1A Theaterabend

von Theresa Luise Gindlstrasser

Linz, 12. Oktober 2018. Ein Karussell-Dach schwebt schwer. Das "Münchener Oktoberfest, und zwar in unserer Zeit" hat zur einzigen Attraktion ein unbefahrbares Ringelspiel. Rot und blau, mit bunten Glühbirnen und vielen Neon-Röhren fungiert's halb und halb als Leuchtkörper und Sehnsuchtsobjekt, als Regenschirm, Zirkuszelt und Zeppelin. Die Drehbühne darunter dreht sich. Bühnenbildner Aurel Lenfert hat Biertische und Bänke zu einer Skulptur arrangiert. Ein großes, grünes Krokodil fährt unmotivierte Kreise. Alles ist unbrauchbar. Den Handlungszusammenhängen enthoben. Die Dinge treten in scharfer Schönheit hervor. Dazwischen schlendert Alexander Julian Meile als Kasimir und kuschelt einen weißen Tiger um seinen Körper herum.

Stilisiert, nicht parodiert

Susanne Lietzow inszeniert Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" am Landestheater Linz 1A nach Horváths "Gebrauchsanweisung". Der Meta-Theater-Text (inklusive "Todsünden der Regie") ist im Programmheft abgedruckt. Und wie hätt's der Herr Autor gern gehabt? Stilisiert. Aber nicht parodiert. "Es darf kein Wort Dialekt gesprochen werden!", nur so könne sich eine "Synthese zwischen Realismus und Ironie" einstellen. Vor allem: "Es muss jeder Dialog herausgehoben werden". Herausgehoben aus Handlungszusammenhängen und sonstigen psychologischen Sinngefügen. Weil: "Vergessen Sie nicht, dass die Stücke mit dem Dialog stehen und fallen."

KasimirKaroline 3 560 NorbertArtner uEin Krokodil fährt grüne Kreise auf der Bühne von Aurel Lenfert. Klaus Huhle, Corinna Mühle, Jan Nikolaus Cerha, Alexander Julian Meile  © Norbert Artner

Lietzow lässt diesen Dialogen Luft. Großzügig wird der Bühnenraum mit inadäquaten Sprechrichtungen vermessen. Dialoge über Distanzen, über Bande oder in die offene Seitenbühne weg. Pausen und Leerläufe verhelfen dem Sprechen ins Schweigen zu holpern, und die jähen, gebrüllten Passagen reißen das Gesagte in ein bloßes Sagen hinein. Während die einen sprechen, stehen die anderen still. Geisterbahnfiguren. Von der Drehbühne wieder in Position, wieder zum Sprechen gebracht. Gotho Griesmeier singt Wagner und anderes. Von oben fällt Regen, niemand kümmert sich darum.

Horvátheske Figuren

"Oans – zwoa – drei – gsuffa", pöbelt Klaus Huhle als "Trinker". In Lederhosen schwankt er zwischen die Szenen und grölt. Kasimir, gestern entlassener Chauffeur, und seine Braut Karoline treffen sich auf der Wiesn. Es gibt Streit. Plötzlich steht Theresa Palfis Karoline vor einem anderen Mann, dem Schürzinger. Christian Taubenheim trägt einen Pullover um die Schultern gebunden und seine höfliche Zurückhaltung dick auf. Palfi nimmt müden Anlauf vor jedem Satz, diese Karoline hat sich chic gemacht nicht für den Streit, fürs Reden, sondern fürs Amüsement. Als hemdsärmelig, behäbiger Kasimir wartet Meile immer auf die unpassendsten Momente um eine Versöhnung anzustreben. Mehr aus Versehen schlägt er dem Rivalen ein Eis aus der Hand. Ganz anders, dauernd rabiat, geriert sich der Merkl Franz. Jan Nikolaus Cerha gibt den Ganoven als überdeutlich artikulierenden Underdog, der nur sein Mundwerk, sonst nichts an Eigentum hat. Merkl Franz und Kasimir wollen Autos knacken. Das mit der Beziehung wird nix mehr. Vor allem ab Auftauchen von Rauch und Speer.

