Ausstieg unmöglich

von Sascha Westphal

Essen, 30. November 2018. Die graue Hauswand, in die sieben, teils von Rollladen verdeckte Fenster eingelassen sind, weckt hier, in Essen und im Ruhrgebiet, sehr konkrete Assoziationen. Sie erinnert an die schmucklosen mehrstöckigen Mietshäuser, die in den 1950er Jahren in allen Städten des Ruhrgebiets auf den Trümmern des Krieges errichtet wurden. Meist stehen diese in die Jahre gekommenen Bauten in den nördlichen Innenstädten. In denen damals vor allem Arbeiter und kleine Angestellte lebten. Heute zeugen sie von prekären Lebensverhältnissen, der Kehrseite des Kapitalismus, den eine der Figuren aus Jonas Hassen Khemiris "≈ [ungefähr gleich]" aus gutem Grund von Innen heraus zerstören will.

Nach oben geht’s nicht weiter

Vor die Hauswand hat die Bühnenbildnerin Friederike Külpmann noch ein Baugerüst gestellt. Ein weiterer Verweis auf alltägliche Lebenswirklichkeiten. Zugleich eröffnet dieses Gerüst Magz Barrawassers Inszenierung von Khemiris Szenenfolge über das Leben am ökonomischen Rand der westlichen Gesellschaften eine zweite, symbolische Dimension. Es ermöglicht dem Ensemble, fortwährend auf- und abzusteigen, ohne wirklich von der Stelle zu kommen. Der Traum vom Oben zerplatzt hier ganz schnell an der nicht sonderlich hohen (Bühnen-)Decke. Selbst so bescheidene Träume wie der von Andrej, der nach dem Abitur an der Abendschule einen Kurs über die "Grundlagen von Wirtschaft und Marketing" abgeschlossen hat und sich einfach nur einen gut bezahlten Bürojob wünscht, bleiben in der Wirklichkeit von Jobcentern und Firmen, die weit höhere Ansprüche stellen, unerfüllbar. Aber das will Andrej einfach nicht glauben. Also frisst der von Stefan Migge gespielte Arbeitssuchende mit jeder weiteren Bewerbung noch mehr Enttäuschung und Hass in sich hinein. Der innere Druck wird stärker und stärker, bis er schließlich in Peter, einem Obdachlosen, sein Ventil findet.

ungefaehr gleich 2 560 MatthiasJung uRunter immer, hoch geht's nimmer: Philipp Noack, Sven Seeburg und Henriette Hölzel (oben), Alexey Ekimov (auf dem Boden hockend), Melanie Lüninghöner (rechts stehend) © Matthias Jung

Barrawasser und Migge deuten den Gewaltausbruch zwar nur mit einem rot beschmierten Tempotuch und etwas Theaterblut an. Aber die Schläge sitzen auch so. Wer unten ist, wird immer nach jemandem suchen, der in der Rangordnung noch unter ihm steht und dann all seine Wut an ihm oder ihr auslassen. Das will Mani, ein Dozent für Wirtschaftsgeschichte, der auf eine Festanstellung im universitären Betrieb hofft und Vorlesungen über exzentrische Denker wie den niederländischen Kakaoproduzenten Casparus van Houten hält, nicht wahrhaben. Er glaubt tatsächlich, das System von Innen heraus erschüttern und verändern zu können, obwohl er selbst eigentlich nur von Abstiegsängsten geplagt wird. Wie Stefan Migges Andrej kann auch Philipp Noacks Mani seine Ängste und Aggressionen kaum im Zaum halten. Allerdings lebt er sie vor allem verbal aus, was neben Peter vor allem seine Lebensgefährtin Martina zu spüren bekommt.

Fünf Figuren suchen einen Ausweg

Als Tochter reicher Eltern hatte Martina eigentlich die besten Chancen. Doch die haben sich in Luft aufgelöst, weil sie sich in den falschen Mann, einen Phantasten, verliebt hat. Nun wohnt sie mit Mani und ihrer kleinen Tochter in einer viel zu engen Zweizimmerwohnung und jobbt schwarz in einem Kiosk. In ihren Phantasien sieht sie sich und ihre kleine Familie auf einem eigenen Bio-Bauernhof. Wenn Martina ihre romantisch-verklärten, alle realen Probleme ausblendenden Aussteigerpläne vom autarken Leben ausbreitet, ähnelt Henriette Hölzel tatsächlich männlichen Mitspielern. Ihre wenig realistischen Träume machen Khemiris Figuren trotz ihrer unterschiedlichen Wurzeln ungefähr gleich. Niemand will die Verhältnisse sehen, wie sie sind. Das ist das große Unglück, das Magz Barrawasser illusionslos in Szene setzt.

