Lasst die Innensau raus!

von Jens Fischer

Hamburg, 3. November 2018. Bestes Schauspielerinnenfutter wird hier kredenzt, in aller köstlichen Unappetitlichkeit: Zum 60. Geburtstagsjahr des in der Silvesternacht 1993/94 verstorbenen Werner Schwab holt Viktor Bodo am Schauspielhaus Hamburg dessen mit Abstand am häufigsten aufgeführtes Stück als Präsent auf die Bühne: "Die Präsidentinnen" – das "Fäkaliendrama" von 1990.

Pfuhl der Sehnsüchte

Ausscheidungen finden Platz in der kleinsten Hütte. Ganz unten, in einem Souterrain-Loch leben die drei Protagonistinnen. Eine Naturalismus-Hölle hat Ildi Tihanyi ihnen gebaut. Bade, Schlaf-, Wohnzimmer und eine völlig versiffte Küche auf wenigen Quadratmetern. Wäsche hängt zum Trockenen, Putz und Farbe blättern, der Sessel erweist sich als Staubmonster. Trödel, Marien-Kitsch und Eingemachtes ist in Regale gezwängt. Darüber transportieren gluckernde Abflussrohe die Exkremente der Gesellschaft ab. Ganz dicht sind die Leitungen nicht also tröpfelt auch mal Urin in die Absteige des White-Trash-Trios. Es guckt die TV-Übertragung einer Messe des Papstes. Zwei der Frauen behaupten, ganz innig an Jesus zu glauben, während die Dritte im Bunde infernale eher Liebe und Sex anbetet.

Praesidentinnen 3 560 Thomas Aurin uWhite-Trash in der Krimskrams-Höhle: das Bühnenbild von Ildi Tihanyi am Deutschen Schauspielhaus Hamburg © Thomas Aurin

In hochdeutsche Diktion getrieben ist hier die kunstvoll derbe Gossen-Poesie des gebürtigen Grazers Werner Schwab. Allen Verdruckstheiten, Verklemmungen, dem rasenden Schweigen und Gequatsche zum Trotz wird der Blick freigelegt auf die "Innensau", wie es beim Autor heißt. Gemeint ist ein übel vermodertes Gemisch aus Glaube, Liebe, Hoffnung. Der Mensch – ein Pfuhl der Sehnsüchte. In Tiraden verschaffen sich die Figuren dramatisch Luft. So rechnete Schwab mit seiner kleinbürgerlichen Herkunft ab. Das Hamburger Darstellertrio aber will mehr als Theaterwitzmaterial kreieren und balanciert gekonnt an der Bruchlinie, wo satirische Überzeichnung den Figuren noch Würde belässt.

Kaffeegeiz und Inzest

Ute Hannig ist Erna. Groß, rank, verhärmt. Weit aufgerissene Fanatikerinnenaugen hinter trutschiger Brille. Die Haare sind schmierig und zum Dutt vertäut. Fleckige 1960er-Jahre-Ramschtextilien hängen an ihrem Körper. Neben Gott opfert Erna sich dem Geiz. Beim Kaffeekochen, erzählt sie, könne jeder prima sparen, wenn er statt Filter- einfach Klopapier nutze. Noch sparsamer: alte Zeitungen. Erna aber hat den Dreh richtig raus und spart sich gleich das Kaffeetrinken ganz. Auch ihren Sohn hat sie sich vom Leben abgespart. Der ist nun ein versoffener Menschenhasser und verweigert den Verkehr mit Frauen, also die "Enkerl"-Produktion. Gekonnt verrutschen Hannig immer wieder die Maskeraden der Gottesfürchtigen zu Heuchlergrimassen, wenn sie moralinsauer wie auf einer Kanzel losschwadroniert. Ihre beschwörenden Gesten haben dabei etwas ungemein Aggressives.

Bettina Stucky ist Greta. Üppig proportioniert, vulgär lebensdrall. Mit Dutt-Perücke auf dem Kopf wackelt sie den Pöter bei jeder Gelegenheit unterm Lederrock. Lüstern mäandert die Zunge durch ihre Gestik. Dringt ein Schlager oder eine Erinnerung an sündhafte Zeiten ins Bewusstsein, streichelt Greta ihre Brüste. Auch sie ist Mutter. Ihre Tochter wurde vom Vater missbraucht, was sie aber versteht, so hübsch wie sie und so nazi-macho-rücksichtslos wie er war. Hat dann einfach zugeschaut. Statt sich selbst kritisiert Greta lieber die Erna. "Wenn ich eine Hur bin, dann bist du eine zugenähte Klosterschwester." Aus Worten wird eine Zickenkeilerei. Malerisch fließt Blut über die Stirn und die Wangen röten sich mit Verbrennungen zweiten Grades. "Jetzt muss wieder eine Nächstenliebe aufgebaut werden", sagt Nesthäkchen Mariedl mit Rotz und Tränen in der Stimme.

