Im Tunnel am Ende der Liebe

von Stefan Schmidt

Hamburg, 20. Oktober 2018. Am Anfang ist dieses Paar schon am Ende: "Medea und Jason", ein Mann und eine Frau Anfang 40, über deren Liebe das Leben bösartig hinweggetrampelt ist. Maja Schöne und André Szymanski stürzen sich an diesem Premierenabend am Hamburger Thalia Theater schnell mit voller körperlicher Wucht hinein, auf den Kampfplatz Beziehung, loten in einer atemlosen Mischung aus moderner Tanzchoreographie und Wrestling das gegenseitige Kräfteverhältnis aus. Das hätte der furiose Auftakt für eine radikal heutige Geschichte von Leidenschaft, Hoffnungslosigkeit und Hass werden können – aber Regisseurin Jette Steckel will mit aller Gewalt mehr und erreicht weniger.

Die Geschichte einer Eskalation

Es ist wie so oft, wenn Beziehungen zerbrechen: Außenstehende interessiert es im Nachhinein ja meist herzlich wenig, wie genau es zur Eskalation kam, an welchem Punkt wer was falsch gemacht hat und wo welche anderen Leute noch im Einzelnen ihren Beitrag zur gefühlt großen Katastrophe geleistet haben, wer woran welche Schuld trägt. In dieser Inszenierung müssen wir da aber leider durch: Jette Steckel und ihre Dramaturgin Julia Lochte lassen die beiden ehemals Liebenden Medea und Jason wechselweise erzählerisch und szenisch zurückblicken auf die Stationen ihrer ganz privaten Tragödie, so wie sie der Autor der Textvorlage, der Österreicher Franz Grillparzer, im 19. Jahrhundert klassizistisch biedermeierlich unter Rückgriff auf Stoffe der Antike zusammengestellt hat.

JasonundMedeaa 560 Armin Smailovic uBitteres Lachen am Ende eines gemeinsamem Fluchtweges: André Szymanski und Maja Schöne als Jason und Medea © Armin Smailovic

Grillparzers Drama "Das goldene Vlies" hat drei Teile, ist entsprechend länglich, und treibt die Königstochter Medea in ihrer "barbarischen" Heimat in die Arme des griechischen Feindes Jason. Das Paar flieht gemeinsam und gelangt später in die vermeintlich zivilisierte Welt, aus der Jason stammt. Dort allerdings gerät die Ehe – auch aufgrund äußerer Anfeindungen – in die Krise. Jason wirft sich einer opportuneren Königstochter an den Hals, trennt sich, und Medea bringt (wie hinlänglich bekannt) aus Rache und/oder Verzweiflung ihre eigenen Kinder um. Kein Wunder: Schließlich lastet ja auf allem der Fluch eines mythischen Schaffells, sprich: des titelgebenden Vlieses.

Mit Athletik und Synthesizer

Natürlich ist es eine große dramaturgische Leistung, diese (und weitere) Einzelheiten einer ausladenden Tragödie um Liebesleid und Flucht so zu raffen, dass sie in knapp zwei Stunden erzählt sind und auch noch Zeit bleibt für Momente des Schweigens. Natürlich bedeutet es eine große schauspielerische Kraftanstrengung, wenn nur zwei Darsteller (plus Musiker und Kinderchor) diesen ganzen klassizistischen Kosmos athletisch schultern und in die Gegenwart tragen sollen. Und natürlich spart die Regie im konkreten Fall nun wirklich nicht an großen, pathetischen Bildern und düsteren Synthieklängen, um den unausweichlichen Schreckensschluss allzeit greifbar zu halten – allein: Es ist letztlich von allem zu viel und auf die Schnelle (wie im Vorbeigehen) zu dick aufgetragen, um nachhaltig zu berühren.

JasonundMedeab 560 Armin Smailovic u Familienaufstellung im Plastikpaket-Bühnenbild von Florian Lösche © Armin Smailovic

Florian Lösches flexibel und klug gedachte Bühnenkonstruktion etwa gerät über unnötig weite Strecken zur Staffage für statische Standbilder. Bis nah unter die Decke türmen sich durchsichtige Plastikpakete voller gepresster Kleidungsstücke zu einem großen rechteckigen Gerüst. So raffen Menschen auf der Flucht ihre Habseligkeiten zusammen. So ähnlich türmten sich vor wenigen Jahren zeitweise Kleiderspenden bei deutschen Hilfsorganisationen. Ein durchaus plakativer, aber nicht allzu aufdringlicher Verweis also auf Migrationsgeschichten unserer Tage, den die Inszenierung nur leider ebenso wenig konsequent weiterverfolgt wie die diversen anderen Motive, die sie unentschieden bedeutungsvoll streut.

Der Kinderchor hält den Spiegel vor

Am überzeugendsten gerät noch der Chor der Kinder: eine Gruppe beeindruckend präsenter Jungen und Mädchen, die im roten Lackmantel und weißen Kniestrümpfen zu gruseligen Wiedergängern einer desillusioniert kämpferischen Medea werden können oder (in weißen Kleidern mit Blumen im Haar bzw. adrett dunklen Anzügen) zu singenden Abbildern einer verlorenen Unschuld, wie sie sich die evangelische Kirche vielleicht für ihre Konfirmand*innen wünscht. Tolle und vielversprechende Typen, die das Thalia Theater da gecastet und durchchoreografiert hat: Sie rennen und drehen sich und tanzen, als ginge es um ihr Leben, als hätten sie da noch etwas vor sich, worauf es sich zu hoffen lohnt.

