Allianz zum Schutz des Theaters

von Veronika Maurer und Michael Isenberg

4. Dezember 2018. Das historische Albanische Nationaltheater in Tirana soll abgerissen werden und einem Neubau mit Geschäftsflächen weichen, so will es der albanische Premierminister Edi Rama. Obgleich Rama selbst Malerei studiert hat, mit ihm also ein Künstler an der Regierungsspitze steht, hält er an diesen Plänen fest. Theaterschaffende und Bürger*innen protestieren seit Monaten dagegen, und ihr Widerstand richtet sich mittlerweile auch gegen ihre immer schlechteren Arbeitsbedingungen. Die ohnehin wenigen Bühnen mit laufendem Spielbetrieb seien unterfinanziert, es werde nicht in die Schaffung neuer Spielstätten investiert. Und nun droht auch noch die wichtigste und älteste Bühne, an der seit 73 Jahren kontinuierlich gespielt wird, wegzubrechen.

Macht-Entscheidungen

Besonders für junge Theatermacher*innen ist es schwieriger geworden, Spielorte zu finden. Aber nicht nur als Arbeitsstätte, auch als kulturelles Erbe und als Ort eines kollektiven Gedächtnisses hat das Theatergebäude Bedeutung. Künstler*innen, Aktivist*innen und Bürger*innen haben sich daher zur "Allianz zum Schutz des Theaters" (Aleanca për Mbrojtjen e Teatrit) zusammengeschlossen und protestieren seit mittlerweile sechs Monaten gegen den Abriss des Theaterhauses. Die Sache hat längst landesweit Bedeutung gewonnen, wirft sie doch viele gesellschaftliche und politische Fragen auf, die Albanien derzeit bewegen.

Am 12. März 2018 präsentierte Edi Rama die Pläne für die Umgestaltung des Nationaltheaters, entworfen vom "Wettbewerbssieger", dem dänischen Architekturbüro Bjarke Ingels Group (BIG). Der Namensgeber ist ein weltweit agierender Architekt, von dem der Entwurf für den zweiten Turm des New Yorker World Trade Centers stammt. Auch der geplante Neubau des Nationaltheaters verspricht einen ziemlich großangelegten Entwurf, eine Multifunktionsanlage mit Aufführungsräumen, Büros, Apartments und Geschäftsflächen. Auf den Modellfotos sieht man Menschen mit schwingenden Nationalflaggen und Darbietungen albanischer Volkstänze unter freiem Himmel.

 Tirana National Theatre 560 BIGDer Entwurf des dänischen Architekten Bjarke Ingels: eine Multifunktionsbau mit Aufführungsräumen und einer Freiluftbühne auf dem Dach, aber vor allem mit Büros, Apartments, Geschäften. Dass ein privates Unternehmen und nicht der Staat als Bauherr auftreten, kritisiert selbst der Bürgermeister von Tirana, der die Modernisierung vorantreibt. © BIG

Doch schon kurz nach der Präsentation hagelte es massive Kritik: Es habe nie einen Wettbewerb und keine parlamentarische Debatte um eine (von den Theaterschaffenden favorisierte und von der Regierung als zu teuer erklärte) Renovierung oder einen Neubau des Nationaltheaters gegeben. Wenig später erklärte der Bürgermeister von Tirana, Erion Veliaj, in einem Fernseh-Interview, bei dem Projekt handele es sich um ein "unaufgefordertes Angebot" eines privaten Unternehmens.

Bekannte Architektur, gemischte Interessen

Tatsächlich fungiert als Bauherr nicht die Stadt, sondern das albanische Bauunternehmen Fusha Sh.p.k., das bereits mehrere lukrative Aufträge von der Regierung erhalten hat. Neben dem von BIG entworfenem Gebäude plant Fusha Sh.p.k. auf dem Areal offenbar die Errichtung von mehreren kommerziell zu nutzenden, zwischen 17 und 21 Stockwerke umfassenden Hochhäusern, wie aus einer Graphik zu schließen war, die Rama bei seiner Präsentation zeigte. Von den insgesamt knapp 9.000 Quadratmetern, die das Areal umfasst, soll das neue Theater nur etwa ein Drittel einnehmen, ebenso soll die Anzahl der Bühnen und der Zuschauer*innenplätze reduziert werden. Genaueres weiß man allerdings nicht, da noch immer keine offiziellen Pläne veröffentlicht wurden.

Europäische politische und wirtschaftliche Interessen hatten schon immer starken Einfluss auf Albanien. 1912 als Königreich Albanien vom Osmanischen Reich unabhängig geworden, erlebte das Land nach den Wirren des ersten Weltkriegs Ende der 20er-Jahre einen ersten wirtschaftlichen Aufschwung und Modernisierungsschub durch Wirtschafts- und Verteidigungsabkommen mit dem faschistischen Italien Mussolinis, das gleichzeitig aber auch immer mehr zur Abhängigkeit des wirtschaftlich rückständigen Albaniens von Italien führte. Der Einmarsch italienischer Truppen im April 1939 und die folgende Okkupation vollendeten diese Entwicklung vorläufig. Nach der Kapitulation Italiens 1943 übernahmen Einheiten der deutschen Wehrmacht die Besatzung.

