Fegefeuer auf der Schiffspassage

von Andreas Klaeui

Avignon, 8. Juli 2008. Auch "Partage de midi" ist ja eine Höllenfahrt, wenn man das Inferno als Brennpunkt dieser Ausgabe des Festivals von Avignon verstehen will, und wie Dantes Divina Commedia beginnt sie "nel mezzo del camin di nostra vita". Valérie Dréville ist mit Romeo Castellucci Artiste associée des diesjährigen Festivals, und während sich Castellucci in der Cour d'honneur des Papstpalastes Dantes "Inferno" annähert, spielt Dréville im Steinbruch von Boulbon Paul Claudels "Mittagswende".

Vier Personen auf einem Schiff in der Mittagshitze, in der Mitte zwischen Afrika und Asien, und wenn sie die Trennlinie zwischen den Kontinenten passieren, darf man dies durchaus auch biografisch verstehen: vier Personen zwischen zwei Altern, die Lebensmitte überschritten, höllisch ineinander verstrickt, und was kommen wird, sieht nicht paradiesisch aus. Das zweite Bild spielt auf einem Friedhof, das dritte in einem verbarrikadierten, blockierten Haus. Und nicht weniger blockiert sind die Beziehungen der Figuren untereinander.

Gottlose, Verliebte, Teufelskreise
"Partage de midi" ist vielleicht Claudels persönlichstes Stück; jedenfalls in der ersten Fassung von 1905, die tatsächlich auf dem Schiff entstand, bei Claudels Rückreise aus Europa nach China, in einer existentiellen Krise, weil er, der Gläubige, nicht als Priester akzeptiert wurde. Auf der Schiffspassage lernt er die Frau kennen, die zur zentralen Stückfigur wird und von sich sagt: "Je suis l‘impossible". Die religiöse Krise transformiert sich in eine erotische, die erotische wieder in eine religiöse, es ist ein Teufelskreis (auch wenn Claudel das sicher nicht so ausgedrückt hätte).

Die frühe Fassung ist kräftiger, weniger geglättet als die meist gespielte Bearbeitung von 1948, in der Claudel seiner Geschichte eine theologische und moralische Deutung geben wollte; sie ist auch noch nicht so das berauschende Sprach-Kunstwerk wie die spätere Version. Diese Fassung zu wählen, ist eine Entscheidung; geradeso wie die Wahl der Spielstätte im Steinbruch. Nicht der glatte Klassiker Claudel soll hier zu Wort kommen, sondern der unfertige, wilde, direkt involvierte.

Gegeiselt im Steinbruch
Valérie Dréville spielt und inszeniert mit ihren Schauspielerkollegen Gaël Baron, Nicolas Bouchaud und Jean-François Sivadier, es gibt keinen weiteren Regisseur, nur das "externe Auge" von Charlotte Clamens. Der Steinbruch wird ihnen dann zum Verhängnis. Die "Carrière de Boulbon" gehört seit Jahren zum Inventar der Avignoneser Spielstätten; manche kostbaren Festival-Momente konnte es nur hier geben; Peter Brooks "Mahabharata", Sonnenaufgang inklusive; oder zuletzt die Prozession von Pippo Delbonos trister sizilianischer Banda unterm Sternenhimmel.

Für "Partage de midi" ist der Ort zu mächtig. Nicht der Zauber des Freilichtspektakels stellt sich ein; trotz einem äußerst stimmigen Bühnenbild mit nicht viel mehr als einem Podest, das auseinandergefahren werden kann, einem roten und zwei schwarzen Ballons darüber, aber die Tücken des Freilichtspiels zeigen sich erbarmungslos. Das infernale Huis-clos mit nur vier Figuren zerflattert im Undifferenzierten. Die vier Darsteller legen sich viel zu schnell auf eine einzige Tonlage fest: kräftig überzeichnend. Das nimmt dem Text jede Kraft.