KasimirKaroline 1 560 NorbertArtner uDie Karoline und ihr Sugar Daddy: Klaus Müller-Beck und Theresa Palfi  © Norbert Artner Klaus Müller-Beck und Sebastian Hufschmidt zeigen sich als wohlhabende, wohlgenährte Burschis in Couleur selbstzufrieden mit der Lage der Nation am Oktoberfest: "Da sitzt doch noch der Dienstmann neben dem Geheimrat, der Kaufmann neben dem Gewerbetreibenden, der Minister neben dem Arbeiter – so lob ich mir die Demokratie!". Ungeniert gaffen Rauch und Speer den Frauen hinterher, locken mit Alkohol, Geld, noch einem Ritt im Hippodrom. Palfis Frisur wird immer unordentlicher, Karoline, betört vom Rausch des Vergnügens, fügt sich in die erwartete Gegenleistung: Mit Rauch nach Altötting zu fahren. Das aber empört Speer. Ziemlich schwer. Und Müller-Beck und Hufschmidt geraten in eine umständliche Rauferei. Langsam, viel zu langwierig, werfen sie sich in den Wiesn-Matsch vorne an der Rampe. Die Schläge, das Fallen, nichts hat miteinander zu tun, wird aber mit sturer Ausdauer praktiziert. So funny!

Erna, das revolutionäre Subjekt

Und dann wäre da noch "dem Merkl Franz seine Erna". Die Horváthsche Figurenauflistung präsentiert sie als ein zu jemandem zugehöriges Objekt, im Text wird sie von Franz misshandelt, er beschimpft sie oder an ihr vorbei die Frauen überhaupt. Die schwangere Corinna Mühle formt mit ihrer vielschichtigen, unprätentiösen Darstellung die duldsame Erna zum revolutionären Subjekt. So bekommt diese Erna das mit, was Marx Klassenbewusstsein nennt. Alle anderen Figuren stehen Machtverhältnissen wenigstens blind, lieber aber als Profiteur*innen gegenüber. Mühle positioniert Erna zwischen resignativer Kritik ("Es gibt überhaupt keine direkt schlechten Menschen") und explosiver Selbstermächtigung ("seh ich die Armen durch das Siegestor ziehen und die Reichen im Zeiserlwagen"). In hohen Schuhen und kurzem Rock watschelt sie langsam über die Bühne. Reisst Meile an ihren Haaren erstarrt Mühle für einen Moment in einer sexualisierten Pose. Wenn sie aber ihre Stimme erhebt, fällt der Peiniger von ganz alleine zu Boden. Ob nach "Gebrauchsanweisung" oder nicht, dieser Theaterabend ist ein 1A Theaterabend.

 

Kasimir und Karoline
von Ödön von Horváth
Regie: Susanne Lietzow, Bühne: Aurel Lenfert, Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Musik: Gilbert Handler, Video: Petra Zöpnek, Lichtdesign: Helmut Janacs, Kampftraining: Matthias Gollmann & Christoph Kaip, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Alexander Julian Meile, Theresa Palfi, Klaus Müller-Beck, Sebastian Hufschmidt, Christian Taubenheim, Jan Nikolaus Cerha, Corinna Mühle, Klaus Huhle, Gotho Griesmeier, Magdalene Baehr/Tamali Fischer, Eva Lackner/Mia Lackner, Julia Herbrik.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.landestheater-linz.at

 

Mehr dazu: In Linz waren wir zuletzt bei Susanne Lietzows Inszenierung Anatol von Arthur Schnitzler im Dezember 2017 und bei Jürgen Kuttners Show Am Tag, als Adolf Hitler starb im Juni 2018.

 

Kritikenrundschau

Susanne Lietzow lasse keine Zweifel aufkommen, "dass die Krise kein idyllischer Tingeltangel ist, dass die Seele deformiert wird" (…). "Düster, dämmrig … unheilschwanger ist die Atmosphäre auf dem 'lulu-lustigen“ Oktoberfest. Da gibt’s keine Moral", so Philipp Wagenhofer im Oberösterreichischen Volksblatt. Lietzow kenne in ihrer konsequenten Inszenierung kein Erbarmen.

"Der Regisseurin ist es sichtbar gelungen, alle Beteiligten auf ein Ziel einzuschwören, denn diese Premiere war wie aus einem Guss", so Helmut Atteneder von den Oberösterreichischen Nachrichten (15.10.2018). Bei Susanne Lietzow sei das Team der Star. Aurel Lenferts Bühnenbild: "genial einfach gehalten"; Gilbert Handlers Musik: "fesselnd"; das Ensemble: agiere "spielerisch und trittsicher".

 

 
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