Immer geraden Fußes auftreten!

von Dorothea Marcus

Köln, 1. November 2018. Es ist ein Wiedersehen, man kennt es, aber wie seltsam, es ist nicht Berlin. Eine wunderschöne, nebelumdampfte russische Datscha hat Aleksandar Denić ins Kölner Depot I gebaut, grün angelaufen sind die pittoresken Zierfriese, innen erahnt man: Samoware, Silberbecher, Mustersofas. Daneben – in Ermangelung einer Drehbühne – steht eine Trinkhalle mit Billardtisch, es blinkt russische Pepsi-Werbung, davor steht auf kyrillischen Buchstaben "Autobus", dazwischen ein Lada mit Boot darauf – und natürlich eine riesige Leinwand, auf der die Bühnenteile zu Filmlandschaften zusammenlaufen.

Mit kaputter Familie und kaputter Stimme

Ausgerechnet in Köln, als Stadt doch eher eine Antithese zu Russland, hat sich der zum reisenden Regisseur gewordene Frank Castorf seinen letzten Dostojewski-Roman "Ein grüner Junge" vorgenommen und einen betont russischen Abend draus gemacht – das Russland, von dem Dostojewski glaubte, es gehöre zu Europa, aber müsse zunächst einmal seine eigene Freiheit erleben. 800 Seiten lang ist die verwirrende Geschichte des gedemütigten jungen Manns Arkadij Dolgorukij. Unehelich geboren, will er so reich wie Rothschild werden und erzählt in Ich-Form davon, wie er lebenslang seinem zwielichtigen Vater hinterherjagt – während sich Dostojewski offenbar einen Meta-Spaß daraus macht, über das betont naive Schreiben seines Ich-Erzählers zu reflektieren.

GruenerJunge 1 560 ThomasAurin u Schauspiel mit Druckstellen: Nikolay Sidorenko und Sophia Burtscher im Bühnenbild von Aleksandar Denić © Thomas Aurin

In Köln wird Arkadij vom in Moskau geborenen Ensemblemitglied Nikolay Sidorenko gespielt, in grünem Anzug, fantastisch schwankend zwischen Entschlossenheit und Einsamkeit, Sehnsucht und Selbstbetrug, großartig passt sein charmanter, leicht schleppender russischer Akzent dazu. Als sein älteres Ich manifestiert sich immer wieder Bruno Cathomas, Ex-Volksbühnen-Spieler der ersten Stunde, Fachmann für die Darstellung greinender, liebeshungriger Kinder. An diesem Abend ist er aber zugleich der alte, kranke Mann Europa und verkörpert, wenn er sich Weinstein-Bademantel und Greisenmaske angezogen hat, eine sieche Gesellschaft, in der alle Beziehungen durchökonomisiert und zerfallen sind.

Und natürlich symbolisiert Cathomas auch den notgeilen weißen Mittelstandsmann, der keine Frau mehr abkriegt, während er über ihre "Suche nach Unterordnung" schwadroniert und die fünf Darstellerinnen in Spaghetti-Trägern, Bikinis, roten Overknee-Stiefeln und Fransen-Stolen über die Bühne rasen. Natürlich sehen sie dabei extrem gut aus – gezeichnet mit jenem verliebten und zugleich abschätzigen Castorf'schen Männerblick. Zum Siechtum passt sogar, dass Cathomas am Premierenabend stimmlich schwer angeschlagen ist, was er permanent betont – bis hin zum dramatisch gemimten Herzinfarkt. Der ihn dann aber auch nicht hindert, Sophia Burtscher tyrannisch krächzend zum Einsammeln der verstreuten Äpfel zu treiben: "Du produzierst hier doch Druckstellen!" – die Debatte um strukturell implantierte männliche Macht scheint Castorf inhaltlich zu beschäftigen – Burtscher schmettert ihm immerhin ein selbstbewusstes "Arschloch" entgegen.

