Luft raus

von Cornelia Fiedler

Köln, 6. Oktober 2018. "Error 404" lautet das Schlusswort. Aus tausenden von LEDs leuchtet diese Null-Information auf die verwaiste Bühne des Schauspiel Köln herab, und auf die drei Frauen ganz vorn am Bühnenrand. 404, das ist der Klassiker unter den HTTP-Codes im Netz und heißt, 'Ja, die Anfrage' – in diesem Fall der finale Stoßseufzer von Olga, der ältesten der "Drei Schwestern" – 'ist beim Server angekommen'. Und: 'Nein, das passende Dokument' – sprich die Antwort auf die Frage "wofür wir leben, wofür wir leiden" – 'konnte nicht gefunden werden'. Damit ist die größtmögliche Reduktion von Text und Handlung erreicht, eine Reduktion, auf die die Inszenierung von Regisseurin Pınar Karabulut konsequent zusteuerte.

Bekannte Akte, gemischte Gefühle

Bis die Zeit reif ist, für dieses beeindruckende, fast wortkarge, durchchoreographierte Finale, spielen Karabulut und ihr Team aber zunächst genüsslich die bekannten, so klug erzählten wie ermüdenden Stationen und Topoi des Klassikers von Anton Tschechow durch: Irinas Namenstag wird zum Highlight im Provinzdasein der vier Geschwister. Zeitsprung. Schwägerin Natalia (Lola Klamroth) übernimmt das Regiment im Haus und erlässt ein Partyverbot. Zeitsprung. Ein Großbrand erschüttert das Garnisons-Städtchen und ermöglicht intime Geständnisse. Zeitsprung. Das Militär, und damit der letzte Rest von Leben, zieht aus dem Ort ab. Bei alledem zelebrieren die Protagonist*innen in nicht enden wollenden Gesprächen: a) routinierte Langeweile, b) Orientierungslosigkeit, c) das Gefühl, die eigenen Talente in der Provinz zu verschwenden, d) betont aufgekratzte Freude über jede Abwechslung, e) Sehnsucht nach Sinn, nach Erfüllung, nach dem Allheilmittel Moskau.

Dreischwestern 2 560 Krafft Angerer u.jpgFröhlich ist anders, die drei Schwestern in Köln: Susanne Wolff, Katharina Schmalenberg, Yvon Jansen © Krafft Angerer

Karabulut, die zuletzt mit ihrer gefeierten Romeo und Julia-Inszenierung zum Festival "radikal jung" eingeladen war, und ihre Dramaturgin Stawrula Panagiotaki arbeiten gezielt die Widersprüche und die Komik im Verhalten aller Beteiligter heraus, ohne sie zu diskreditieren. So lässt beispielsweise Gastspielerin Susanne Wolff als bodenständige Lehrerin Olga jeden ihrer Sätze mit einer so komischen Wucht herauspoltern, als wollte sie ihn als These an eine Tür schlagen. Peter Knaack ergeht sich als Oberstleutnant Werschinin nicht nur in larmoyantem Dauer-Understatement, er schafft es auch, eine gefühlte halbe Stunde nichts anderes zu tun, als mit geschlossenen Augen und gefrorenem Lächeln selbstgefällig auf der Stelle zu tänzeln.

Unsich'rer Grund, eigenwillige Optik

Gespielt wird auf einer bühnenfüllenden meterhohen Luftmatratze, die Bühnenbildnerin Bettina Pommer als Geschenk des kauzigen Dauergastes und Militärarztes Chebutykin (Wolf-Dietrich Sprenger) aufpusten lässt. Das ermöglicht Sprünge, Tänze und Prügeleien in Comicdimensionen – bis irgendwann die Träume ausgeträumt sind – und die Luft raus ist. Auch die Kostüme von Teresa Vergho und die bleichen, dezent clownigen Gesichter weisen in Richtung Comic: Die Schwestern unterscheiden sich unter ihren blonden Einheits-Pony-Perücken vor allem durch die Silhouetten: Olga trägt eine kugelrund ausgepolsterte blaue Obelix-Hose. Mascha (Yvon Jansen), unglücklich verheiratet mit dem ebenfalls sehr hüftbetonten Lehrer Kulygin (Yuri Englert), wechselt je nach Flirtbereitschaft zwischen einem wurstigen roten bodenlangen Daunenmantel und dem kleinen Schwarzen in Lackoptik. Irina (Katharina Schmalenberg), das Küken, kombiniert das von Tschechow verordnete weiße Kleid trotzig mit einer kurzen Kapuzenjacke in Orange. Die Angehörigen des Militärs, des einzig relevanten Standort- und Unterhaltungsfaktors in der Region, erkennt man zuverlässig an den übertrieben breiten Schultern, die am Rücken in einen hässlichen Buckel übergehen.