ungefaehr gleich 1 560 MatthiasJung uAbgeschlagen im Aufsteigerfeld: Andrej (Stefan Migge) und Mani (Philipp Noack); im Hintergrund: Melanie Lüninghöner, Sven Seeburg, Henriette Hölzel © Matthias Jung

Khemiris Stück, das fünf Leidensgeschichten mal kunstvoll, mal aber auch recht gewaltsam miteinander verknüpft, neigt zu Überzeichnungen und Klischees. Letztlich sind Andrej, Mani, Martina, der Obdachlose Peter, der als Bettler ein Verkäufer von Geschichten ist, die er individuell auf jeden Passanten anpasst, und die von Melanie Lüninghöner verkörperte Freja, die nach ihrer Kündigung alles daransetzt, ihren alten Job wiederzubekommen und im Plauderton von einem Mordversuch erzählt, nur vage umrissene Stellvertreter-Figuren, die leicht zu Karikaturen werden könnten. Dieser Gefahr entgehen Magz Barrawasser und ihr Ensemble, indem sie zum einen die dunklen Aspekte ihres Scheiterns betonen und zum anderen von Anfang an die größtmögliche Nähe zum Publikum suchen. Wenn Alexey Ekimovs Peter bettelt, spricht er gezielt Zuschauer an und versucht dabei, sich bestmöglich zu verkaufen. Selbst er, der vordergründig aus dem System ausgestiegen ist, handelt immer noch nach dessen Logik.

Es gibt kein Leben außerhalb des Kapitalismus, nicht einmal in der Kunst. Anhand von van Houtens Theorem stellt Mani eine Formel auf, nach der sich der Unterhaltungswert eines Theaterabends berechnen lässt, und kommt dabei schließlich zu der bitteren Einsicht, dass sich die Investition in Kunst für den Zuschauer niemals rechnen wird. Die Verwertungslogik kapitalistischer Systeme zersetzt am Ende alles. Aber genau in dieser ernüchternden Erkenntnis liegt der Mehrwert dieser Inszenierung. Magz Barrawasser schlägt Khemiris Angebot aus, das Stück als Farce zu betrachten und so einen möglichst hohen Unterhaltungswert zu schaffen. Sie setzt stattdessen auf den Erkenntnisgewinn, der entsteht, wenn man mit der banalen Amoralität der Verhältnisse konfrontiert wird. Martina mag von einem anderen Leben als Selbstversorgerin träumen, aber Henriette Hölzel blüht erst wirklich auf, als Martina sich entschließt, im Kiosk Geld zu unterschlagen. Schließlich hat sie sich, wie es eine Werbung verheißt, alles, was sie mit dem veruntreuten Geld kauft, verdient.

 

≈ [ungefähr gleich]
von Jonas Hassen Khemiri, Deutsch von Jana Hallberg
Regie: Magz Barrawasser; Bühne und Videographie: Friederike Külpmann; Kostüme: Rabea Stadthaus; Dramaturgie: Carola Hannusch; Licht: Christian Sierau; Ton und Video: Markus Hesse; Stuntkoordination: René Lay
Mit: Philipp Noack, Sven Seeburg, Alexey Ekimov, Stefan Migge, Henriette Hölzel, Melanie Lüninghöner, Kalle Spies
Premiere am 30. November 2018
Dauer: 2 Stunden 05 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

Kritikenrundschau

Martina Schümann schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (4.12.2018): In der sehenswerten lnszenierung von Magz Barrawasser werde der Kampf um einen "ökonomischen Aufstiegsplatz zum bewegenden Ensemblestück". Barrawasser und ihrem Ensemble gelinge es, aus Khemiris "eher grob angelegten Schablonen echte Menschen aus Fleisch und Wut zu formen". Das Stück zeige "mit Bedacht die Kehrseite des Kapitalismus". Und Barrawasser nehme diese Kritik "wohltuend ernst". Statt "grell zu überzeichnen", mache sie die "Wunden des Verteilungskampfs kenntlich".

Benjamin Trillling schreibt im Westfälischen Anzeiger (online 1.12.2018): Als Karikaturen präsentiere Barrawasser Khemiris Charaktere nur soweit, wie Leistungssubjekte in der neoliberalen Selbstvermarktungsgesellschaft bereits vorgezeichnet sind. Alles, auch die Kunst, unterliegt einer Verwertungslogik, das sei "eine Erkenntnis des Abends". Aber viel bitterer die andere Erkenntnis: Selbst der "Ausgestoßene der Gesellschaft betreibt Selbstvermarktung, um zu überleben".

 

 
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