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Schrei nach Liebe

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 29. November 2018. Die tut doch nichts, die spricht doch nur. Diese Frau Grollfeuer am Akademietheater Wien. Die beißt doch nur aus einer Sehnsucht heraus: "Man hätte vielleicht nicht alles umbringen müssen, man hätte sich streicheln lassen können". Aber wie? Wenn alle anderen "Untermenschen" sind. Wenn alle anderen unter Plastik leben und Puppen sind.

Nicht aufführbar?

Der 1958 in Graz geborene und 1994 ebendort verstorbene Dramatiker Werner Schwab wäre dieses Jahr 60 geworden. In seinem Durchbruchsstück "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos", 1991 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, versammelt er in einem Mietshaus das Volk, drei Klassen unter einem Dach. Lauter biedere, verkommene, brutale Existenzen, die am Ende von Frau Grollfeuer abgeräumt werden, die sich für einen Herrenmenschen hält.

Volksvernichtung 5 560 Georg Soulek uBarbara Petritsch als Grollfeuer auf ihrer Treppe © Georg Soulek

In seiner ersten Regiearbeit für das Burgtheater bürstet Nikolaus Habjan das Stück gegen alle Eskalation und sehr in Richtung Pathos. Lauter Leute, die leiden. Das Schreckliche, die als das Schwabische in die Literaturgeschichte eingegangene Sprache, verpufft im hohen Ton. Wer hätte das gedacht! Die Dramaturgie des Burgtheaters wahrscheinlich nicht, als sie 1988 "Die Präsidentinnen" als "nicht aufführbar" ablehnte.

Barbara Petritsch hat fürs Flanieren-Führen der herrischen Grollfeuer eine braun-biedere, bühnen-große Doppeltreppe für sich alleine. Die Nachbarschaft – Frau Wurm und Sohn Hermann, Familie Kovacic – wohnt zwischen die Stufen gedrängt. Eine prall gespannte Plastik-Plane umschließt für den ersten Akt eine Küche mit Kredenz, Kruzifix und Topfpflanze, in die hinein der Schwab-Doppelgänger Hermann uriniert. Auch er möchte geliebt werden. Für seine "Grazkunst" zum Beispiel.

Die ganze Welt ist voller Löcher

Regisseur Habjan – der gemeinsam mit Marianne Meinl für den Puppenbau verantwortlich ist und als Hermann auf der Bühne steht – lässt die Klappmaulpuppe unschuldig schauen. Das Riesen-Baby mit Klumpfuß träumt vom Töten der Mutter. Deren duldsamer Katholizismus steht Dorothee Hartinger in die Kleiderschürze geschrieben. Die Hände der Puppe faltet sie brav im Schoß. Einem kaputten Teller weint sie zu Klavierklängen nach.

Zwischen Frau Wurm und Hermann gehen die schwabisch-brutalen Gehässigkeiten hin und her. In irritierend langsamem Tempo und mühsam leidvollem Ton – "ach", seufzt Hartinger. Diese Mutter wurde offenbar so oft eine "Sau" genannt, das weckt gerade noch so aus dem Mittagsschlaf.

Volksvernichtung 8 560 Georg Soulek uPuppen an der Tafel, an der ihnen bald die Luft wegbleibt © Georg Soulek

Der zweite Akt zeigt das Wohnzimmer der Familie Kovacic. Mit Sofalandschaft und Bierflaschen. Alexandra Henkel führt die Puppe Frau Kovacic fiebrig durchs abgründige Familienidyll. Ebenso wie die Töchter Desiree und Bianca steckt sie in einem Mädchen-Rosa-Kostüm fest. Herr Kovacic – den Sarah Viktoria Frick nachlässig wienerisch als Parvenu etabliert – schlägt und vergewaltigt sie. Auch den Hamster tötet er, "Der war ja auch ein Weiberl". Und: "Die ganze Welt ist... voller Löcher." Bei Familie Kovacic lässt das Pathos nach, über White Trash lachen, das funktioniert. Dann lädt Frau Grollfeuer zur Geburtstags-Jause und das feierliche Kasperltheater setzt wieder ein.

In der Blase

Für den Showdown platzieren sich Hartinger, Habjan, Frick und Henkel mit den sechs Puppen an einer Tafel. Verirrte choreografische Einfälle unterbrechen das statische Arrangement. Von außerhalb der Plastik-Sphäre zaubert ihnen Frau Grollfeuer ab und an die Luft weg. Paukenschlag. Petritsch, als einzige ohne Puppe, hat eine glitzernde Brosche ans weiße Kleid geheftet. Den Monolog der Grollfeuer – über "Koketterie mit dem Nationalsozialismus" und das Saufen als Versuch, die Welt erträglich zu machen – hält sie mit bebender Stimme. Frau Grollfeuer vergiftet die ganze Nachbarschaft, von hinter der Bühne steigt Nebel wie zum jüngsten Gericht auf, die Plastik-Blase fällt über den Puppen-Körpern zusammen.