Dreischwestern 3 560 Krafft Angerer u.jpgEine Matratze sagt mehr als tausend Worte: Justus Maier und Lola Klamroth © Krafft Angerer

Die Inszenierung ist aktuell, ohne zwanghaft im Heute verortet zu sein, einfach weil individuelle Verlorenheit, Haltlosigkeit und die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen auch heute als Zivilisationskrankheiten gelten können. Sie unterhält, hat ihre Highlights, aber auch ein paar Längen und manchmal plätschert sie einfach so dahin. Was sie wirklich kann, zeigt sie erst nach der späten Pause, nach zwei Dritteln des Abends.

Geloopte Sentenzen, traurige Choreographien

Über die LED-Wand im Hintergrund schieben sich jetzt die Worte "There won't be a next time" in Endlosschleife, die Hüpfburg-Matratze liegt platt und zerknüllt im Halbdunkel. Vorne bringt Andrej noch sein Geständnis zuende, er habe Spielschulden und deshalb eine Hypothek auf das Haus aufgenommen und im Übrigen sollen die Schwestern gefälligst netter zu seiner Frau sein. Dann schnurrt der Text auf ein Minimum zusammen: Längst ist alles gesagt, vielfach gesagt, am heutigen Abend und in hunderten von Aufführungen, über mehr als ein Jahrhundert hinweg.

Die zehn Spieler*innen verfallen nach und nach in eine roboterhafte hypnotische Tanzsequenz. Sie performen ein letztes Mal einen Hauch von Party, das also, womit sie sich die Jahre über am Leben gehalten haben, bevor sich alles auflöst. Bevor das Militär und damit die Hoffnung abrückt, bevor Irinas Bräutigam, den sie nicht liebt, der aber einen Umzug versprach, im Duell getötet wird. Ein paar Floskeln und Halbweisheiten gibt es noch, sie werden geloopt, ein paar Songzeilen und Herzensbrüche dazu. Dann geht man für immer auseinander, in einer komisch traurigen Doppel-Gänsemarsch-Choreographie. Ein paar Mal kreuzen sich die Wege noch, dann ist Schluss, einer nach dem anderen sackt zusammen. Für letzte Fragen treffen sich die Schwestern noch einmal vorn an der Rampe. Letzte Antworten bleiben aus: Fehler 404.

 

Drei Schwestern
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec; nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Regie: Pınar Karabulut, Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Daniel Murena, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki.
Mit: Susanne Wolff, Yvon Jansen, Katharina Schmalenberg, Justus Maier, Lola Klamroth, Yuri Englert, Peter Knaack, Nikolaus Benda, Nicola Fritze, Wolf-Dietrich Sprenger.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (9.10.2018) zeigt sich Patrick Bahners nicht zufrieden mit der Inszenierung. Zunächst mache Peter Knaack als Werschinin zwar "belebende Figur", in dieser "trübseligen Gesellschaft" werde er "zur Verkörperung des Gedankens", dass "die Zerstörung der Formen", welche die Inszenierung betreibe, "doch nicht alternativlos" sein müsse. Doch das Regiekonzept sei für ein Publikum gedacht, das "Tschechow in der Schule durchgekaut hat". Jedenfalls sollten sich die Zuschauer den Wunsch nach Identifikation aus dem Kopf schlagen. Das Stück werde in die Einzelteile zerlegt, "Dialoge, an denen das Gemachte, Schablonenhafte hervortritt". Wie "Bauerntölpel" schlügen die "von Gott und der Welt ausgemusterten Unzeitgenossen" aufeinander ein; auch Peter Knaack entpuppe sich da als bloßer "Teil des didaktischen Apparats".

"Von deftigtiger Comedy" spricht Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (8.10.2018) und zunächst ist das für ihn auch plausibel, denn es wirke ja wirklich lächerlich, wie sich die drei Schwestern "tatenlos in ihrer Sehnsucht nach Moskau suhlen, auf rettende Männer hoffen und um triste Mängelexemplare buhlen." Nach der Pause sei Schluss mit lustig, denn dann würden die "leicht angerosteten Folterwerkzeige" des Regietheaters ausgepackt, "pseudobedeutsame Schreit- und Tanzszenen, enervierende Wiederholungen und Robotergestik", bis man das Interesse an den Schwestern verloren hätte.

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