Identitäts-Migration

von Falk Schreiber

Berlin, 12. Oktober 2018. Ein Flughafen ist ein Ort des Dazwischen. Am Flughafen ist man schon abgereist, aber noch nicht richtig weg, oder man ist schon gelandet, aber noch nicht angekommen. Ein Flughafen ist ein Transitort, und es ist kein Zufall, dass Alissa zu Beginn von Sasha Marianna Salzmanns Roman "Außer sich" an Istanbuls Airport feststeckt, um vom Zöllner misstrauisch gemustert zu werden. "Die Frau auf dem Bild sieht dir ähnlich", stellt er beim Blick in den Pass fest, nur um dann zu argwöhnen, dass der Pass gefälscht sein könnte: Das Gesicht ist anders, die Haare sind zu kurz. Alissa ist irgendwie nicht greifbar für die strengen Kategorien des Grenzregimes.

Salzmanns vor einem Jahr erschienenes Romandebüt ist ein atemloses Anrennen gegen diese Grenzen. Ein leidenschaftliches Auflösen von Geschlechtern, Nationen, Identitäten, in dem Alissa zu Ali wird, auf der Suche nach dem symbiotischen, aus der süddeutschen Kleinstadt an den Bosporus verschwundenen Zwillingsbruder Anton, um irgendwann mit der Ukrainerin Katho in den Protesten um den Gezi-Park zu landen, wo dann auch Anton auftaucht – aber ob Anton und Ali womöglich identisch sind, ist da längst nicht mehr sicher. Diese Geschichte ist ein kluges Nachdenken über queere Selbsterfindung, das auf durchaus reizvolle Weise mit den Konventionen der Familienerzählung hadert. 

Identitätsspiel im Spiegelkabinett

Für die Dramatisierung des Romans am Berliner Maxim Gorki Theater hat Sebastian Nübling den Stoff fragmentiert. Die Familienerzählung ist weiterhin da, die Migration der Zwillinge mit ihren Eltern aus dem postsowjetischen Russland nach Deutschland, der Alkoholismus und der Tod des Vaters (Falilou Seck), die enge Bindung zwischen Anton und Ali – aber sie bleibt der inhaltlich uninteressantere Teil des Abends. Spannend sind dagegen die Passagen in Istanbul, die den Status des Dazwischen der Protagonisten thematisieren, spannend ist die Aufteilung der Figur Alissa/Ali auf Kenda Hmeidan und Sesede Terziyan, spannend ist die Bühne Magda Willis, ein ortloser Durchgang in ein Spiegelkabinett, in dem sich die Figuren doppeln, parallel zu den Stimmen, die immer wieder geloopt werden.

AusserSich 3 560 Ute Langkafel maifoto uAli-Anton: Sesede Terziyan und Kenda Hmeidan © Ute Langkafel

Nübling hat sich als Regisseur nach und nach zur Allzweckwaffe entwickelt, der Klassiker ebenso routiniert inszeniert wie Zeitgenössisches und Projekthaftes. Einen echten Zugang zu Salzmanns queerer Poetik hat er nicht, aber er kann Geschichten über Körper erzählen. "Außer sich" funktioniert auch deswegen, weil die Regie ein echtes Interesse an den Körpern der Darstellerinnen hat – an den meist nahe beieinander geführten, androgynen, schmalen, verletzlichen Körpern von Hmeidan und Terziyan, aber auch an der offensiveren Körperlichkeit von Margarita Breitkreiz als Katho. Irgendwann bildet das Trio eine keksfutternde Subversionseinheit am WG-Küchentisch, eine Einheit, die noch deutlicher wird, wenn Breitkreiz im Zuge der Aufführung selbst sporadisch in die Ali-Rolle wechselt.

Bekenntnis zum Fragment

Ein interessantes Spiel mit Identitäten entspinnt sich hier also, ein Spiel, hinter dem die pflichtschuldig abgehakte zweite Ebene des Romans ein wenig verblasst. Die Zugfahrt der Familie aus Russland in die Bundesrepublik mag von Seck mit Verve performt werden, sie bleibt aber ebenso wie Anastasia Gubarevas in diesem Kontext überraschend konventionelle Darstellung der Mutter Rampenrede, Prosa. Und dass gegen Ende tatsächlich noch eine Anton-Figur auftritt, ist sogar ein Verschenken der Qualität von Schauspieler Mehmet Ateşçi, der hier ein Inzest-Motiv explizit macht, das als unscharf beunruhigende Sexualität hinter dem Dazwischen-Spiel der Istanbul-Erzählung eigentlich viel stärker war.

aussersich neu 560 UteLangkafel uMargarita Breitkreiz, Falilou Seck, Anastasia Gubareva, Sesede Terziyan, Kenda Hmeidan
© Ute Langkafel
Und doch bleibt "Außer sich" ein bewegender Theaterabend. In seinem unfertigen Charakter, in seinem Ausstellen der Fallstricke von Salzmanns Roman, in seinem Bekenntnis zur Tatsache, dass bei einer fragmentierten Geschichte schlicht nicht jedes erzählte Bruchstück gleichermaßen interessant sein muss. Nübling weigert sich, einen klaren Fokus zu setzen, das ist ehrbar, weil der Regisseur sich so angreifbar macht, es lässt einen die seltsam höhepunktarm durch den Stoff schlingernde Inszenierung allerdings auch schwer fassen. Am Ende singt Polina Lapkovskaja sehnsüchtig: "So trapped, so confused", und das lenkt die Konzentration zurück auf die Bühne. Im Grunde haben Alissa/Ali/Anton den Flughafen vom Beginn nie verlassen: Sie sind Migranten, gefangen im Transitbereich. Transmenschen, wenn das nicht schon wieder eine Kategorie wäre, die einen auf eine ganz falsche, weil zu eindeutige Fährte führt.