Umso heftiger wirkt es, wenn André Szymanskis Jason (und Maja Schönes Medea) gegen genau diesen Kinderchor bitter darüber lamentieren, dass sie am Ende ihrer Beziehung leer seien und ermattet, ebenso kraft- wie perspektivlos. In diesen Momenten, im erschreckend großen Kleinen, hätte die Inszenierung vielleicht zu sich und zu ihren Figuren finden können, die sie in den Titel der Produktion gerückt hat. Stattdessen erliegt unnötigerweise auch die Regisseurin dem Fluch des Goldenen Vlieses: nämlich sich in der überbordenden Tragik mythischer Verwicklungen zu verlieren statt auf die Möglichkeiten der eigenen Gegenwart zu vertrauen.

"Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht", sagt ein kindliches Alter Ego der Medea zum Schluss der Inszenierung zu Jason. Zum Glück. Denn nach den knapp zwei Stunden dieses Theaterabends ist es wirklich Zeit, sich ins Leben zu stürzen. Ganz ohne Pathos. Dafür entschiedener, mit mehr spürbarer Poesie.

 

Medea und Jason
nach Franz Grillparzer
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Aino Laberenz, Musik: Friederike Bernhardt und Johannes Cotta (Geza Cotard), Choreografie: Yohan Stegli, Dramaturgie: Julia Lochte.
Mit: Maja Schöne, André Szymanski
und dem "Chor der Kinder": Lisa Ambokadze, Sofie Ambokadze, Johanna Alde, Tuana Arslantas, Goya Brunnert, Malo Burfeind, Alice Dik, Helene Jensen, Klarissa Klotz, Stella Koch, Marta Laubinger, Lilly Lengenfelder, Connor-Cash Leonhard, Jon Löhrs, Philine Mai, Rasmus Meyer-Loos, Klara Mittelstraß, Alina-Sophie Müller, Carla Robinson, Katerina Shabarkova, Neeltje Voller, Jascha Volz.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Steckel erzählt keinen Mythos, sie erzählt die Geschichte eines Paares, das sich auseinandergelebt hat und das versucht, die Trennung halbwegs würdevoll zu absolvieren", schreibt Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (22.10.2018). Der Abend bleibe aber eine "Medea"-Inszenierung, "was auch an den Darstellern liegt. André Szymanski mag seinen Jason klug anlegen (...) ausrichten kann er nichts gegen Maja Schönes Medea." Die sei ein Ereignis und "würde das ohnehin auf zwei Personen eingedampfte Drama im Zweifel auch allein stemmen, wütend, liebend, rasend." Die Bezüge zur Gegenwart seien offensichtlich, "darüber hinaus ist der Abend ein sinnlicher Rausch, der seine Durchdachtheit immer zu brechen weiß". Gerade weil das alles funktioniere, denkt man kurz, dass dieser Abend vielleicht sogar zu gut funktioniere. "Weil in "Medea" ein Leiden beschrieben wird, das sich nicht abbilden lässt von großer Schauspielkunst, von kluger Popmusik und von einem raffinierten Regiekonzept."

Steckel setze in ihrer umjubelten Inszenierung auf Gefühle, so Heide Soltau im NDR (21.10.2018). "Schöne trägt diesen Abend. Sie ist die liebende, rasende, fordernde, verzweifelnde, scharfsinnige, verrückte, bedingungslos kämpfende, verbissene, bedürftige und einsame Frau." Wie sie die Bühne fülle, sei ein Ereignis.

"Jette Steckel erzählt sie am Thalia Theater als handfesten Beziehungskampf im heißkalten Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung", berichtet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (24.10.2018). Steckel erzähle den Stoff "performativ, in choreografisch schönen, eingängigen, ausgefeilt beleuchteten Bildern. Nur sieht man diesem gut gemachten, auf die beiden Protagonisten eingedampften Abend zwischendurch immer wieder seine Konstruktion an, weshalb er nicht abhebt, sich auf dem Weg zum Kunstvollen im Kunstgewerblichen verhakt."

Jette Steckels Inszenierung erzählt die Franz-Grillparzer-Version der antiken Sage "in vollster Radikalität", schreibt Katrin Ullmann in der Zeit (25.10.2018). Klug baue Steckel "mit zwei grandiosen Darstellern Szenen, die als Rückblende von inniger Liebe erzählen, von Leidenschaft, von gelebtem Leben, von Konflikten und schließlich auch von Entfremdung. Steckel inszeniert ein Beziehungsdrama, eine "berührende Paargeschichte mit vielen Zwischentönen", so Ullmann. „Es ist ein schauspielerisch vielschichtiger, intensiver und fesselnder Abend – der letztlich aber die politische Dimension, die im Stoff steckt, zur Seite
drängt."

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