Zwiegespräche über das vergehende Leben

von Simone Kaempf

Potsdam, 19. Juli 2008. Eine Frau, ein Wippstuhl und ihre Stimme, die vom Vergehen der Zeit erzählt. Davon, dass die Mutter in ihrem Stuhl wippte und wippte, bis sie schließlich starb. Während die Schauspielerin Hayley Carmichael spricht, fängt sie selbst sachte an zu schaukeln, als habe sie, die Tochter, soeben den Platz der Mutter eingenommen – eine kreislaufhafte Bewegung, die zugleich Stillstand, Zeitvertreib, Wiegenlied bedeuten kann.  

"Wipp sie weg. Wipp sie weg", lauten nicht umsonst die letzten, doppeldeutigen Sätze in Becketts Einakter "Rockaby", der wie eine reduzierte und auf den Kern gebrachte Version von Becketts berühmtestem Stück "Warten auf Godot" wirkt: Das Leben als Versuch, die Zeit rumzukriegen, bis sie einen schließlich wegwippt.

Balance von Leben und Tod 

Vier Beckettsche Kurz- und Bruchstücke hat Peter Brook schon vor zwei Jahren an seinem Pariser Théâtre des Bouffes du Nord inszeniert. Ein weiterer Einakter ist nun dazugekommen. Von den drei Schauspielern des Théâtre de Complicité, mit denen der Regisseur jetzt wieder zusammenarbeitet, gehört nur noch Marcello Magni zur Stammbesetzung. Herausgekommen ist bei diesem work-in-progress, der bei der Sommerbespielung der Potsdamer Schiffbauergasse gastierte, eine perfekt aufs Wesentliche reduzierte Aufführung – von Altmeister Brook stilsicher und formbewusst mit wenigen Requisiten möbliert, mit genauer Ausleuchtung versehen und auf einer quadratischen Spielfläche in Szene gesetzt. Alles ist wohl ausbalanciert, auch die Gefühle und das Verhältnis zwischen Leben und Tod.

Die fünf Szenen, die in sechzig Minuten gespielt sind, zeichnet eher Leichtigkeit als existenzielle Zerfurchtheit aus. Nur wenig autistische Versunkenheit auf der Bühne, mehr heitere Akzeptanz. Dennoch ganz Beckett. Und kein Grund für des Dramatikers Satz, den er mal auf einer Probe gesagt haben soll: "Jeder, der glaubt, dass es gut mit ihm ausgeht, ist ein Idiot."

Schwierige Koexistenz

Die Brooksche Dualität steckt ganz direkt in der Pantomime "Akt ohne Worte II", in der Marcello Magni und Kahlifa Natour abwechselnd von einem herabfahrenden Gottespfeil aus dem Schlaf gepickt werden. Der eine ist der fröhliche Optimist, der andere ein galliger Griesgram. Während der eine schläft, verbringt der andere den Tag, und man teilt sich friedlich den einen Anzug, den man hat. Ein funktionierende Symbiose unterschiedlicher Gemüter.

In "Bruchstücke I", ebenfalls von Magni und Natour gespielt, fällt diese Koexistenz schwerer. Ein Einbeiniger trifft einen Blinden und schlägt ihm vor, sich zusammenzutun, "zusammen leben, bis der Tod uns scheidet." Doch das Mitleid des einen über das Gebrechen des anderen schlägt schon bald um in Gewalt. Statt ihn zu führen, hebt der Einbeinige den Stock gegen den Blinden, später der Blinde gegen den Einbeinigen: Kain und Abel in wechselnden Rollen.

Hayley Carmichael spielt dagegen ihre Monologe allein auf der Bühne, lässt die Silben in schönster englischer Diktion auf der Zunge zergehen, eine einzige Sprachmusik, die in "Rockaby" und in "Weder noch" von ausweglosen Situationen erzählt. Aber auch sie ist weniger eine mit dem Schicksal hadernde Alte als eine, die ihm sehend entgegen geht.

Sprache ohne Worte

Der Verband an ihrem Fuß könnte von der Kostümbildnerin stammen, aber kommt doch aus einem Potsdamer Krankenhaus. Bei den Proben hatte sich die Schauspielerin verletzt. Erleichterung bei allen Beteiligten, dass das Gastspiel dann doch stattfand, soll es doch ein Vorgeschmack sein auf ein im nächsten Sommer stattfindenes Sommerfestival an der Potsdamer Schiffbauergasse, für das mit diesem Abend kräftig die Werbetrommel gerührt wurde. Das daraus resultierende Brimborium um Peter Brook, die Meldung, dass er – leibhaftig, Sensation – zwei Tage in Potsdam probieren werde, all das wirkte um etliches lautmalerischer als die Inszenierung selbst.

Peter Brook hat in seinen Inszenierungen immer wieder nach einer Sprache gesucht, die ohne viele Worte auskommt. Man erlebt auch in "Fragments" diese stummen Zwiegespräche, ein Ideal von Denken, Gefühl, Körper, Text auf der Bühne. Dieses Mal weniger ausgestellt als in früheren Arbeiten: leiser, wippend und unerwartet berührend.


Fragments
(Bruchstücke I, Rockaby, Akt ohne Worte II, Weder noch, Kommen und gehen)
von Samuel Beckett
Inszenierung & Bühne: Peter Brook in Zusammenarbeit mit Marie-Hélène Estienne.
Mit: Hayley Carmichael, Marcello Magni, Khalifa Natour.

www.hansottotheater.de
www.bouffesdunord.com

 

 
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