Ein Tyrann namens Brecht

von Sascha Westphal

Chur, 24. Oktober 2018. Die Anweisung ist eindeutig. In dem Moment, in dem die Tür in den Theatersaal geöffnet wird, soll ich in die Reihe 6 zu Sitz 119 gehen. Der ganze Zuschauerraum ist leer. Aber es muss genau dieser eine Platz sein, von dem die Sicht auf die Bühne des Churer Theaters ideal ist. Wahrscheinlich sitzt während des Probenprozesses der Regisseur auf eben diesem Platz, der ihn alles sehen und damit gottgleich werden lässt. Doch für mich gibt es nichts zu sehen außer den leeren Reihen vor mir und dem schweren roten Samtvorhang, der die Bühne verdeckt. Was bleibt, ist der Zauber des Theaters und die Frage, was hier eigentlich gespielt wird. Schließlich erklingt eine männliche Stimme aus den Lautsprechern und erfüllt den Raum. Sie will wissen, was ich hier suche, und führt dann aus, dass Antigone längst weg sei.

Vom Akt zum Prozess

Das lässt sich nicht leugnen. Schließlich ist es etwas mehr als 70 Jahre her, dass Hans Curjel, der damalige Intendant in Chur, Bertolt Brecht und Helene Weigel in die Hauptstadt des Kantons Graubünden geholt hat. Hier haben Brecht und sein Bühnenbildner Caspar Neher im Januar/Februar 1948 dann das "Antigonemodell" entwickelt. Ein Versuch eines anderen Theaters, den Brecht in seinem Vorwort zum "Antigonemodell 1948" so beschrieben hat: "Der Schöpfungsakt ist ein kollektiver Schöpfungsprozess geworden, ein Kontinuum dialektischer Art, so daß die isolierte ursprüngliche Erfindung an Bedeutung verloren hat."

Antigone Comeback 560 c Heinz Holzmann uEine Zuschauerin mit VR-Brille © Heinz Holzmann  

In "Antigone :: Comeback", einer ihrer Eins-zu-Eins-Produktionen, in der sich ein Zuschauer auf einen Parcours begibt und dabei einzelnen Schauspielerinnen und Schauspielern begegnet, nehmen Raum+Zeit (Alexandra Althoff, Bernhard Mikeska und Lothar Kittstein) diesen "kollektiven Schöpfungsprozess" unter die Lupe. Sie imaginieren "eine Probe mit Weigel und Brecht", in der sich deutliche Parallelen zwischen dem Regisseur BB und dem Tyrannen Kreon offenbaren. Die Schauspielerin fungiert als Antigone des Theaters, die sich dem Gesetz der Regie nicht entziehen kann und wieder und wieder ihren Tod proben muss. Doch zunächst gilt es, den Gottesplatz in der sechsten Reihe zu verlassen. Der Weg führt durch den Saal auf die Bühne, hinter den Vorhang und dort in einen von Duri Bischoff erbauten Holzkubus. Ein einzelner Stuhl steht in dem engen, von einer nackten Glühbirne erhellten Raum. Hier bekomme ich die VR-Brille, die mich in eine andere Realität versetzt, nicht ins Jahr 1948, eher in eine Zwischenwelt, in der sich mit dem Raum und der Zeit auch die eigene Identität verflüssigt.

Ich ist eine andere

Aus der leeren Kammer wird durch den 360°-Film eine schmucklose Garderobe und aus mir ein Zwischenwesen. Blicke ich an mir herunter, sehe ich nun das Antigone-Kostüm. Ich ist eine andere. Die digitale Technik, die mich tatsächlich in Antigones Kleider, wenn nicht gar ihren Körper versetzt, gebiert den ultimativen Verfremdungseffekt. Als Helene Weigel erlebe ich, nachdem mich eine der Begleiterinnen an die Hand genommen und auf die Bühne geführt hat, im Film die Tyrannei Brechts, seine ständigen Vorwürfe und Maßregelungen, sein herrisches wie sein verführerisches Wesen. Peter Jecklin spielt ihn als wahres monstre sacré, als heiligen Unhold, der Ergebenheit fordert und Schrecken gebiert. Immer wieder kommt er einem viel zu nah in den Videobildern, die die Wirklichkeit usurpieren. Und doch weiß ich die ganze Zeit um die Virtualität der Situation. Eine grandiose Schizophrenie, die mich die Leiden der Schauspielerin erfahren lässt und mir zugleich einen Blick von Außen ermöglicht. Ganz im Sinne Brechts offenbaren sich die Strukturen der Theaterarbeit als ein ständiges Hin und Her von Gewaltherrschaft und Widerstand.

Antigone Comeback 560a c Heinz Holzmann uIn Spielgelstadien: Claudia Renner als Helene Weigel © Heinz Holzmann

Irgendwann geht es dann zurück in den Kubus, wo ich die Brille wieder abnehmen darf und einen veränderten Raum erlebe. Plötzlich stehe ich in der Garderobe aus dem Film und blicke der von Claudia Renner gespielten Helene Weigel direkt in die Augen. Doch wer ist diese Frau, die mich herausfordert und mit Brechts Worten bedrängt? Bin ich ihr Spiegelbild oder nur eine Imagination? Die Gewaltstrukturen des Theaters haben sich tief in die Schauspielerin eingeschrieben. Das eiserne Regiment Brechts wird zum Regime der Selbstdisziplinierung, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. Diese etwa acht Minuten Auge in Auge mit Claudia Renner entwickeln eine klaustrophobische Intensität. Von einem Wimpernschlag auf den anderen verändert sich ihre Haltung. In einem Moment ist sie das Geschöpf Brechts, im nächsten ringt sie um Eigenständigkeit. Ein Lächeln wird zum Akt des Widerstands, ein Blick zum Zeichen der Resignation. Die Nähe zwischen ihr und mir schafft Klarheit ebenso wie Verwirrung. Auch die reale Begegnung hat etwas Virtuelles.

