Die Hölle sind die anderen

von Jürgen Reuß

Freiburg, 20. Oktober 2018. Wenn an einem langen Theaterabend nach zwanzig Minuten vollkommen klar ist, wie die gesamten fast vier Stunden aussehen werden, darf der Text darüber auch gleich am Anfang verraten, dass er zwischen "muss man nicht sehen" und "sollte man nicht sehen" schwanken wird. Was war passiert? Das Theater Freiburg hatte getreu seinem Motto, als Weltempfänger Theatertalente von überall her ans Haus zu holen, das slowenische Regieteam um Regisseur Jernej Lorenci und Dramaturg Matic Starina eingeladen, die "Nibelungen" ins Große Haus zu bringen. Großer Stoff, frische Perspektive, langer Abend, nun gut, denkt man, anfangs.

Erzählte Heldenanekdoten

Das Proszenium ist mit Parkett ausgelegt, linke Seite ein gedeckter Esstisch, rechte Seite ein Klavier, hinterm Parkett noch drei Hans-Dieter-Hüsch-Orgeln. Der Vorhang wird sich zwar auch mal heben und ein paar Mimen werden hinten rumtanzen, aber im Grunde bleibt es Huis clos, die Hölle machen wir den anderen. Aber nicht vorgreifen. Das Saallicht bleibt an, die Schauspieler*innen betreten die Bühne, begrüßen das Publikum, und dann erzählen sie. Erstmal von Krimhild, superschön, und Siegfried, super Mann, stark wie Pippi Langstrumpf, hat als Kleinkind schon zwei Pferde hochgehoben. Jede und jeder weiß eine Heldenanekdote über die beiden zu erzählen. Einer, Henry Meyer, sagt dann auch die Strophen an und beginnt die Fäden des Erzählers an sich zu ziehen.

Nibelungenlied 3 560 MarcDoradzillo uErstmal tanzen und locker machen: "Das Nibelungenlied" in Freiburg © Marc Doradzillo

Okay, wird also ein Erzähltheaterabend. Das Publikum kriegt den ganzen Text, zeitgemäß aufgepeppt, zwischendrin Solonummern zur Auflockerung, so wie man heute Bildung vermittelt. Der Erzähler hat eine schöne Stimme, vielleicht hätte man das Kind mitnehmen sollen, das kennt die Geschichte noch nicht und mag diese Hör-CDs zu klassischen Sagenstoffen.

Dass der Abend zwischen (der in Freiburg in den letzten Jahren erstarkenden) Erzähler*innenszene, märchenspielenden Comedians und Improtheater ohne Zurufen rumeiert, ist fürs Stadttheater zwar ungewöhnlich, aber vielleicht wird's ja lustig: Tatsächlich bekommt Erzähler Meyer so betrachtet etwas dieternuhrig Conférencierhaftes, Martin Hohners Siegfried-Nummern erinnern fern an einen zur Testosteron-Groteske aufgepumpten Michael Mittermaier, aber bevor man Michael Wittes Hagen-Solo mit einem soziopathischen Mario Barth verglichen hat, helfen auch solche Spielchen nicht mehr, sich den Abend schön zu assoziieren.

Subversiver Widerstand

Von "kann man gucken", das kurz bei Laura Angelina Palacios' Brünhild-Solo aufblitzte, kippt das innere Echo aufs Bühnengeschehen bald von "muss nicht" bis zu "bloß nicht" – sobald klar ist, dass das Regieteam es offenbar ernst meint, die Nibelungen im Programmheft als etwas "sehr Pures" zu preisen, "nicht diese öde Klein-klein-Psychologie" des Zeitgenössischen. Die Reinheit des Instinkts, nicht durch moderne Sichtweise verdorben.

Nibelungenlied 1 560 MarcDoradzillo uHolzköpfe beim Abendessen: v.l.n.r. Lukas Hupfeld, Janna Horstmann, Martin Hohner, Tim Al-Windawe, Victor Caleroan © Marc Doradzillo

Die Schauspieler*innen haben viel Freiheit vom Regieteam bekommen, ihre Figuren zu entwickeln, werden sogar als Mitautor*innen genannt. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, wie das Ensemble auf die archaische Kriegs- und Liebestrunkenheit der Regie reagiert. Man ist versucht, zwei Typen auszumachen. Zum einen die subversiven Widerständler: Siegfried lässt die Virilität ins räuberhotzenplotzig Alberne explodieren, Hagen verekelt dem soziopathischen Killer vom Fötenschlachter zum Schädelficker jede Sympathie, und Palacios' Brünhild kämpft tapfer darum, dass auch eine Frau jenseits von Männerphantasie mal mitmachen darf – bis sie sich in Passivität zurückzieht. Das wäre dann auch mehr oder weniger die Rolle der übrigen, so eine Art Verweigerung, Spiel nach Vorschrift.

Im Keim erstickt

Im Programmheft thematisiert Dramaturg Rüdiger Bering, dass seine Vorstöße, auch die politischen Missbräuche des Heldenepos mitzubedenken, "freundlich aber bestimmt im Keim erstickt" wurden. Am Ende des Abends vermutet man, dass diese drastische Wortwahl nicht zufällig geschah. Vielleicht hat er gemerkt, dass diese Inszenierung den Weltempfänger für einen langen Abend in einen Volksempfänger verwandeln wollte. Zur Ehrenrettung möchte man den SchauspielerInnen den Eindruck ihres Spiels zwischen Renitenz und Zurückhaltung gern als Unbehagen mit dieser Gesamtwirkung auslegen.

Das Nibelungenlied
Gemeinsam adaptiert von Jernej Lorenci und dem Ensemble
Regie: Jernej Lorenci, Choreografie: Gregor Lustek, Bühne: Branko Hojnik, Kostüme: Belinda Radulovic, Musik: Branko Rožman, Licht: Michael Philipp, Dramaturgie: Matic Starina, Rüdiger Bering.
Mit: Tim Al-Windawe, Victor Calero, Martin Hohner, Janna Horstmann, Lukas Hupfeld, Holger Kunkel, Henry Meyer, Laura Angelina Palacios, Michael Witte.
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Kritikenrundschau

Eine lange Reihe von Soloauftritten der Schauspieler, an einer langen Festtafel, miteinander verbunden durch einen Erzähler, so kann man eine Erzählung natürlich auch auf die Bühne bringen, so Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (22.10.2018). "Eine radikale Dekonstruktion eines Heldenepos" sei zu erleben. Die Darsteller haben ihre Texte hauptsächlich selbst erarbeitet, alles "recht anschaulich und nicht ohne ironischen Witz erzählt". Fazit: "Es gibt sehr starke Szenen. Zu loben ist die kollektive Auseinandersetzung, das Ringen mit dem Stoff. Zu fragen ist allerdings, ob aus einer Anzahl einzelner Auftritte eine übergreifende Regieidee abzulesen ist. Es scheint nicht so zu sein."

 

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