Proteste Nationaltheater Albanien 560 Ivana DervishiProteste auf dem Skanderbeg-Platz vor dem Nationaltheater Albanien. Der historische Bau entstand in den dreißiger Jahren nach dem Entwurf des italienischen Architekten Giulio Bertè © Ivana Dervishi

Italien bemühte sich in der Zwischenkriegszeit auch um ein westlicheres Stadtbild Tiranas. Nach Plänen des italienischen Architekten Florestano Di Fausto wurde der Skanderbeg-Platz als kulturelles und Verwaltungszentrum der Stadt neu gestaltet. In unmittelbarer Nähe wurde 1938 ein Gebäudekomplex im futuristischen Stil mit Theater, Bibliothek, Schwimmbad nach den Plänen des Architekten Giulio Berté errichtet. Während der deutschen Besatzung fungierte das Theatergebäude als Kino; 1945 wurde es als Theater wiedereröffnet. Auch das Nebengebäude dient mittlerweile als Spielstätte. Freie Gruppen und Nachwuchskünstler*innen präsentieren dort auf drei verschieden großen Bühnen ihre Arbeit.

Albanien, eines der ärmsten Länder Europas, bemüht sich seit vielen Jahren um einen Beitritt zur Europäischen Union. Nachdem das Land 2016 mit der Einleitung einer Justizreform die entscheidende Bedingung erfüllt hatte, stimmte die EU am 26. Juni 2018, im Jahr der Ratspräsidentschaft Österreichs, den Beitrittsverhandlungen zu. Die Albanerinnen und Albaner hätten "eine konkrete europäische Perspektive verdient", so der zuständige EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn gegenüber der WELT. "Wir sind froh", erklärte auch der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in einer Grundsatzrede vor dem EU-Parlament. "Aber was es braucht, ist eine ehrliche Perspektive ... Was es braucht, ist ein kontinuierlicher Fortschritt auf dem Weg in die Europäische Union."

Wider die allgegenwärtige Kommerzialisierung

Fortschritt macht sich in Albanien derzeit auf der wirtschaftspolitischen Ebene bemerkbar. Nachdem das Land in den post-sozialistischen 1990er Jahren eine Phase politisch-ökonomischer und gesellschaftlicher Turbulenzen hinter sich gebracht hat, präsentiert es sich heute als attraktives, konjunkturstarkes Ziel für ausländische Investitionen. Seit den Parlamentswahlen im Juni 2017 verfügt die Sozialistische Partei von Ministerpräsident Edi Rama über die absolute Mehrheit. Zwar werden Rama von den Oppositionsparteien Verbindungen zur organisierten Kriminalität und zum Drogenhandel nachgesagt, doch vielen ausländischen Investoren gilt er als Garant für Stabilität – in politischer Hinsicht und in Bezug auf ökonomische Rahmenbedingungen und damit Wachstumsgarantien. 

Proteste Nationaltheater Albanien5 560 Loreta CukaProteste organisiert von der Allianz fürs Theater (Aleanca për Mbrojtjen e Teatrit) im Juli 2018. Auf der Protestbühne finden bis heute fast täglich Aktionen statt, die auf der Facebookseite angekündigt sind. © Loreta Cuka

So wie das ganze Land verändert sich das Stadtbild von Tirana zurzeit rasend schnell. Als 2015 der Sozialist Erion Veliaj die Wahl zum Bürgermeister Tiranas gewann, übernahm er von seinem Vorgänger Edi Rama das ehrgeizige Ziel einer umfassenden Neugestaltung des Stadtbildes. Tirana 2030 lautet der Name eines großangelegten Projekts zur Stadtentwicklung, das auf das enorme Anwachsen der Stadt seit dem Ende der Diktatur reagieren und der Überlastung ihrer Kapazitäten entgegen wirken soll. Doch mehr als die Errichtung autofreier und Grünzonen verbergen sich hinter diesem Projekt vor allem eine Vielzahl neuer Bauvorhaben im Stadtzentrum. "Ich und mein Team haben entschieden ... diesen Ort zu modernisieren, um jeden Preis", erklärte Veliaj in einem Interview mit dem Guardian. Das Theater werde dabei, so ein offizielles Statement Veliajs, zu "einem Kronjuwel dieser Transformation im Herzen der Hauptstadt".

Aktion "Ich bin das Theater"

Veliaj setzt dabei auf das Modell der Public Private Partnership (PPP), ein Instrument, das die die Labour-Regierung Tony Blairs Ende der 90er-Jahre entwickelte. Dabei kümmert sich der Investor um Planung, Bau, Sanierung, Betrieb und vor allem Finanzierung, die öffentliche Hand zahlt lediglich eine Miete.

