Tussi wacht auf

von Kornelius Friz

Naumburg, 26. Oktober 2018. Naumburg spielt jetzt auf der ganz großen Bühne mit: Am vergangenen Sonntag wurde der Naumburger Dom offiziell als Weltkulturerbe in die Liste der UNESCO aufgenommen. Anders als in dem im September 2017 uraufgeführten Historiendrama "Ich, Uta" ist die Protagonistin auf der Bühne des Theaters Naumburg heute jedoch nicht die berühmte Stifterfigur Uta aus dem Dom, sondern Henrik Ibsens Nora.

Nora, erschaffen 1879 und häufig als erste Feministin der neuzeitlichen Dramengeschichte gefeiert, kommt in Naumburg zunächst recht dümmlich daher. Passend zum Spielzeitmotto "Geld, Geld, Geld" giert sie auf nichts anderes als die Hunderter, die ihr Ehemann Torvald (Markus Sulzbacher) ihr zusteckt. Dass das rote Spitzenkleid dabei hochrutscht und nackte Haut offenbart, ist kein Zufall, sondern Kalkül. Wobei, lange bleibt unklar, wie viel Kalkulation dieser Nora tatsächlich zuzutrauen ist. Maribel Dente spielt sie nicht nur kapriziös und kindlich, wie Ibsen sie zeichnete, sondern geradezu damisch und im wahrsten Sinne puppenhaft.

Nora3 560 TorstenBiel uNora (Maribel Dente) im behaglichen Eigenheim mit Doktor Rank (Marius Marx) © Torsten Biel

Auch die Bühne der Inszenierung des Naumburger Intendanten Stefan Neugebauer sieht aus wie eine einzige Puppenstube. Wie bei einer Modenschau sitzt das Publikum auf beiden Seiten eines Laufstegs, der bis zur Wand hoch mit einem altrosa Flauscheteppich ausgelegt ist. "Wie behaglich wir es hier haben", sagen sich Nora und Torvald Helmer immer wieder, bis auch der letzte Zuschauer misstrauisch geworden ist. Bei Helmers ist nämlich trotz der neuen finanziellen Sicherheit dank Torvalds Berufung zum Bankdirektor längst nicht alles so behaglich wie es scheint. Davon zeugt auch der Ramsch unter dem flauschigen Laufsteg. Dort liegen alte Koffer und Stühle, Lampenschirme und Transistorradios, die vergebens darauf warten, von unter dem Teppich auf die Bühne geholt zu werden.

Tanzen statt Murmeln

Als das Ende ihrer Ehe naht, bekommt Nora eine weiße Bluse und zerrissene Jeans über Netzstrumpfhose verpasst. So sieht sie dann wohl aus, die Emanzipation: Das frivole Kleidchen der fröhlichen "Singlerche" wird abgelegt, denn in Hosen ist besser Widerstand zu leisten gegen die Männerherrschaft; zumindest solange darunter noch wie in der Magnum-Werbung eine raubtierhafte Sexyness durchblitzt. Abgesehen vom Kostüm ist die Wandlung der Naumburger Nora aber tatsächlich beeindruckend. "Es war gerade alles so schön hier, so schön unausgesprochen", murmelte sie noch vor der Pause, dann bietet sie dem verdutzten Torvald in einem wilden Tanzsolo Paroli, um später willensstark und selbstbestimmt auf alle vermeintlichen Pflichten zu pfeifen (Moral, Religion und Familie) und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Nora1 560 TorstenBiel uAlles für Heim und Herd: Pia Koch und Adrien Papritz © Torsten Biel

Ein wunderbares Gegenbild hierzu gibt Pia Koch als Christine Linde ab, die verstockte Freundin des Hauses Helmer, die Noras Schuldenmisere mit ihrer Bitte um Anstellung in Torvalds Bank erst virulent macht. In dem windigen Anwalt Nils Krogstad (Adrien Papritz) und dessen Kindern sucht jene, wovor Nora flieht: ein sicheres Nest und Menschen, für die sie sorgen, für die sie leben kann. Denn: "Man muss leben", stellt Linde im Gespräch mit dem lebensmüden Doktor Rank (Marius Marx) fest, der vor dem Tode nur noch auf einen Lichtblick hofft: Noras Zuneigung. Spätestens hier beginnt deren unbedarfte Art zugunsten eines eigenen Charakters zu schwinden.

Kraft des Wandels

Was anfangs nervtötend schien, erweist sich als gekonnter Regiekniff: Erst indem die Zuschauenden eine Nora vorgeführt bekommen, die von ihrem Vater und ihrem Mann, den patriarchalen Strippenziehern ihres Lebens, zur Abhängigkeit erzogen, ja geradezu zur Barbie materialisiert wurde, wird die Kraft deutlich, die im Wandel ihrer Figur steckt – bis heute. Wie Galatea, die Statue des griechischen Königs Pygmalion, wird Nora wach, wird lebendig. Sie sieht erstmalig klar und mit eigenen Augen, nachdem ihre Männer (Helmer, Ibsen, Neugebauer) sie erschaffen hatten, wie es ihren Vorlieben entsprach.

Am Ende verlässt Nora ihre Familie, sie knallt die Tür und lässt sich auch von Torvalds Schreien nicht aufhalten. Undankbar ist es, diejenige zu sein, die den Mut findet zu gehen: Der erste Applaus gilt dann allein Markus Sulzbacher, der zurückbleibt als einsamer Patriarch.

Nora oder ein Puppenheim
von Henrik Ibsen
Regie: Stefan Neugebauer, Ausstattung: Rainer Holzapfel, Assistenz: Pia Merkel.
Mit: Maribel Dente, Pia Koch, Marius Marx, Adrien Papritz, Markus Sulzbacher.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, eine Pause

www.theater-naumburg.de

 

Kritikenrundschau

"Dass 'Nora oder Ein Puppenheim' vom Publikum begeistert aufgenommen wurde, hat drei Gründe: die gelungene Balance der Inszenierung, die überzeugenden schauspielerischen Leistungen und die behutsame Modernisierung des Stoffes", schreibt Albrecht Günther im Naumburger Tageblatt (29.10.2018). Die Inszenierung bleibe im Text nah an Ibsen, entschlacke ihn jedoch, verschlanke ihn und spitze ihn damit zu. "Die Handlung lässt sich somit gut ins Heute übertragen, ohne dass die Inszenierung dies mit überzogenen 'Schickimicki'-Effekten zu erzwingen versucht. Sie ist flott, wird aber der tieferen Dimension dieses Stoffes stets gerecht."

 
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