn Professor zusehends in die Enge. Lässt sich Professorengattin Grace anfangs noch an einen gewissen Jerry vertrösten, der die Sache mit der widerspenstigen Maklerin schon regelt, und sich mit einem geschäftsmäßigen "ich liebe dich" abspeisen, so verweigert sie am Schluss des Stücks das Gespräch mit dem inzwischen gefallenen Ehemann und schickt Jerry vor, der die Hiobsbotschaft vom gescheiterten Hauskauf ausrichtet.

OLEANNA P8 PönitzLukowczyk 560 FOTO Kreft uSpäter wird es handgreiflich in "Oleanna" © Tobias Kreft

Großartig, wie Lukowczyk die jeweiligen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung lebendig macht, und wie er selbst in allen Facetten am Hörer zappelt. Da erlebt man den geschmeidigen Checker im Maßanzug, wie er anfangs noch Fäden und Telefonhörer lässig in der Hand jongliert, um die wartende Studentin herumtänzelt, während er zum Schluss kraftlos den bleischweren Hörer nur noch mühsam balanciert. Da trägt er nicht mehr Sakko und Weste, sondern nur noch das inzwischen zerknitterte Hemd. Carol dagegen, zuvor stets im biederen Rock-Blusen-Look, hat da den Kragen ihrer Jeansjacke angriffslustig hochgestellt. Jetzt hat sie das Heft in der Hand und die Spannung im Körper! Dann ist auch das Licht im Raum dramatischer.

Große Bühne der Selbstdarstellung

Die meisterhaft gestaltete Bühne (Ariane Scherpf) ist der dritte Star dieser gelungenen Premiere: zitronenfaltergelb von der Decke bis zum Boden erstreckt sich der Bühnenraum als eine dreifach geschachtelte, nach hinten hin sich verjüngende Kammer, die in ein totes Fenster mündet. Klaustrophobisch bisweilen, stickig, wie ein Käfig, in dem die Figuren gefangen scheinen, den der Rhetoriker aber auch für die ganz große Bühne der Selbstdarstellung nutzt. Schräg in den Raum gerückt sind Tisch und Stuhl, wo Carol und John sich duellieren. Unscheinbar die seitliche Tür, an der sich die entscheidenden Rückkehr- und Berührungsszenen abspielen.

Diese gelbe Bühnenwelt ist kalt und hitzig zugleich, eine magische Monochromie, vor der sich die Wortduelle kristallklar abheben. Die Büros an der Paderborner Universität sind womöglich abwechslungsreicher. Wer weiß aber, ob dort nicht bisweilen ähnliche Szenen spielen? Immerhin wurde 2007 ein Paderborner Germanistik-Professor nach einer Strafanzeige zwangspensioniert – er hatte Studentinnen zu sexuellen Posen vor der Kamera genötigt, für ein "Forschungsprojekt über nonverbale Kommunikation" (mehr auf Spiegel-online und dem Blog Stimmedesopfers).

Passend zum Semesterauftakt

Kreuzhage läutet also kurz vor Semesterbeginn lustvoll den Uni-Betrieb ein, mit einem Stück, das zurecht in den Spielplan aufgenommen wurde: Denn weder ist die #MeToo-Debatte wohlfeil noch die heutige Professorenschaft vor Machtmissbrauch gefeit. Dieser inspirierenden Inszenierung sind viele Seminarbesucher*innen zu wünschen, Professor*innen, Student*innen, Geistliche, überhaupt alle, die sich an der Frage reiben wollen: Hat sie nun oder hat er nicht? Apropos Akademikertalk: Ließe sich Mamets "Oleanna" nicht auch mal gendervertauschen? Nur nicht in Paderborn! Dafür ist Lukowczyk einfach zu gut.

Oleanna
von David Mamet, Übersetzung von Bernd Samland.
Regie: Katharina Kreuzhage, Bühne: Ariane Scherpf, Licht: Hermenegild Fietz, Ton: Anton Langer, Kostüme: Matthias Strahm, Dramaturgie: Marie-Sophie Dudzic, Sophia Lungwitz.
Mit: Nancy Pönitz, David Lukowczyk.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-paderborn.de

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Ann-Britta Dohle von der Neuen Westfälischen (17.9.2018) platziert Regisseurin Katharina Kreuzhage das Theater Paderborn einmal mehr als Forum gesellschaftlich brisanter Themen. Trotzdem wäre eine kleine Bühne dem Kammerspiel gerechter geworden, denn die Größe des Hauses lässt Dohle zufolge kaum die nötige Intimität aufkommen. "Das 'Lehrstück' mutet faktisch an und wird spröde erzählt. Die Figuren überraschen letztendlich nicht mehr wirklich, wirken künstlich, plakativ; dennoch geben sie reichlich Anstoß."

 

 
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