Rettung oder Ruin?

14. November 2018. In einem Offenen Brief wirft das Schauspielensemble am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin dessen Generalintendant Lars Tietje vor, das Theater zu schwächen: mit "Unterhaltungs- und Repräsentationstheater", zunehmenden Eingriffen in die künstlerische Spielplangestaltung und einer Reduzierung des Repertoirebetriebs zugunsten eines Semi-Stagione-Betriebs. Das Ensemble beobachtet eine sinkende Identifikation der Zuschauer sowie Mitarbeiter mit dem Haus  und befürchtet die sukzessive Abschaffung des Schauspiels und des "Stadttheaters als verwurzeltes Herz der Stadt".

Wo soll es hingehen?

Anlass für den Offenen Brief sind wohl die Nichtverlängerungen des Chordirektors Joseph Feigl und des Balletttänzers und Spartensprechers Dan Datcu.

Konkret fordert die Schauspielsparte Tietje in ihrem Offenen Brief auf, die Zusage für neun statt nur acht Schauspielproduktionen pro Spielzeit einzuhalten, die im Stellenplan verankerte 17. Schauspielstelle zu besetzen und keine weiteren Kürzungen vorzunehmen. Neben "Theaterliebe und Verantwortungsbewusstsein" mahnt das Ensemble auch einen zeitgemäßen Führungsstil sowie "eine "transparente, sachliche, aber vor allem verbindliche Kommunikation auf Augenhöhe" an.

Die Träger – mehrheitlich das Land Mecklenburg-Vorpommern, daneben der Landkreis Ludwigslust und, als kleinster Partner, die Stadt Parchim – werden aufgefordert, sich der Missstände am Theater anzunehmen und einen inhaltlich-künstlerischen Auftrag zu formulieren. Bis dato gebe es kein künstlerisches Gesamtkonzept fürs Haus.

Generalintendant Tietje bestätigt im Gespräch mit nachtkritik.de, die im Offenen Brief genannten Anliegen seien innerhalb des Hauses schon zuvor genannt worden. Er bestreitet, dass im Stellenplan eine 17. Schauspiel-Stelle verankert sei. Die beiden Nichtverlängerungen hätten ausschließlich künstlerische Gründe gehabt. Ihn erstaune die Vehemenz der Vorwürfe zu diesem Zeitpunkt, so Tietje. Diese begründet der Betriebsratsvorsitzende Andreas Fritsch gegenüber nachtkritik.de mit Tietjes Weigerung, die beiden Nichtverlängerungen zurückzunehmen.

Kulturfragen, alte Konflikte und Konsolidierungsfolgen

Nach den Gründen für das interne Zerwürfnis gefragt, nennt Generalintendant Tietje gegenüber nachtkritik.de "Kulturfragen" im Vergleich seines Führungsstils mit dem eher kaufmännisch statt künstlerisch ausgerichteten vorherigen Intendanten, Joachim Kümmritz, sowie das erneute Aufbrechen schon vor seiner Amtszeit existierender Konflikte. Mehrfach stand das Staatstheater vor der Insolvenz, auch eine Theaterfusion mit Parchim war lange Thema. Durch die jahrzehntelangen Einsparungen und den Investitionsstau am Mecklenburgischen Staatstheater sowie die von den Trägern geforderten Kürzungen – noch bis 2020 wird das Konsolidierungskonzept umgesetzt – gebe es einen hohen Druck, "alles umzukrempeln". Aber nicht alles könne das eher kleine Leitungsteam gleichzeitig abarbeiten.

Tietje äußert großen Respekt vor den Leistungen und der Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter*innen, man spüre "den Geist und die Tradition im Haus". Seiner Meinung nach seien die Ängste der Belegschaft größer als sie sein müssten – es gebe mit dem "Theaterpakt" aus dem Juni dieses Jahres die Zusage des Landes für die nächsten zehn Jahre, alle Mehrspartenhäuser des Landes zu erhalten.

Neue Dringlichkeit für dauernde Dispute

Mit der Auseinandersetzung am Staatstheater beschäftigt sich auch die Schweriner Stadtvertretung. Den Oberbürgermeister forderten die Fraktionen in einem Dringlichkeitsantrag auf, angesichts der offenbar hochproblematischen Stimmungslage am Theater "unverzüglich das Gespräch allen (sic!) Beteiligten, u.a. mit dem Betriebsrat und der Intendanz, zu suchen und auf eine Lösung des Konflikts hinzuwirken". Der Antrag vom 12. November liegt nachtkritik.de vor.

Der Konflikt zwischen dem Generalintendanten und der Belegschaft schwärt schon länger. Im Januar war eine Dienstanweisung des Intendanten öffentlich geworden, in der er seinen Mitarbeiter*innen untersagte, beim jährlichen Theaterball in öffentlicher Rolle innerhalb des künstlerischen Konzepts ihre private Meinung zu äußern. Befürchtet wurde offenbar neuerliche Kritik durch Schauspieler*innen an einem Hauptsponsor des Theaterballs, dem Konzern Nestlé. Im jetzigen Offenen Brief erwähnt das Schauspielensemble, dass vom "notwendigen und postulierten Neuanfang" nach der sogenannten "Maulkorbaffäre" im Januar nichts zu spüren sei.

(SVP / NDR / eph)

 
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