Totentanz als Turbotrip

von Katrin Ullmann

Lübeck, 30. November 2018. Aus den Karpaten kommt er, aus dem gar nicht so fernen Transsilvanien. Mit im Gepäck hat er Särge voller Erde. Und darin Ratten, die die Pest verbreiten. In einer Kleinstadt kauft er eine Ruine, saugt Menschenblut und ist selbst zum ewigen Leben als Untoter verdammt. Er, das ist Nosferatu. Die wohl bekannteste Vampirfigur nach Dracula. Und tatsächlich ist F.W. Murnaus "Nosferatu" die nicht autorisierte Filmadaption des Bram-Stoker-Geschöpfs. Die israelische, in Berlin lebende Autorin Sivan Ben Yishai hat die Geschichte des Blutsaugers jetzt in die Gegenwart geschrieben – mit "Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu". Dass die Uraufführung des Stücks in Lübeck, einem der Hauptdrehorte des Murnau-Films aus dem Jahre 1922, stattfindet, ist Teil des Spiels: Schließlich entstand das Auftragswerk als Koproduktion zwischen dem Theater Lübeck mit den beiden Partnern Off-Theater Rampe und der Tanzkompanie backsteinhaus produktion in Stuttgart – und wurde vom Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Verführungen, Schattenwelten und keine Erlösung

Marie Bues, eine der beiden Leiterinnen des Theater Rampe, führt Regie, Nicki Liszta, Gründerin der backsteinhaus produktion, übernimmt die Choreografie. Und das, was jetzt vielleicht wie ein kompliziertes Konstrukt, wie eine vielstimmige Kopfgeburt klingt, an dessen Anfang eine Vampir-Euphorie steht, geht sich an diesem Abend ganz geschmeidig aus. All die Zuschauer, die eine stringente Erzählung erwarten, werden gleich zu Beginn des Abends gewarnt: "Nichts ist chronologisch, alles geht in die richtige Richtung".

 PrinzipNosferatu 2 560 Kerstin Schomburg uPanorama des Vampirismus unterm Lübecker Totentanz: Niko Eleftheriadis, David Ledger, Rachel Behringer, Sophie Pfennigstorf, Chloé Beillevaire, Will Workman, Andreia Rodrigues, Steven Chotard, Heiner Kock © Kerstin Schomburg

Entsprechend frei flirren die Assoziationen durch den Raum, wird nur grob und roh die "Nosferatu"-Handlung ins Heute übertragen. Heißt: Es gibt einen Immobilienmakler, es gibt eine Kleinstadt – hier ist es das französische Rennes – und es gibt die Pest – hier in Form von Krebs und HIV. Es gibt Verführungen und Versuchungen, es gibt ein vampiristisches Gesellschaftssystem, in dem die Menschen ausgebeutet werden oder sich auch gerne selbst ausbeuten. Und es gibt bröckelnde Fassaden und Schattenwelten. Und trotz allem Exzess – Partys, Drogen, Sex – gibt es natürlich keine Erlösung.

Im Fast-Forward-Modus

Marie Bues findet starke, wilde Bilder für einen dichten Text, der recht untheatralisch daherkommt, der monologisch mäandert und nur sehr, sehr lose Fäden zwischen den einzelnen Figuren spinnt. Geschickt führt Bues einige der Geschichten zusammen, setzt spielerisch ein paar wenige, aber wichtige dramaturgische Anker, gibt Einblicke in Tragisches und allzu Menschliches: Da wird Niko Eleftheraiadis als homosexueller Makler in einen mausgrauen Anzug und in die Einsamkeit der Provinz verdammt, da hysterisiert sich Rachel Behringer als junge orientierungslose Frau im schweinchenrosa Miss-Wahlen-Kleid in eine abgründige Partywelt, da gurrt und buhlt Astrid Färber im mütterlichen Kümmerton um die Aufmerksamkeit ebenjener jungen Frau, ihrer Tochter, da gerät Sophie Pfennigstorf im golden schimmernden Motorrad-Outfit als Organspenderin in den eigenen, entgrenzten Ausverkauf. Nur ab und zu, schlaglichtartig, blitzen diese Schicksale auf, bewortet durch meist hektisch gesprochene, überdrehte Monologe aus dem Stand.