Eine Heilige der Aborte

Lina Beckmann spielt Mariedl verhuscht mit Bubikopfperücke. Anfangs geradezu debil in ihrem religiösen Wahn. Gibt sich dann als Fachfrau gegen Verstopfungen zu erkennen. Auch ohne Handschuhe taucht sie in die menschliche Jauche und macht Abflüsse frei. Eine Heilige der Aborte, die den Schmutz der Gesellschaft auf sich genommen hat.
Praesidentinnen 1 560 Thomas Aurin uUnheilige Dreifaltigkeit: Bettina Stucky, Lina Beckmann und Ute Hannig spielen "Die Präsidentinnen" in Hamburg © Thomas Aurin
Aber nun ist Feierabend. Alle drei wollen ein bisschen lustig sein und ihr Leben märchenhaft zurechtfantasieren. Obwohl Erna das "Geschlechtliche" sonst brüsk ablehnt, formuliert sie nun genau das – will vom Fleischhauer Wottila berührt, ausgeführt und verführt werden. Greta fabuliert, wie der fesche Freddie in ihre Körperöffnungen hineinfingert. Bis Mariedl in ihrer Version der Geschichten die Kinder der beiden Streithennen auftreten und deren Lusträume als Lebenslügen zerstören lässt. Die Strafe folgt – mit traditionellem Metzgerhandwerk.

Kleine surreale Akzente setzt Bodo. Magnete kreiseln wie von Zauberhand geführt auf Kacheln, es entleert sich der geheimnisvoll von der Wand geneigte Küchenschrank und drohend schwenkt ein Toilettenabflussrohr übers Publikum, nachdem alle im Stück erwähnten Figuren quicklebendig ein Couplet vom Herrgott intoniert haben. Hübsche Einfälle, folgenlose Späße. Ansonsten wird virtuos vom Blatt gespielt, also der Text gefeiert, nicht entfesselt. Nirgendwo ist ein inhaltlicher Ansatz oder eine frische Perspektive erkennbar. Geradezu altmeisterlich kommt das Stück als Klassiker der Moderne daher. Fäkaliendrama als purer Genuss. Ein Missverständnis vom Allerfeinsten.

 

Die Präsidentinnen
von Werner Schwab
Regie: Viktor Bodo, Bühne: Ildi Tihanyi, Kostüme: Fruzsina Nagy, Musik: Klaus von Heydenaber, Video: Marek Luckow, Sounddesign: Gábor Keresztes, Licht: Andreas Juchheim, Dramaturgie: Sybille Meier, Anna Veress.
Mit: Lina Beckmann, Ute Hannig, Bettina Stucky.
Premiere am 3. November 2018
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.de


Kritikenrundschau

Im Hamburger Abendblatt (5.11.2018) preist Maike Schiller die "detailverliebte Ein-Zimmer-Geisterbahn" von Bühnenbildner Ildi Tihanyi, "in der es andauernd irgendwo raucht und rumpelt und aus den Rostrohren pieselt". Das "Drei-Frauen-Ensemble" habe "sichtlich Spaß daran, diese schrottige Herrlichkeit zu bespielen", die Schauspielerinnen seien überhaupt eine "spielwütige Idealbesetzung". Im Ganzen: "Splattertheater vom Feinsten".

Viktor Bodo zeige "Frauen, die zwar in der kompliziert verschrobenen Kunstsprache von Schwab sprechen, dabei jedoch Wahrheiten und Empfindungen offenbaren, die sehr menschlich sind", berichet Monika Nellissen in der Welt (5.11.2018). Bodo "gelingt dabei die Balance zwischen knalligem Volksstück, entfesseltem Klamauk und berührendem Seelendrama, die die drei ganz wunderbaren Schauspielerinnen in herrliche Schwingungen versetzt".

Es "ist ein Theaterabend wie ein Nachmittag auf RTL2, mit Sex, Scheißdreck und anderen Sauereien", berichtet Anton Rainer in der Süddeutschen Zeitung (7.11.2018). Die drei Schauspielerinnen "schwingen sechs Fäuste für ein Halleluja"; dass sie "dabei auch viele ernste Dinge sagen, dass das Schwabische Gerede vom 'Lebensschmutz' und der 'Einsamkeit am Abort' tiefe Wahrheiten birgt", falle in Viktor Bodos Inszenierung "unter den Tisch". Bodo habe Schwabs Stück "auf Jux gebürstet".

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