Außer sich
nach dem Roman von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Svenja Gassen, Livemusik: Polina Lapkovskaja, Dramaturgie: Anna Heesen, Mazlum Nergiz.
Mit: Mehmet Ateşçi, Margarita Breitkreiz, Anastasia Gubareva, Kenda Hmeidan, Polina Lapkovskaja, Falilou Seck, Sesede Terziyan.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Sasha Marianna Salzmanns Roman Außer sich erschien 2017 und wurde auf nachtkritik.de von Dirk Pilz besprochen.

Kritikenrundschau

Barbara Behrendt schreibt auf der Website von Deutschlandfunk Kultur (12.10.2018): Sebastian Nübling habe aus Sasha Marianna Salzmanns Roman eine "freie Szenencollage" entworfen. Sesede Terzyan und Kenda Hmeidan spielten die Zwillinge und glichen sich so sehr, dass man sie "für ein und dieselbe Person halten" könne. Margarita Breitkreiz spiele Katho "überspannt bis in alle Glieder", doch nur selten übertrage Nübling das "Außer-sich-Sein wirklich in die Körper". Die Textneuverteilung müsse jeden, der den Roman nicht kennt, bald verwirren. Eine Verwirrung die Magda Willis "hoch symbolische Bühne" aufnehme, jede Sicht vielfach gebrochen und unendlich vervielfältigt. Doch spätestens in der zweiten Stunde würden sich "Szenensplitter" nurmehr beliebig an Szenensplitter reihen. Die "Selbstfindung der Figuren" wirke zunehmend "pubertär", ihre Wut "behauptet". Das "ziellose Analysieren ihrer Identität, ihres Geschlechts", lasse "den Abend letztlich zäh zerfasern".

Christine Wahl schreibt im Berliner Tagesspiegel (14.10.2018): Nüblings Inszenierung spiele erwartungsgemäß "leitmotivisch mit dem Identitätsthema". Magda Willis Glasfront eigne sich auch "hervorragend als Spiegel" für die unsicheren Identitäten. Das die Ali spielende "Schauspielerinnen-Duo Kenda Hmeidan und Sesede Terziyan" rücke, "verletzlich die eine, cool die andere", "verschiedene Facetten ihrer Figuren" in den Vordergrund. Die Schauspieler machten überhaupt Nüblings Inszenierung sehenswert. Margarita Breitkreiz sei für das Duo ein großartiger Sidekick. Sie spiele mit einer Energie, "von der man sich tatsächlich im bestmöglichen Sinne überfahren fühlt". Auch Anastasia Gubareva als pointensichere Zwillingsmutter sowie Falilou Seck als ihr alkoholkranker Ehemann rissen die Inszenierung aus ihrem gelegentlichen Plätschern immer wieder heraus.

"Einsamkeitsstürzendes Problemtheater", sah Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (14.10.2018). "Alles ist flüchtig und fragmentiert." Die mit brutal romantischem Furor gesuchte Liebe gerate zum Gewirr aus Verschlingungswunsch und Bestätigungssucht, die eigentlich nur in der Auflösung oder Einvernahme des Gegenübers erfüllt werden könnte. "Das ist die ohnehin schon schwer zu auszuhaltende Tragik des Romans. In der beliebigen Verwirrungsroutine der Inszenierung führt sie bald zur Ermattung." Die Identifikationslust sinke, die Figuren würden immer fremder.

Der Re­spekt vor dem Ro­man be­ein­träch­tige Nüblings Regie offenbar schwer. Mehr als ober­fläch­lich turne die Regie über das kom­plex ge­füg­te Kon­strukt des Ro­mans. "Wer die­sen nicht kennt, wird ihn hier nicht ken­nen­ler­nen – und das ist sehr scha­de", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (15.10.2018). "Lan­ge Mo­no­lo­ge rei­hen sich an­ein­an­der, es wird im­mer mehr ge­spro­chen und im­mer we­ni­ger ge­spielt."

Nur einzelne Momente wie das Hähnchenessen von Mehmet Ateşçi bleiben für Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (16.10.2018) von diesem Abend hängen. Regisseur Sebastian Nübling behalte "die Struktur des Buches bei und arrangiert eine lose Szenenfolge. Für Zuschauer, die den Roman nicht kennen, dürfte das verwirrend sein. Das ist umso bedauerlicher, als sinnlich nicht allzu viel los ist. Gesprochen wird oft frontal ins Mikro, Szenen werden mehr angedeutet als ausgespielt."

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