 

Partage de midi (Mittagswende)
von Paul Claudel
Regie und Ausstattung: Gaël Baron, Nicolas Bouchaud, Charlotte Clamens, Valérie Dréville, Jean-François Sivadier.
Mit: Gaël Baron, Nicolas Bouchaud, Valérie Dréville, Jean-François Sivadier.

www.festival-avignon.com

Mehr vom 62. Festival d'Avignon: bisher inszenierte Romeo Castellucci Dantes Höllenfahrt Inferno im Innenhof des Papstpalastes. Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma wagten sich Ausgust Stramms fast vergessenes Feu (Feuer). Wir werden weiter berichten.

 

Kritikenrundschau

Während die Off-Sparte in Avignon immer mehr "die Züge eines immensen szenischen Karnevals" annehme, habe sich das System der vor fünf Jahren eingeführten Artistes associés bewährt, schreibt Andreas Klaeui in der taz (14.7.). Bisher habe noch jeder eingeladene Künstler-Programmmacher dem Festival "seinen Stempel aufgedrückt", "manchmal kontrovers, manchmal ärgerlich, aber immer anders". Die diesjährigen Artistes associés Valérie Dréville und  Romeo Castellucci zögen zwar künstlerisch nicht an einem Strang, hätten aber als gemeinsame Linie viel Performance, Zirkus und Tanz ins Programm aufgenommen. Johann Le Guillerm etwa bändigt statt Löwen Drahtrollen und reitet auf einer riesigen Metall-Bürste. Derweil sich einer der Kung Fu-Mönche aus dem Shaolin-Kloster Henan angelegentlich einer Kampfchoreographie von Sidi Larbi Cherkaoui plötzlich in einen Vogel verwandele, was bezaubernd sei. Bemerkenswert auch die Wiederentdeckungen: neben dem Deutschen August Stramm, der Däne Kaj Munk, dessen "aberwitziges Glaubenswunderstück" "Ordet" Lars von Trier für "Breaking the Waves" inspiriert hat. "Regisseur Arthur Nauzyciels steht staunend davor und macht das Wunder einer Auferstehung - nichts weniger ereignet sich hier! - zum kleinen Auferstehungswunder des Autors."

Die Liebe stünde im Mittelpunkt der ersten Woche von Avignon, bemerkt Joseph Hanimann in der FAZ (14.7.): In Romeo Castelluccis als Künstlerqual inszeniertem Inferno flüsterten 50 Statisten "platonisch" "Je t'aime", derweil ein Fassadenkletterer an der Palastfassade fast 40 Meter hinauf steige. Castelluccis freie Gedanken- und Bilderassoziationen zu Dantes "Göttlicher Komödie" in drei Teilen wirke trotz "schockhafter Pointen" so "schön wie belanglos".  Stärker beeindruckt hatHanimann n Valérie Drévilles Inszenierung der Claudelschen "Mittagswende". Hier werde nicht "um Individualglück gespielt, sondern im Staub mit dem Jenseits gefochten". Die Körper der vier Schauspieler "werden in ständigen Zuckungen - ist es der hohe Seegang oder das innere Beben der Claudelschen Sätze? - übereinander und wieder auseinander geworfen. Allerdings komme die Aufführung nicht vom Fleck. Es fehle die "akzentsetzende Hand". Auch an "Ordet" von Kaj Munk freut sichHanimann n. "Leben und Lieben wird in dieser Aufführung fehlerlos aus dem Text in die Realität zurückbuchstabiert." Bei der Inszenierung von August Stramm - unter dem Titel 'Feux' haben Jeanneteau und Soma Stramms Texte 'Rudimentär', 'Die Haidebraut' und 'Kräfte' zu einer unterkühlten Psycho-Trilogie zusammengefasst - komme es dagegen zu Realismus-Missverständnissen. Doch JosephHanimann n ist auch dafür "schon dankbar", in einem "Festival, das uns mit seiner Textscheu der letzten Jahre auch jede Fehldeutung versagte."

 

 
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