Nie gesehene Energie

Und doch: Es ist schon erstaunlich, wie gut Castorf, der in Köln ganz ohne seine Stammschauspieler antritt, aus dem Ensemble eine nie gesehene fiebrige Energie und glamouröse Lässigkeit holt, auch wenn er sie zuweilen absurd weit in jene typische gebrüllte Entäußerung treibt, ihnen seine spezielle Spielweise stimmstrapazierend aufzudrücken scheint.

GruenerJunge 2 560 ThomasAurin uAlle niedergeschmettert und geplättet: im kraftvollen 6-Stunden-Theater von Frank Castorf am Schauspiel Köln © Thomas Aurin

Lustig sind auch immer wieder die szenischen Aussteiger, wenn Melanie Kretschmann als Mutter von Arkadij sich fragt, was wohl Wolfgang Höbel vom Spiegel dazu sagen würde, oder für sich als vierfache Mutter mehr Respekt einfordert ("Der Frank ist ja sogar sechsfacher Vater!"), während die Romanfigur doch eigentlich ihren Sohn verstoßen hat. Das wirkt manchmal aufgesetzt, aber oft kommt es da auch zu überraschend grandiosen Schauspielerszenen, projiziert aus der Datscha, die wie immer weitgehend blickdicht verschlossen ist: die Begegnung von Sohn und Vater etwa, am Ende derer Sidorenko sich schluchzend ins Kissen klammert und Peter Miklusz indifferent, genervt und blasiert Lippenbekenntnisse von sich gibt, überhaupt eine grandiose Dandy-Besetzung für einen egomanisch-zynischen verarmten Adeligen.

Oh Daddy!

Der gesellschaftliche Aufstieg wird Arkadij nicht möglich sein. In einer Zeit, in der Kapitalismus zum Religionsersatz geworden ist, bekommt er auch die Liebe nicht geschenkt, auch wenn er seinen erst einmal gesehenen Vater noch so hektisch auf dem Pferdekarren im Kreis fährt. Zum Schluss liegen sie sich zwar bei Fleetwood Macs "Oh Daddy" in den Armen, aber man ahnt, dass der windige Miklusz da etwas nicht ganz ernst meint. In einem grandiosen Monolog setzt Sidorenko an zum Lob des Geldes, das alle Ungleichheit ausmerzt und verordnet sich Sparstrategien: wochenlang nichts essen, immer geraden Fußes auf den Boden treten, wegen der Absätze. Geld ist Macht.

Die ersten drei Stunden vibrieren vor Energie und Witz, erzählen stringent von einem kleinen, vernachlässigten und traurigen Jungen und der Vergeblichkeit seines Aufstiegswillens, davon, dass man den Dünkel seiner Geburt immer mitschleppt. Nach der Pause, Arkadij ist in Petersburg, franst es dann aus, mäandert in einer Geschichte, der man nicht mehr folgen kann, bewegt sich Arkadij langatmig und verwirrend durch Roulette- und Revolutionskreise, ist fast ausschließlich Schauspiel auf Video zu sehen.

Der Rettungsanker im wilden Treiben: Tiphanie Raffier

Wenn nicht die Französin Tiphanie Raffier wäre, Gast in Köln, eigentlich selbst Regisseurin und Stammspielerin des französischen Regiestars Julien Gosselin, der Wegfall von Bezug, Sinn und rotem Faden wäre zeitraubend ärgerlich. Doch Raffier in ihrer eigenen Grazie, vom Kaliber irgendwo zwischen Valery Tscheplanowa und Kathi Angerer angesiedelt, spielt die Betrügerin Alphonse so hinreißend, lustig und würdevoll, zitiert Baudelaire, rudert mit Federhut auf dem Kopf das Boot in die Unterwelt, will schnell den Thalys aus Köln nach Paris nehmen und dann doch lieber bleiben und mitfühlend rauchen, während Miklasz ihr die Welt und seinen Menschenhass erklärt.

Was Castorf erzählen will, es ist nicht in Gänze zu erfassen. Ein düsterer Warnton ist zu hören: der Zerfall einer Gesellschaft, die ausschließlich auf kapitalistische Verwertungsstrategien setzt, ist unausweichlich. Wäre das doch schneller erzählt.

