Göttliches Grundeinkommen

von Frauke Adrians

Berlin, 26. November 2018. Vorspiel auf, nein, vor dem Theater: Mehrere Personen, manche lustig, andere weniger, strengen einen Prozess an. Angeklagt ist Gott und mit ihm sein frommes Bodenpersonal dreier Weltreligionen – also könnte dieses Vorspiel auch heißen: Treffen sich ein Rabbi, ein Mullah und Pope vor der Volksbühne. Die Ankläger sind die Gläubigen des noch jungen Sowjetkommunismus, unbedarft und übereifrig; viel mehr als die alten Theodizee-Fragen haben sie gegen Gott nicht vorzubringen. Jungpioniere, die aussehen wie die Straßenreinigung im Blaumann, hämmern ruhegebietend auf Mülleimer ein, eine Art Rosa-Luxemburg-Wiedergängerin (Margarita Breitkreiz) gibt die Richterin, Teufel und Superfrau sekundieren und deklamieren. Als hätte mal eben eine fahrende Laienspieltruppe ihre Fassbühne in Berlin aufgeschlagen und Theater mit Karneval verwechselt.

Die Musik meint es ernst

Das Ganze ist ziemlich albern, setzt aber ganz gut den Ton für das Hauptstück drinnen auf der Bühne. Bernd Alois Zimmermanns Oratorium "Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott" ist so keck anmaßend und großmäulig wie sein Titel – und wenn Zimmermann, der fromme rheinländische Katholik, es nicht ganz so gemeint haben sollte, dann inszeniert Singakademie-Dramaturg Christian Filips es an der Volksbühne jedenfalls so. Das gelingt ihm, ohne die Musik dem wenig subtilen Humor unterzuordnen, mit dem er diese schräge Welttheater-Mysterienspiel-Heilserzählung-Kombination auf die Bühne bringt.

Unterhaltsprozess gegen Gott1 560 Kay Sievers uWer ist hier das Trojanische Pferd: Musik? Chor? Orchester? Im Dialog: Aniol Kirberg und Elias Schocke © Kay Sievers

Denn die Musik meint es ernst, kein Zweifel. Zimmermann mag als Polystilistiker noch so großzügig Bach-, Orff-, Bartók- und Stravinsky-Zitate verwoben, Jazz-Rhythmen eingeflochten und allerhand U-Musik-Anklänge verwendet haben – als humoristische Parodie ist sein Oratorium nicht gedacht. Zimmermanns bekanntestes Bühnenwerk, seine Oper "Die Soldaten", ist nicht nur bei im Orchestergraben arbeitenden Musikern berüchtigt für seine Phonstärke und Klangwucht. Im "Unterhaltsprozess" dagegen geht der Komponist geradezu sanft vor, arbeitet feinsinnig mit Harfe, Orgel und Perkussion. Das Werk, das es bislang nur auf eine einzige Rundfunk-Ausstrahlung anno 1952 gebracht hat, sollte in den Nachkriegsjahren womöglich ernsthaft zur Rückbesinnung auf den Katholizismus beitragen. Aber als klingende Missionierungsuntermalung ist es zu vielschichtig, zu ironisch, zu intelligent – was die Interpretation durch Singakademie, Staats- und Domchor sowie Kammersymphonie Berlin unter Leitung von Kai-Uwe Jirka deutlich unterstreicht. Der Sound der arabischen Oud tut in dieser Inszenierung ein Übriges, um den Horizont ins Interkulturelle zu weiten.

Allahu akbar? Passt!

Was für eine Anmaßung: Der soeben aus dem Paradies auf die Erde gestürzte Adam (Aniol Canet Kirberg) – eine Eva kommt im Stück nicht vor – verklagt Gott, den er kühn als seinen Vater bezeichnet, auf Unterhaltszahlung, auf eine Art göttliches Grundeinkommen. Zwar hätte er mit Sichel, Hacke etc. alles erforderliche Werkzeug, um sich sein Auskommen im irdischen Jammertal selbst zu erarbeiten, aber das Stichwort Arbeit kommt beim ersten Menschen nicht so gut an: Sorgt Gott denn nicht auch für die Pflanzen und Tiere? Und warum sollte ausgerechnet er, Adam, sich dann anstrengen?

Gottvater (Mex Schlüpfer), längst verrentet, schwer tätowiert und ziemlich abgehalftert im mattgoldenen Outfit eines gewesenen griechischen Gottes, hat seinen wahren Sohn, den heiligenbildschönen Emanuel aka Jesus (Kenan Abouaasi), als Erben eingesetzt, ist aber bereit, sich Adams Klage anzuhören. Dass die göttliche Position vor Gericht lautstark vom Teufel (Silvia Rieger) vertreten wird, ist in diesem sich jeder religiösen oder sonstigen Logik entziehenden Spiel nur konsequent. Ebenso, dass es im Prozess gegen Gott einen Deus (oder eine Dea) ex machina braucht, um ein Urteil zu fällen. Und dass Jesus "Allahu akbar" singt? Passt!

Wie mogelt man sich ins Ziel?