Kein Körper, nirgends

Wer träumt wen? Auf den ersten Blick scheint diese Frage absurd. Ich sitze nun einmal in diesem Holzkasten und erlebe eine Theaterinszenierung. Trotzdem lässt sie sich nicht wegwischen. Die Arbeiten von Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff und Lothar Kittstein erschüttern die eigene Wahrnehmung nachhaltig. Ihre Installationen haben einen schon immer mit der Frage "Wer bin ich?" konfrontiert. Aber erst der Einsatz der VR-Brille und des 360°-Films eröffnet ihnen noch weitere Möglichkeiten der Verunsicherung. Nachdem Claudia Renner den Garderobenraum verlassen hat, kommt noch einmal die Brille zum Einsatz. Doch diesmal sehe ich beim Blick nach unten statt des Antigone-Kleids eine leere Stuhlfläche. In der virtuellen Welt bin ich mit einmal körperlos. Ich habe mich aufgelöst und mit mir verschwindet nach und nach auch der Raum um mich herum. Er wird abgebaut, und ich stehe inmitten einer Graubündner Berglandschaft. Antigone ist weg. Die Flucht scheint gelungen. Aber auch das ist nur eine Illusion. In Wahrheit sitze ich auf einem Stuhl auf der rechten Seitenbühne und sehe, nachdem ich die Brille abgenommen habe, wie andere Besucherinnen und Besucher das erleben, was ich gerade erlebt habe. Ich sehe mich in ihnen und blicke noch einmal anders auf die vergangenen 45 Minuten. Brecht wollte ein Theater, das die "gesellschaftliche Kausalität" aufdeckt. Genau das gelingt Mikeska, Althoff und Kittstein, indem sie die Kausalität des Theaters aufdecken.

 

Antigone :: Comeback (UA)
Eine Probe mit Weigel und Brecht
von Mikeska, Kittstein und Althoff (RAUM+ZEIT)
Idee / Konzeption: Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff, Lothar Kittstein (RAUM+ZEIT); Regie: Bernhard Mikeska; Dramaturgie: Alexandra Althoff; Text: Lothar Kittstein; Raum: Duri Bischoff; Kostüme: Eva Karobath; Bühne 360°-Film: Bert Neumann † / Barbara Steiner, Duri Bischoff; 360°-Videodesign: RAUM+ZEIT / Winnie Christiansen (tr_x) / Felix Patzte, Fabian Fischer (heimspiel); Sounddesign: Knut Jensen; Produktionsleitung: Lukas Piccolin; Begleitpersonen: Leoni Bandli, Maya Heusser-Günter, Angela Koch, Quirina Lechmann, Stéphanie Lobmaier, Lea Pasquale, Riccarda Sulser, Christa Willi; Produktion: Theater Chur, RAUM+ZEIT.
Mit: Claudia Renner, Peter Jecklin.
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.theaterchur.ch
www.raumundzeit.art
www.bb18.org

 

Kritikenrundschau

Immersion geglückt, so scheint es: Schockhaft wirkt die Begegnung des Zuschauers – in "Antigone :: Comeback" ein VR-bebrillter "Einzelgänger" – mit der Schauspielerin Claudia Renner für Maximilian Pahl von der Neuen Zürcher Zeitung (24.10.2018): "Die plastische Vereinzelung im Brillenpanorama bricht diese intime Nähe jäh und drastisch auf." Das von der Weigel-Figur in einer VR-Szene geschilderte "Gefühl, verloren zu sein und woanders hinzugehören", deckt sich Pahl zufolge "gelegentlich mit dem Empfinden des Einzelgängers" aka Besuchers. Tränen kullern später "allenfalls", als die Wände der virtuellen Weigel-Garderobe herunterklappen und der Zuschauer im Flussbett sitzt. Pahls Fazit: "Das Theater kann es also doch: diese Brillen einsetzen, ohne die szenische und schauspielerische Sorgfalt aufzugeben, mit der es sich doch gerade als idealer Lotse für diese tapsige Technik erweist."

Auch für Carsten Michels vom Bündner Tagblatt / Die Südostschweiz (24.10.2018) ist das Erlebnis des Eintauchens eindrücklich: "Unversehens verwandeln wir uns in Weigel selber, stehen freudeschlotternd auf der Bühne, proben mit Brecht-Jecklin direkt im damaligen Bühnenbild, von unserem Ehemann und Regisseur angeherrscht ('Träumst du? Du träumst doch!') oder umgarnt ('Zeig mir deine Trauer, Helli, mach schon, das kannst du')". Erwähnung findet die biographische Situation von Brecht und Weigel 1948: "Brecht brauchte einen Theatererfolg, um nach dem Exil als Dramatiker wieder Fuss zu fassen"; Weigel, die zehn theaterlose Jahre laut eigener Aussage der "Erhaltung der Familie auf Biegen und Brechen" gewidmet habe, "musste sich in der Titelrolle der Antigone gleich dreifach beweisen: ihrem Mann, den Schauspielkollegen und dem Publikum gegenüber". Im Verlauf des "ungewöhnlichen Theatererlebnisses" komme man "Renner-Weigel-Antigone" beeindruckend nahe, so Michels: "Zum berührendsten Moment wird das Selbstgespräch, das wir in der Garderobe führen, kurz bevor der Inspizient Antigone zu ihrem Einsatz ruft. Angesicht in Angesicht mit einem Menschen, der mit sich, mit dem Theater, mit der ganzen Welt hadert".

 

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