Augenräuber und Automatenschönheit

von Sarah Heppekausen

Oberhausen, 4. November 2018. Nathanael – er ist der "Geisterseher" bei E.T.A. Hoffmann, der sensible Lyriker, der "mystische Schwärmer", der in Blicken Geheimnisvolles und in Träumen entsetzlich Wahrhaftiges entdeckt. Bei Florian Fiedler ist er eine Puppe. Von der Statur her kleiner als alle Claras und Olimpias dieser Oberhausener Inszenierung, aber die blauen Augen bestechend groß. "Mit uns wird gespielt, ohne dass wir es merken", sagt diese Puppe Nathanael einmal, fantastisch geführt und gesprochen von den vier Darstellerinnen der Clara/Olimpia. Ja, es ist ein manipuliertes Spiel, das Fiedler inszeniert. Eine vervielfachte Verwirrung.

Puppe und Person, Wahn und Wirklichkeit

1817 erschien Hoffmanns romantische Roboter-Erzählung, das grausig-verstörende Märchen vom Studenten Nathanael, der Opfer dunkler Mächte wird, die ihn in den Wahnsinn und in den Selbstmord treiben. Sein Kindheitstrauma: Im ungeheuerlichen Coppelius/Coppula sieht er den augenraubenden Sandmann und den Mörder seines Vaters. Das Drama seiner Gegenwart: Er verliebt sich in die Automaten-Schönheit Olimpia. Er verguckt sich, das passt in diesem Fall wohl besser.

Sandmann 1 560 KatrinRibbe uZwischen Manga und Puppenspiel: Nathanael mit Ronja Oppelt, Elisabeth Hoppe und Lise Wolle
© Katrin Ribbe

In Oberhausen gibt es Olimpia – genauso wie Nathanaels Verlobte Clara – gleich viermal. Ayana Goldstein, Elisabeth Hoppe, Lise Wolle und Ronja Oppelt argumentieren, küssen, tanzen, betören mit geballter Kraft. Sie haben Nathanael im Griff, sie sind die Puppenspielerinnen. Das Spiel mit Puppe und Person, Wahn und Wirklichkeit, Rationalität und Geisterwelt ist Spezialgebiet des Schwarzromantikers E.T.A. Hoffmann. Ein dankbarer Fundus fürs Theater und höchstaktuell, wird Florian Fiedler sich gesagt haben: in Zeiten, in denen Siri zu uns spricht, wir lebensnahe Avatare durch virtuelle Welten leiten und Animationstechniker für die nahe Zukunft voraussagen, dass wir als Avatare auch nach dem Tod weiterleben können.

Knallige Comic-Explosionen

Also spielt Fiedler. Auf allen Ebenen. Er deutet Mehrdeutigkeiten der Figuren dank mehrerer Schauspielerinnen eben nicht bloß an, er mixt die Genres (Erzähltheater, Puppenspiel, chorische Passagen, Opern- und Tanzszenen), er formuliert (zusammen mit Dramaturgin Hannah Saar) Gruselgeschichten in Poe-Manier aus, legt Professor Spalanzani (Klaus Zwick) zeitgemäßere Theorieansätze in den Mund (z.B. von Vernor Vinge) oder lässt Nathanael und die Olimpias dichten ("Ach Pampelmuse / Ach Strampelhose / Ach Ampelrose / Ach Zampelfose").

Im Hintergrund der Bühne von Jens Burde werden Schwarz-Weiß-Zeichnungen animiert oder Schattenspiele projiziert, da ticken mechanische Uhren oder poppen knallige Comic-Explosionen auf. Nathanaels Vater führt seine alchimistischen Versuche auf hohen Kothurnen und mit wildwehenden Haaren durch. Dann dampft und pufft und blubbert und leuchtet es grellgrün im sonst so kaltweiß gehaltenen Bühnenraum.

Simulierte Welten

Fiedler ist ein leidenschaftlicher Spieler in seiner "Sandmann"-Inszenierung. Aber E.T.A. Hoffmann ist ein Getriebener, der sich in die Nachtseiten der Natur bohrt. Das Groteske ist bei ihm kein Spiel, sondern bedingte Erkenntnis. Die Oberhausener Inszenierung dagegen bleibt bei aller Spielfreude doch harmlos illustrierend, trotz direkter Anspielungen auf aktuelle Themen wie etwa künstliche Intelligenz leider wenig brisant.

Aber da ist noch Nathanael, die Puppe (von Dorothee Metz) plus ihre Spielerinnen. So naheliegend der Einsatz einer Figur bei einer Bühnenversion des "Sandmanns" grundsätzlich auch sein mag, so effektvoll ist er hier doch. Dazwischengeschaltetes Material auf der Bühne, Puppen oder Objekte setzen den Menschen ins Verhältnis. Es gibt Momente, da wirkt Nathanael lebendiger, echter als alle anderen Figuren. Mag das ein Plädoyer fürs Phantastische sein? Ja, vielleicht. Weil das Phantastische in dieser Inszenierung weniger als Wahnsinn, sondern vielmehr als Möglichkeitsraum zu deuten ist. Als ein Einlassen auf simulierte Welten. Als Spielraum eben.

 

Der Sandmann
von E.T.A. Hoffmann
Bühnenfassung von Florian Fiedler und Hannah Saar
Regie: Florian Fiedler, Puppen Co-Regie: Dorothee Metz, Bühne & Videoanimation: Jens Burde, Kostüm: Daniel Kroh, Puppenkonzeption: Dorothee Metz, Vanessa Valk, Puppenbau: Dorothee Metz, Markus Hahn, Musik: Martin Engelbach, Dramaturgie: Hannah Saar.
Mit: Ayana Goldstein, Elisabeth Hoppe, Lise Wolle, Ronja Oppelt, Klaus Zwick, Anna Polke.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

"Florian Fiedlers Inszenierung spielt meisterlich mit Horror-Zutaten", schreibt Ralph Wilms in der Westfälischen Rundschau (5.11.2018). Man bleibe gefangen in der Geschichte und ihren Doppel- bis Vierfachbödigkeiten. Das sei keine verquere Kunstanstrengung, "sondern fließt mit staunenswerter Eleganz – nicht nur in den Tanzszenen." Und der Rezensent sah "mit Hingabe ausgemalte Details" in dieser Hoffmann-Adaption.

 

 
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