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Unterm Rad

von Henryk Goldberg

Jena, 25. Oktober 2018. Sie heißt Anna, Anna Schmidt. Und sie ist der Star des Abends. Anna ist 16 Jahre alt, sie hat ein verkürztes linkes Bein und sie versteht keine Ironie. Man sieht das und man hört es auch. Sie ist der Intro-Auftritt des Abends, der wiederum Intro einer Ära sein will. Und sie vor allen ist es, die das Versprechen des Titels einlöst. Denn "Jena macht es selbst" ist ein charmanter Schwindel. Wunderbaum macht es selbst.

Reproduktionstheater

Mit diesem Abend eröffnet die neue Leitung ihre erste Saison in Jena. Ohne – das ist wirklich neu für Jena – ihre Arbeit in Mailand und Rotterdam aufzugeben. Die Holländer werden drei ihrer sechs Mitglieder in Jena stationieren, die übrigen kommen bei Bedarf hinzu. Überdies wurden sechs weitere Schauspieler engagiert. Tradierte Texte sind, wenigstens in dieser Saison, nicht geplant. Ob das für eine kleine Stadt wie Jena funktioniert, wird man sehen, das Publikum für ein unorthodox ambitioniertes Theater gibt es am Ort.

Die Truppe steht für das, was man Partizipationstheater nennt, bislang allerdings ist das hier eher eine Art Reproduktionstheater. Bis März 2019 gibt es bis auf zwei, wohl kleinere, Produktionen Neu-Auflagen von Inszenierungen aus Rotterdam und Mailand. Auch "Jena macht es selbst" ist im Grunde eine schon fertige Arbeit, ein bewährtes Konzept auf die Stadt Jena angewendet.
Jena macht es selbst 24 560 Joachim Dette uShowtime an der Saale: Das neue Leitungsteam Wunderbaum bittet Bürger zum Mitspielen in "Jena macht es selbst" © Joachim Dette
Das ist ein "Hallo!" und ein "Hurra!" und ein "Jetzt geht's los!" Und drei Menschen mit sehr großen, sehr weißen Zähnen stellen mit Tamtaratam die Menschen auf der prall gefüllten Bühne vor: lauter Bürger, lauter Selbermacher, Christine zum Beispiel, die Vorleseoma, und Thomas, den Zahnarzt. Dann holen sich die drei Clowns zwei Leute aus dem Publikum. Wer hat einen festen Arbeitsvertrag? Sie nehmen Ines, die ist schön blond. Und wer ist eine Ich-AG oder so was? Nur einer meldet sich, er heißt Tom, sagt er, er ist Grafiker, sagt er, außerdem ist er Schwede, sagt er.

Alter Schwede, denkt der Beobachter etwas später. Denn dann wird Tom aufs Rad geflochten und noch später kann er Gitarre spielen und singen kann er auch. Und ganz später wird ein Gespräch mit ihm geführt, das hat der naseweise Beobachter schon vorab im Text gelesen, weshalb er auch wusste, dass Tom seinen Schlüssel verlieren wird. Diese beiden werden abwechselnd vor das große Glücksrad gestellt, das zeigt dann, was als nächstes gespielt wird. So steht der Abend gleichsam unterm Rad.

Was das Glücksrad will

Nicht wirklich. Denn spätestens wenn das Rad bei "Anybody here" stille steht, was Ines nicht aussprechen kann, folgt ein Text, der so lang und so zentral ist, dass er nicht auf einen Glückstreffer angewiesen sein kann. Nichts als Fragen. Manche ernsthaft, manche haben Witz: "Gibt es hier Leute, die ein Jahr im Voraus dasselbe Ferienhaus buchen und finden, dass das Motto 'Living on the edge' auf sie zutrifft?"

Jena macht es selbst 12 560 Joachim Dette uDramaturgie nach Glücksprinzip: Matijs Jansen dreht am Rad © Joachim Dette

Ein anderes Feld des Glücksrades verheißt ein "Safety Net", und dann spannen sie besagtes Sicherheitsnetz und ein Hochseil, und ein Mädchen in Gold macht Anstalten von der Beleuchterbrücke aus darauf zu gehen. Aber das Netz hat Löcher und wird eingerollt, und wir Zuschauer sollen entscheiden, ob das Mädchen es ohne Netz wagen soll. Das ist lustig, schürft aber nicht wirklich tief an der Überlegung, ob wir unser Vergnügen für höherwertig erachten als ihr Risiko.

Als das Rad bei "I can't" stoppt, kommt Anna wieder, es ist ihr dritter Auftritt an diesem Abend. "Ich erzähle Ihnen jetzt mal, was ich alles nicht kann." Es ist atemberaubend, wenn dieses wirkliche Mädchen, das im Schultheater keine Rolle bekam, weil es sich nicht blamieren sollte, zu erzählen beginnt. Was sie nicht kann: nicht mit dem Körper, nicht mit dem Kopf.

Und sonst?

Sonst kommt noch eine echte, der Beobachter unterstellt das jetzt, Ernährungswissenschaftlerin, die den ersten Unverpacktladen in Jena betreibt. Ihr Glücksfeld war "Do it!". Und ihr Auftritt erklärt womöglich, warum sonst so wenige Bürger Solos kriegen, warum die fünfzehn Jenaer vor allem die Chorus Line machen: Mehr Darbietungen dieser Art würden den Abend beerdigen. Nicht, weil sie keine Schauspielerin ist – Rimini Protokoll hat gezeigt wie so etwas geht –, sondern weil Wunderbaum für die Selbstdarstellung der Bürger keinen Rahmen haben, der sie einbindet in eine Erzählung. Und deshalb müssen sie Anna Schmidt sehr dankbar sein, sonst wäre das alles nur ein fröhlicher Jokus.

Fun, Fakes und Folk sozusagen, mit Witz und Drive und Handwerk. Für eine erste zirzensische Demonstration sozialer Ambitionen darf man das wohl gelungen nennen, das Publikum hatte seine Freude. Für die Zukunft wird es nicht angehen ohne etwas mehr Substanz.

 

Jena macht es selbst
von Wunderbaum
Von und mit: Walter Bart, Matijs Jansen, Marleen Scholten und Selbstmacher*innen aus Jena, Live-Musik: Jens Bouttery, Bühne und Licht: Maarten van Otterdijk, Dramaturgie: Tobias Kokkelmanns, Luc de Groen, Expertenhaus: Kerstin Lenhart.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

"Das großartige Stück macht Spaß, Mut und wirklich Sinn", so Wolfgang Schilling vom MDR (16.10.2018), der ‚Jena macht es selbst’ zu den Abenden zählt, die man nicht so schnell vergesse. "Weil das Theater hier alles richtig macht in Sachen: Dran sein an der Wirklichkeit, den Problemen der Zeit, dran sein am Publikum, weil man künstlerisch etwas zu bieten, die Augenhöhe zu seinem Publikum sucht. Auf eine emotionale, empathische und einfach symphatische Art. Das ist Theater, das gleichermaßen auf Kopf, Herz und Bauch zielt."

Nach dem Aufakt ist sich Ulrike Merkel von der Ostthüringer Zeitung (27.102018) sicher: Mit Wunderbaum als Leitung wird es ein anderes Programm geben. "Es wird humorvoll, chaotisch, energiegeladen, musikalisch, berührend, euphorisch, ein bisschen politisch und zuweilen recht laut." Neben all dem unterhaltsam-anarchistischen Spektakel gehe es der Gruppe auch darum, gesellschaftliche Denkanstöße zu geben. Wunderbaum feiere die Partizipationsgesellschaft.