Es ist Pop

von Petra Kohse 

Berlin, 9. Mai 2007. Es ist kraftvoll und konzentriert, es ist aufeinander eingespielt, hat Weltschmerz- und Wesentlichkeitsappeal und nimmt sich und seine Mittel vollkommen ernst. Es ist das Theater des Tilmann Köhler.

Vielmehr: des Tilmann Köhler-Ensembles aus Weimar. Ein Theater von Leuten, die gekommen sind, um sich zu beschweren, um es mit Tocotronic zu sagen, deren Songs in "Krankheit der Jugend" von Ferdinand Bruckner auch live gespielt werden, und zwar ziemlich gut.

Wenn sich die sieben Schauspieler und Schauspielerinnen aus der rechteckigen Bühnenvertiefung nach oben schwingen, und auf alle vier Seiten verteilt, ganz dicht am Publikum, mit E-Gitarre, Schlagzeug, Geige und Gesang "Alles, was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben" intonieren, dann ist das absolut stimmig und niemand kann etwas dagegen haben. Und daher weiß man: Das Theater des Tilmann Köhler ist Pop. Sauberer, etwas übertüftelter, trotzdem lässiger und absolut mit sich identischer Sinnsucher-Pop.

Kein Hauch von Kommentar
Damit passt "Krankheit der Jugend", eine Produktion, die zum Theatertreffen eingeladen wurde und gestern in den Berliner Sophiensälen Premiere hatte, gut in die Lücke, die zwischen der Diskursmaschine volksbühnischer Prägung und dem Edelboulevard à la Matthias Hartmann, zwischen vorwurfsvollem Schaubühnenrealismus und Peter Steinschem Radikalhistorismus klafft. Wobei die Nähe zur Schaubühne ästhetisch am größten ist. Durch keinen Hauch eines kommentierenden Gedankens sind die Schauspieler von ihren Figuren getrennt. Es ist dies postironisches Schauspieler-Teamtheater.

"Krankheit der Jugend" ist ein expressionistisches Stück. Bruckner, der mit bürgerlichem Namen Theodor Tagger hieß, schrieb es 1924 im Alter von 33 Jahren. Es spielt im Milieu von Medizinstudenten und spiegelt deren verzweifelte und vergebliche Suche nach sozialer Verankerung in einer (Nachkriegs-)Gesellschaft, die kein verbindliches Wertesystem zu bieten hat. Woraus sich nicht automatisch Zeitstückaktualität ergibt. Denn trotz ihres individuellen Scheiterns, reproduzieren diese jungen Leute handfeste Vorstellungen von Jugend und Erwachsensein. Woran sie, unter Aufwallungen verschiedenster Art, zugrunde gehen, ist das Fehlen eines emotionalen Halts. Die Väter sind wahrscheinlich größtenteils gefallen und die wilhelminisch erzogenen Mütter nicht gerüstet, ihren Nachwuchs in einer Welt von Möglichkeiten die Richtung zu weisen. Heute ist es eher der Mangel an Möglichkeiten, der zu biografischer Fortschrittsverweigerung führt. Diese Differenz aber wird nicht mitgespielt. Tilmann Köhler-Theater ist anti-illusionistisches Einfühlungstheater.

Schnüffeln, kriechen, lauschen
Die rechteckige Bühnenvertiefung stammt von Karoly Risz. Die Zuschauer sitzen drum herum wie um ein wasserloses Schwimmbecken. Oder einen versenkten Seziersaal. Eve Kolb liegt zu Beginn in Unterwäsche auf einem Metalltisch, Augen auf, der Blick starr. Da kommen die anderen, schnüffeln an ihr herum, kriechen über sie hinweg, halten immer wieder inne und lauschen in den Raum, ob Gefahr droht, dann teilen sie sich den Platz am Fleisch. Keine Raubtiere. Aasfresser.

Tatsächlich ist Eve Kolb in der Rolle der Marie eine Art Opfertier. Erst von Petrell (Thomas Braungardt) verlassen wegen Irene (Ina Piontek), dann von Desiree (Antje Trautmann) aus Überdruss vernachlässigt und schließlich durch deren Selbstmord verstört. "Ermorde mich", bedrängt sie am Ende Freder (Matthias Reichwald), sie, die zu Beginn die heitere Ruhe selbst war – bis ihr in mehreren Schichten klar gemacht wurde, dass sie in ihrer Libido bislang nur Elternmuster kopierte. Das "Ermorde mich!" am Ende ist das Erwachen einer eigenen, zweckfreien Lust, für die sie sich sogleich mit dem Tode bestrafen will.

Eve Kolb spielt das, in Latzhose und Turnschuhen, mit burschikoser Innerlichkeit. Ina Piontek ist ganz die ehrgeizige Zicke, Antje Trautmann die Sinnlich-Elegische, Braungardt ein Söhnchen, Reichwald der Brutalprotz, der seine emotionale Kindlichkeit mit sadistischen Psychospielen tarnt und Paul Enke als Hausfreund Alt ein ruhig ausgleichender Beobachter. What you see is what you get. Manchmal ist es wie Aufsagetheater, dann wieder powern sie los – aufeinander, umeinander, gegen die Wand.

Ein Erlebnis ist Julischka Eichel. In aller betörenden Blondheit spielt sie das über seine Verhältnisse liebende und als Prostituierte endende Dienstmädchen so herrlich und himmelsstürmend ungelenk, so exaltiert entgleisend in bibbernder Erwartung, dass man sich auch eine ganz andere Inszenierung hätte vorstellen können. Eine Groteske, aus echten Gefühlen gespeist. Eine Infragestellung, die trotzdem nichts Unverbindliches hat. Schmal und irgendwie hastig erschien der 27-jährige Regisseur zum Applaus auf der Bühne und ließ sich hinter seinen tief ins Gesicht fallenden Ponyfransen nicht in die Augen sehen.

 

Krankheit der Jugend
von Ferdinand Bruckner
Inszenierung: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz.
Mit: Thomas Braungardt, Julischka Eichel, Ina Piontek, Antje Trautmann, Matthias Reichwald, Eve Kolb, u.a.

www.nationaltheater-weimar.de
www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen

 
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