Die Guten sind überall

von Esther Slevogt

14. November 2018. Eigentlich ist das ja eine gute Nachricht: 140 Kultureinrichtungen haben allein in Berlin die "Erklärung der Vielen" unterschrieben. Auch in Hamburg, Dresden und Düsseldorf haben unterschiedlichste Kultureinrichtungen sich dieser Kampagne angeschlossen: von großen Leuchtturmhäusern wie Staatstheater und Museen bis hin zu kleinsten Kulturvereinen, Galerien und Stadtteilinitiativen. Das Redaktionsmailpostfach quillt über mit Erklärungen und Statements, seit am symbolträchtigen 9. November die Kampagne der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

kolumne 2p slevogtDieser Zusammenschluss ist nicht nur überfällige Symbolpolitik einer immer massiver auftretenden Rechten gegenüber, die seit langem schon der Kultur(politik) Themen und Diskurse zu diktieren versucht. Die versucht, den offenen gesellschaftlichen Debattenraum Kultur für identitäre, rassistische und völkische Ideologien zu instrumentalisieren und in diesem Kontext eben noch gefeierte gesellschaftliche Errungenschaften wie Diversität, Gleichberechtigung und Toleranz unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Glaubenssätzen gegenüber wieder abschaffen will.

Wie wichtig es ist, gegen diesen rechtspopulistischen Temperaturwechsel nicht mehr nur mit Sonntagsreden, sondern auch mit physischer Präsenz anzutreten, hatte schon am 13. Oktober 2018  die Großkundgebung #unteilbar in Berlin gezeigt, wo sich fast 250.000 Menschen auf den Straßen zur offenen Gesellschaft und den Werten der Aufklärung bekannten, sich gegen Rassismus und Diskriminierung von Minderheiten positionierten. Mitinitiiert wurde die Kundgebung vom Fonds Darstellende Künste, dessen Geschäftsführer Holger Bergmann auch dem Verein "Die Vielen" vorsteht.

Synergie-Effekte gegen Angriffe von rechts

Auch hinter den goldenen Glitzerfahnen und Flitter-Abzeichen der "Vielen" versammeln sich nun nicht einfach nur höfliche Kulturschaffende, die ein bisschen Wind machen wollen, sondern es geht neben dem Zeichensetzen um ganz konkrete Verteidigungsfragen. Das machte bei der Pressekonferenz am 9. November in Berlin insbesondere Berndt Schmidt deutlich. Schmidt ist Intendant des Berliner Friedrichstadtpalasts, einer Institution, in deren großem und international besetzten Tanzensemble Internationalität und Diversität schlicht gelebter Arbeitsalltag sind: "Wer einen von uns herausgreift oder angreift, hat von heute am 140 an der Backe", sagte er mit Blick auf das von ihm geleitete Haus in seinem Statement.

Schmidt weiß, wovon er spricht. Seit er sich im vergangenen Jahr öffentlich gegen die AfD positionierte, bekam er Morddrohungen und Hassmails. Nach einer Bombendrohung musste im Oktober 2017 eine Vorstellung mit 1700 Zuschauern geräumt werden. Vor allem, so Schmidt weiter, stehe der Angreifer ab sofort dem gebündelten Wissen von 140 Einrichtungen gegenüber. "Wir können zum Beispiel unsere Erkenntnisse über Verhaltensmuster und Vorgehensweisen von Rechtsextremen untereinander teilen. Wir können uns Anwälte empfehlen. Wir können uns gegenseitig in akuten Krisensituationen durch Manpower und Wissenstransfer unterstützen. Rechtsextreme und die Feinde der Kunstfreiheit haben ab heute ein mächtiges und immer klüger werdendes Netzwerk sich gegenüber." Gut so!

Falk Richters bürgerliche Held*innen auf Aktionskurs?

Trotzdem wurden die Bilder der Pressekonferenz in der vergangenen Woche vor meinem inneren Auge plötzlich von Bildern aus Falk Richters Inszenierung "Fear" überblendet, die im Oktober 2015 in der Berliner Schaubühne herauskam: Freundliche und irgendwie auch unbedarfte Metropolenbewohner*innen sahen darin mit großer Verwunderung und wachsender Unlust an den lästigen Verhältnissen ihr saturiertes Leben in den von ihnen bewohnten sexuell befreiten Ökooasen plötzlich von Zombies der Rechten bedroht, die unverhofft aus den Gräbern der Vergangenheit wieder aufzusteigen schienen. 

An der Schaubühne arbeitete damals auch noch der Dramaturg Bernd Stegemann, der in seinem Buch "Das Gespenst des Populismus" genau jene globalisierten Eliten und Verfechter der offenen Gesellschaft verantwortlich machte für das Erstarken der Rechtspopulisten, die nun bei Falk Richter immer aggressiver und lauter gegen die Verhältnisse anzuschreien begannen. Für Stegemann sind nämlich ihre Interessen auf unselige Weise kongruent mit den Interessen des Neoliberalismus, weshalb sie mit Schuld am Aufstieg der Rechten seien. Inzwischen ist Stegemann der Spindoktor der Bewegung #Aufstehen der Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht, die u.a. an der Restaurierung des Klassenbegriffs als politischem Kampfbegriff arbeitet. Als wäre der komplexen Welt mit dieser aus dem 19. Jahrhundert stammenden Kategorie noch beizukommen.

Zersplitterungs-Bewegungen?

"We are the others" bringt der Schauspieler Frank Willens das Lebensgefühl der seinen (nach einem Lied der niederländischen Band Delain) auf den Punkt – also jener bürgerlichen Held*innen, die ihre gepflegten Lebensräume plötzlich vom rechten Pöbel bedroht sehen. "Wir sind die Anderen", also die Nichtnazis und folglich die Guten. Aber woher wissen sie das eigentlich so genau? Wir leben in Zeiten, wo Bewegungen selbsternannter Guter wie Pilze aus dem Boden sprießen. Die einen wollen die Welt vor den Rechten retten, die nächsten vor den Linken, die übernächsten vor wieder einem frisch identifizierten Zeitgeschwür. Die nicht sehr vorteilhaft als Zombies gezeichneten Rechtspopulistinnen Gabriele Kuby und Beatrix von Storch, die sich selbstredend für gut und die Schaubühne und Falk Richter für böse halten, klagten, wir erinnern uns, gegen die Schaubühne. Und verloren Gottseidank.

Jetzt hat "Die Erklärung der Vielen" dieser bewegten Zeit also eine weitere Bewegung hinzugefügt. Sind also endlich die aufgewacht, die in Falk Richters "Fear" noch mit wirrer Aggression in ihren durchdesignten bürgerlichen Reservaten stocherten? "Wir wollen mit und durch Kultur die Demokratie schützen!" lautet das Credo. Das ist schön und wichtig. Aber hilft es auch? Oder treibt es die Zersplitterung der Gesellschaft in Interessensgruppen, die erbittert um ihre Sphären kämpfen, am Ende nur in die nächste Runde?

 

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin und Kuratorin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?

 

In ihrer letzten Kolumne machte sich Esther Slevogt Sorgen um den Lokaljournalismus.

 

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