Nur um sogleich als Seifenblase fast abzuheben. Petritsch lehnt sich, zum ersten Mal mit unter Plastik, über die Puppen und inszeniert ein Geburtstagsfest für sich selbst. Sie wollte sich doch nur streicheln lassen. Habjan erzählt anhand der "Volksvernichtung" die Tragödie der Entstehung des Faschismus aus dem Geiste der Vernachlässigung. Mit viel Sympathie für Frau Grollfeuer. Um es mit "Die Ärzte" zu sagen: "Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe".

 

Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos
von Werner Schwab
Regie: Nikolaus Habjan, Bühne: Jakob Brossmann, Kostüme: Cedric Mpaka, Puppenbau: Nikolaus Habjan, Marianne Meinl, Musik: Kyrre Kvam, Video: Sophie Lux, Licht: Norbert Piller, Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit: Dorothee Hartinger, Nikolaus Habjan, Manuela Linshalm, Sarah Viktoria Frick, Alexandra Henkel, Barbara Petritsch.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

Die von Nikolaus Habjan und Marianne Meinl geschaffenen lebensgroßen Figuren haben aus Sicht von Bernd Noack auf Spiegel online (30.11.2018) "etwas extrem Fratzenhaftes, aber in der grotesken Überzeichnung ihrer markanten Makel werden sie zu irgendwie nicht ganz greifbaren Wesen, denen ja naturgemäß die selbstständige Artikulation abgeht, und agieren wie eine Art Vermittler nun zwischen den Wörtern und Sätzen und uns, die wir ihrem Tun und vor allem Lassen immer noch entsetzt und angeekelt folgen." Auf diese Weise vermeide es der Regisseur gekonnt, "die Schwabschen Personen, die sich ohnehin durch ihr Gesagtes entlarven und selber schwer belasten, noch einmal als Karikaturen ihrer eigenen Unzulänglichkeit vorzuführen."

Fülle und starke Symbolik bescheinigt Norbert Mayer von der Wiener Tageszeitung Die Presse (1.12.2018). Allerdings leidet unter der Hülle aus seiner Sicht zuweilen die Verständlichkeit. "Und besonders vor der Pause zieht sich die gut zweieinhalb Stunden lange Aufführung (der Text wurde kaum gestrichen)." Grundsätzlich bereitet der Abend diesem Kritiker großes Vergnügn. Die Qualität der streng komponierten Inszenierung besteht für ihn auch darin, "dass sich hier der Text trotz Klappmäulern wie unverstellt entfaltet. Er spukt noch im Kopf, wenn der kurze finale Akt längst zu Ende ist, der angeblich Versöhnung bringt."

"Man wohnt einer Art Wortoratorium bei, dem der gezwungene Ernst einer Messhandlung eignet," schreibt Ronald Pohl in der Wiener Tageszeitung Der Standard (1.12.2018). "Man ertappt sich vage bei dem Vorsatz, Schwab ab nun wieder genauer zu fokussieren. Seine 'bloß reagierende Davonvogelsprache' (Frau Grollfeuer), die das Leben als Schöpfungsskandal brandmarkt, darf auf keinen Fall Kunstgewerblern überlassen werden (die mit ihr erzählerisch nichts anzufangen wissen). Schon gar nicht irgendwelchen Puppen, und seien ihre Mäuler noch so groß."

Wolfgang Kralicek schreibt in der Süddeutschen Zeitung (online 3.12.2018, 18:22 Uhr): Die Idee, dem Puppenspieler Habjan aus Graz die "Volksvernichtung" anzuvertrauen, sei vielversprechend gewesen. Denn immerhin bedürfe das Schwab-Stück einer kräftigen Form. "Ein immer noch schmerzhaft böser Text, tolle Puppen, eine starke Protagonistin: alles da." Aber es funktioniere nicht. Die Aufführung habe weder "Drive" noch "Biss", das Stück wirke harmlos. Vielleicht habe sich der Regisseur Habjan zu sehr auf die "Zauberkraft des Puppenspielers" Habjan verlassen, vielleicht sei es überhaupt keine so gute Idee gewesen, Schwabs "Mietshausmonster" mit Puppen zu besetzen.

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.12.2018): Die grandiosen Schauspielerinnen träten hinter "von ihnen gesteuerte Klappmaulpuppen" zurück – und blieben dennoch "präsent wie immer". Doch fehle es an diesem "meist tollen Abend" an Straffung, wäre etwas weniger viel mehr gewesen. Denn gerade die unnachahmliche Sprache Schwabs, wo es stets anders kommt als erwartet, ermatte ihr Publikum rasch. Das hätte Habjan beherzigen "müssen sollen, wissen Sie"?