PrinzipNosferatu 5 560 Kerstin Schomburg uGolden schimmert das Unheil: David Ledger, Chloé Beillevaire, Andreia Rodrigues, Niko Eleftheriadis, Sophie Pfennigstorf, Will Workman, Astrid Färber © Kerstin Schomburg 

Zwischen den Schauspielern bewegen sich vier Tänzer, zucken zu den Wortkaskaden oder lassen ihre Körper wie taumelnde Kegel ineinander fallen. Ein Chor der Untoten scheint die Szenen zu dirigieren. In Stummfilm-Manier geschminkt, mischt er sich ein, mischt das lose Geschehen immer wieder auf. Außerdem werden Videos von Verfolgungsjagden und Ertrinkenden (Christopher Bühler / Katharina Spuida-Jabbouti) auf die schlichte, kühle Bühne (Ausstattung: Claudia Irro) projiziert, und die Musik von Heiko Giering besorgt schließlich den Rest: Oft klingen seine Kompositionen mehr nach ungutem, unheimlichem Geräusch als nach irgendeiner greifbaren Melodie.

Diese Inszenierung ist laut, wild und schnell, ist bilder- und temporeich. Bues und Liszta schaffen Irritationen und Assoziationen, lassen Schauspieler und Tänzer zu Höchstform auflaufen und gleich darauf in gespielter Erschöpfung zusammenbrechen. Meist rauscht der Abend über die Bühne wie ein Film im Fast-Forward-Modus. Allein der Text bremst diese Inszenierung manchmal aus, mit seinen zu vielen Themen, seinen bösen Bezügen in die Gegenwart – einer Welt voller Blutsauger – seiner zu viel wollenden Bedeutungsschwere. Gerade so als hätte er selbst Särge voller Erde mit.

 

Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu
von Sivan Ben Yishai, übersetzt von Maren Kames
Inszenierung / Choreographie: Marie Bues / Nicki Liszta, Ausstattung: Claudia Irro, Mitarbeit Ausstattung: Annatina Huwiler, Musik: Heiko Giering, Video: Christopher Bühler / Katharina Spuida-Jabbouti, Dramaturgie: Anja Sackarendt, Produktionsleitung: backsteinhaus produktion Isabelle von Gatterburg
Mit: Rachel Behringer, Chloé Beillevaire, Stefen Chotard, Niko Eleftheriadis, Astrid Färber, Heiner Kock, Sophie Pfennigstorf, Andreia Rodrigues, Will Workman
Uraufführung am 30. November 2018
Dauer ca. 2 Stunde, 20 Minuten, eine Pause

www.theaterluebeck.de

 

Kritikenrundschau

T.D. schreibt auf HL-Live.de (1.12.2018): Man müsse schnell alle Versuche aufgeben, eine "erzählende oder erzählbare Handlung zu finden". Es werde "rauf und runter philosophiert". Mit "unglaublichem Fleiß" hätten Darsteller und Tänzer "Texte gepaukt und Bewegungen studiert". Die zehn Mitwirkenden erzählten von Bootsflüchtlingen aus Syrien. "Rund herum immer wieder Verstörendes". "Endlose Tiraden" über homosexuelles Liebesleben. Auch das "Kapitel Aids" werde aufgeschlagen. Philosophie über "Leben und Sterben". Interessant sei "der Ansatz, die Häufigkeit von Tumoren heute mit der mittelalterlichen Pest in Verbindung zu bringen". "Aufgewühlt" wie die Mitwirkenden verlasse das Publikum das Theater.

"Lüb" vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (4.12.2018) schreibt: "Die Geschichte ist von wüster Befremdlichkeit. Genuss ist, was das Bühnenpersonal an Kunst zelebriert." Nicht Erkenntnis, sondern Gefühl bleibe hängen. "Irgendwie, so sagt das Gefühl, war man Teil eines Experiments."

Jürgen Feldhoff von den Lübecker Nachrichten (2.12.2018) sah "postdramatisches Theater, das Stärken und Schwächen dieser postmodernen Spielart der Bühnenkunst aufzeigte". Sehenswert seien die Choreographien. Die Ausdruckskraft der vier Tänzer*innen stelle den Text in den Schatten. Nach dem Sinn des Abends solle man lieber nicht fragen und lieber die starken Bilder auf sich wirken lassen.

 

 
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