 

Ein grüner Junge
nach dem Roman von Fjodor Dostojewski
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Video: Andreas Deinert, Musik: William Minke, Licht: Rainer Casper, Dramaturgie: Julian Pörksen.
Mit: Sophia Burtscher, Bruno Cathomas, Melanie Kretschmann, Nicolas Lehni, Sean McDonagh, Peter Miklusz, Mathias Oster, Tiphaine Raffier, Nikolay Sidorenko, Sabine Waibel, Ines Marie Westernströer.
Dauer: 6 Stunden, eine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

Einen zu Selbstironie aufgelegten Castorf hat Patrick Bahners von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.11.2018) gesehen. In seiner Besprechung konzentriert er sich wesentlich auf die verzögert Kundgabe von Dolgurukijs "Idee". Erst nach drei Stunden trage Nikolay Sidorenko sie in einem sich zum "philosophischen Kolleg" auswachsenden Monolog vor. "Die Idee: Er will so reich werden wie die Rothschilds." Mit seiner Form beglaubige der Monolog dabei seinen Inhalt: "Die Idee der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist die aufgeschobene Gratifikation." In Sidorenkos unaufhörlichem Zappeln könne man "in der Energieansammlung, die für das Sparen nötig ist, selbst eine Form der Verausgabung erkennen". Miterlebend wie die Kölner Ensemblemitglieder "aus sich herausgehen und dabei immer mehr Kraft gewinnen", kommt Bahners eine eigene Idee: "Das will ich auch".

Von einem "grandiosen Bilderbogen, einer Reise in das Innere des 19-jährigen Arkadij Makarowitsch Dolgurukij und in die Welt des vorrevolutionären Zarenreichs Russland" berichtet Claus Clemens in der Rheinischen Post (3.11.2018). "Wer dieses Schauspiel gesehen hat, fragt sich, ob der Ich-Erzähler Arkadij in den drei Monaten, von denen er berichtet, auch nur annähernd so viel erlebt haben kann wie Castorfs Darsteller an einem einzigen langen Bühnenabend."

Das "hervorragende Ensemble, das dieses hohe Energie-Level so lange aufrechterhalten hat", werde von seinem Publikum "völlig zu Recht gefeiert", befindet Hans-Willi Hermans in der Kölnischen Rundschau (3.11.2018). Der Abend sei "eine Herausforderung, gar eine Zumutung", denn ohne Kenntnis der "labyrinthischen Handlungsstränge der Vorlage" sei man "zunächst ratlos", aber nach der ersten Stunde "verdichtet sich die lose Szenenfolge immer wieder zu großen Theater-Momenten".

"Eine großkotzige, großartige Zumutung" hat Christian Bos vom Kölner Stadt-Anzeiger (3./4.11.2018) erlebt. Von sechs Stunden "Adrenalinausschüttungen" kündet der Kritiker; "so fiebrig, so aufmerksamkeitszwingend, so außer Rand und Band" habe er noch keine(n) der Kölner Spieler*innen gesehen. Besonders die Leistung des Progagonisten Nikolay Sidorenko wird gewürdigt. "Ja, die Frauen sind wie stets bei Castorf hochsexualisiert bis zur Hysterie, die Männer von neurotischer Großspurigkeit. Das mag man für vorgestrig halten, aber immerhin, Geschlecht wird hier performt, ganz so wie Judith Butler das einst behauptet hat." Der "überlange Abend" lasse nach der Pause nach. "Doch wann hat in Köln zuletzt eine Inszenierung auf solchem Energieniveau begonnen?"

Ein "in jeder Hinsicht ein fürstliches Kölner Ereignis" hat Martin Krumbholz erlebt, wie er in der Süddeutschen Zeitung (6.11.2018) schreibt. Castorf unternehme gar nicht erst den Versuch, eine Schneise durch das dramaturgische Dickicht zu schlagen, nutze die Undurchdringlichkeit der Zusammenhänge als Stilmittel, um ebenso viel zu verbergen wie zu enthüllen. Schauspielerisch sei der sechsstündige Abend "grandios".

 

Kommentar schreiben