Das Beste an diesem Abend ist die Musik, aber Christian Filips‘ Inszenierung hat Witz, wenn sie auch insgesamt eher bieder bleibt. Eine Unterbrechung im immer ähnlichen Deklamationston der Darsteller, ein bisschen mehr Schauspiel im Allegorien-Aufmarsch zwischen Adams Alter Egos "Denkmann" und "Fressmann", würde dem Ganzen gut tun. Video-Einspielungen auf dem Theatervorhang, Bilder vom zerbombten Berlin und den Nürnberger Prozessen sollen dem auf Calderóns barocker Vorlage "Auto Sacramental Los alimentos del hombre" beruhenden Oratorium eine zusätzliche Deutungsebene verleihen. Wie zerstört war eigentlich das Schuld- und Rechtsempfinden des deutschen Nachkriegspublikums, das Zimmermann erreichen wollte, und wie erbärmlich nimmt sich der Alimente-Prozess des schuldig gewordenen Adam, nimmt sich auch das Bestehen der Deutschen auf Nichtwissen und Unschuld, gegen die Rechtsprechung in Nürnberg aus?

Unterhaltsprozess gegen Gott2 560 Kay Sievers uGottvater und Teufel im Dialog: Mex Schlüpfer, Silvia Rieger © Kay Sievers

Das ist aller Ehren wert, aber wenn man schon Assoziationsketten knüpft, hätten die ruhig auch bis ins 21. Jahrhundert reichen können: zu Recht(sprechung) und Unrecht unserer Tage. Wie zeitlos subtil nimmt sich dagegen das Trojanische Pferd in Nina Pellers Bühnenbild aus: ein Symbol für die unauslöschliche Neigung des Menschen, sich – wie Adam – mit List, einiger Dreistigkeit und möglichst wenig Anstrengung ans Ziel zu mogeln.

Es gab dann auch noch ein Nachspiel auf dem Theater: Im Revisionsprozess liefern sich die allegorischen Figuren einen Zitatebrüllwettbewerb mit Texten von Rosa Luxemburg, Walter Benjamin, Fjodor Dostojewski, Karl Valentin und anderen und herrschten die Zuschauer an, den Saal nicht zu verlassen. Nicht alle halten sich daran. Nach Bernd Alois Zimmermanns Musik, das war offensichtlich, konnte einfach nichts Besseres mehr kommen. Im Übrigen galt, wie "Fressmann" (Margarita Breitkreiz) sagt: "Mir ist das zu allegorisch, mein Verstand fliegt nicht so hoch."

 

Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott
Ein Funkoratorium von Bernd Alois Zimmermann nach Calderón – Szenische Uraufführung
Regie: Christian Filips, Musikalische Leitung: Kai-Uwe Jirka, Bühne: Nina Peller, Kostüme: Marwa Younes Almokbel, Christian Filips, Kostüm-Abteilung und Dramaturgie: Sabine Zielke, Mitarbeit an Buch / Konzeption: Luise Meier.
Mit: Kenan Abouaasi, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Samia Dauenhauer, Aniol Canet Kirberg, Ariel Nil Levy, Ali Nawras, Silvia Rieger, Elias Schockel, Mex Schlüpfer, stefanpaul, Hubert Wild, Ensemble PHØNIX16, Haupt- und Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin, Männer des Staats- und Domchors Berlin, Kammersymphonie Berlin, Faleh Khaless (Oud).
Dauer: 3 Stunden inklusive Vor- und Nachspiel, keine Pause

www.volksbuehne.berlin.de

 

Kritikenrundschau

Das Problem der Inszenierung sei, dass sie "mit der Fragwürdigkeit einer kindergläubigen Gott-Mensch-Versöhnung über Gräber und Marshallplan hinweg auch den verzweifelt bitteren Ernst, der dahinterstand, kleinmachte und infantilisierte", schreibt Gerald Felber in der Berliner Zeitung (28.11.2018). "Regisseur Christian Filips und sein Team ließen da, in einer Mischung aus Jahrmarktsbuden-Kasperlespektakel und philosophisch ambitioniertem Pfarrgarten-Jugendhappening, nicht nur den Autor, sondern auch die Darsteller in ihren schreischrillen Kostümen ziemlich allein." Die "ganze Verlegenheit einer Inszenierung", die nicht an ihren Gegenstand glaube, "hatte dann freilich schon wieder etwas Kurzweiliges: amüsiertes Fremdschämen wie beim Dschungelcamp".

Filips bringe das einst für den Rundfunk konzipierte Werk im Wissen um Zimmermanns eigene Vorstellungen vom Musiktheater auf die Bühne, dem Zusammenführen aller Darstellungsformen, argumentiert Jonas Zerweck im Tagesspiegel (28.11.2018). Dass die Inszenierung groß auffahre mit Drehbühne, reduziertem, aber eindrucksvollem Bühnenbild und reichlich Requisite sei angesichts von nur zwei Vorstellungen ein enormer Aufwand, der dadurch gerechtfertigt werde, dass es die erste Inszenierung überhaupt sei.

Stars der Castorf-Ära holten noch einmal das kunstreligiös-chatotische Volksbühnen-Flair vergangener Tage zurück, so Matthias Nöter in der Morgenpost (27.11.2018). Zimmermanns Inszenierung habe etwas Pompöses und zugleich "Kantig-Erratisches". Der riesige Chor hingegen setze auf einen weichen und gut durchgehörten Gesamtklang. 

 

 
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