Proteste Nationaltheater Albanien4 560 Unë jam Teatri ("Ich bin das Theater"), Foto-Protest-Aktion in Tirana © Rudi Erebara

Aber auf der juristischen Ebene gibt es Probleme. Für die Umsetzung des geplanten Bauvorhabens musste das Parlament ein Sondergesetz verabschieden. Und das macht auch einen Teil dessen aus, wogegen sich die Proteste richten: Der geplante Neubau soll nicht nur die Fläche des jetzigen Nationaltheaters einnehmen, sondern mehr als das Doppelte – eine Fläche, die bislang öffentlicher Raum ist und die aufgrund der Zentrumsnähe zu den teuersten in Tirana gehört. Von Enteignung und schlicht von Raub sprechen die Protestierenden, von einem illegalen Transfer öffentlicher Güter in regierungsnahe private Hände. Der Vorgang missachte außerdem das Prinzip der Gewaltenteilung, übergehe den Stadtrat von Tirana, und der Inhalt des Sondergesetzes widerspreche geltender Gesetzgebung.

Proteste Nationaltheater Albanien2 560 Den Protestanten geht es auch darum, den Verlust öffentlichen Raums zu verhindern © Rudi Erebara

Staatspräsident Ilir Meta verwies das Sondergesetz mittels eines Sonderdekrets zwei Mal an das Parlament zurück. Auch von Seiten der Europäischen Kommission gab es Kritik, die sich allerdings nur auf den nicht vorhandenen Wettbewerb bei der Vergabe des Bauauftrags bezog.

Das größte Problem besteht für die Protestierenden darin, dass sie sich nicht an das albanische Verfassungsgericht wenden können. Im Zuge der Justizreform – der Bedingung der EU für die Beitrittsverhandlungen – wird das albanische Justizpersonal momentan einer umfangreichen Überprüfung unterzogen. Im Obersten Gericht wie im Verfassungsgericht sind derzeit nur etwa die Hälfte der Richter*innenstellen besetzt, seit Monaten konnte im Verfassungsgericht keine Entscheidung mehr getroffen werden.    

Ohne Schutzmaßnahmen gehts nicht

Die Protestierenden fühlen sich alleingelassen. Was ist die "europäische Perspektive", die EU-Kommissar Hahn verspricht? Vom EU-Beitritt erhofft man sich in Albanien natürlich eine Verbesserung des Lebensstandards. Daneben geht es vielen Menschen jedoch um den Ausbau und Schutz rechtsstaatlicher und demokratischer Prinzipien und damit einen echten Neuanfang nach dem Ende der sozialistischen Diktatur. Ohne politische und juristische Schutzmaßnahmen werde das historische Zentrum Tiranas immer mehr verschwinden, so die Befürchtung.

Die "Allianz zum Schutz des Theaters" hat auf dem Platz neben dem bedrohten Gebäude eine Open-Air-Protestbühne errichtet, auf der die Künstler abends auftreten. Es werden Demonstrationen organisiert und politische Repräsentant*innen in Albanien und in den Brüsseler EU-Büros um Unterstützung gebeten. Der Denkmalschutzverband Europa Nostra mit Sitz in Den Haag appellierte an die albanische Regierung, das Gebäude als kulturelles Erbe zu erhalten. Am 10. November reiste der Kommunikationswissenschaftler und Aktivist Ervin Goci nach Wien, um beim Festival Albanischer November am Volkstheater über die Proteste zu berichten. Im Gepäck hatte er Videobotschaften von Aktivist*innen der Allianz, die sich, vor der Protestbühne neben dem Albanischen Nationaltheater stehend, an die Wiener und die Weltöffentlichkeit wenden.

Er verteidige das Gebäude des Nationaltheaters und stehe darüber hinaus auch für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein – und damit für jene Sphäre, aus der sich Demokratie generiert, erklärt der Theater- und Filmregisseur Robert Budina. Nicht nur der freie Platz rund um das Nationaltheater gilt den Protestierenden als öffentlicher Raum, sondern auch das Theater selbst. Ein in ein riesiges Shoppingcenter eingebettetes Theater verändere die Wahrnehmung von Kunst und die Funktionsweise des Theaters, insistiert Ervin Goci. Und die Schauspielerin Suela Bako fügt hinzu: "Wir verlieren nicht nur ein Theaterhaus, wir verlieren eine Möglichkeit, mit unserem Publikum zu kommunizieren und ihm auf eine Weise Erkenntnis zu ermöglichen, wie es nur das Theater kann."

 

Veronik Maurer 120 Lupi SpumaVeronika Maurer, Studium der Philosophie in Wien und Paris. Dramaturgin am Residenztheater München, Schauspielhaus Graz, seit 2015/16 Dramaturgin am Volkstheater Wien. Kuratiert dort seit 2015 das Novemberfestival im Rahmen der Kulturjahre des Österreichischen Ministeriums für Europa, Integration und Äußeres. Die im Text erwähnte Veranstaltung mit Ervin Goci war Teil des Programms des "Albanischen November", der am 09. und 10. November 2018 stattfand.


Michael Isenberg 120 Lupi SpumaMichael Isenberg studierte Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, sowie Dramaturgie an der Theaterakademie Hamburg. Anschließend Dramaturg u.a. am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf und am Staatsschauspiel Dresden, seit 2017/18 Dramaturg am Volkstheater Wien.