Tot gelabert

von Alexander Jürgs

Mannheim, 1. Dezember 2018. "Ich bin kein Schamane", sagt die Scham. Das entspricht ziemlich genau dem Humorniveau des an Kalauern nicht armen Abends. "Findet uns das Glück?" heißt er, der Regisseur Stefan Otteni hat ihn, inspiriert vom seit Jahren abstrus erfolgreichen Coffeetablebook "Findet mich das Glück?" des Schweizer Künstlerduos Fischli und Weiss, gemeinsam mit den Schauspielern, auch bei einigen öffentlichen Proben, erarbeitet.

Päckchen tragen

Die große Bühne im Mannheimer Nationaltheater bleibt unbespielt, stattdessen gibt es einen langen Steg und vier im Zuschauerraum verteilte, an Boxringe erinnernde Pavillons. Das Publikum wird befragt, eingebunden, zum Mitmachen animiert. Die Darstellenden symbolisieren nicht bloß die Scham, sondern auch die Täuschung, das Tabu, den Tod, die Demokratie, den Kapitalismus und so weiter. Dazu tragen sie pastellfarbenen Plüsch, ein Ritterkostüm, Sackleinen oder Fell. Ein Laienchor hat sich unters Publikum gemischt. Ich bin nicht Stadttheater, schreit diese Inszenierung uns entgegen.

Glueck 1 560 HansJoergMichel uGlücksritter im Bühneneinsatz: Christoph Bornmüller in "Findet uns das Glück?" © Hans Jörg Michel

Es geht darin um wahnsinnig vieles. Es geht um die Päckchen, die jeder so zu tragen hat und die aus einer postgelben Kiste gefischt und im Publikum verteilt werden: Haarausfall, Computervirus, Arbeitslosigkeit und einiges Unheil mehr. Es geht darum, dass Glück ein goldenes Wort ist und nicht bloß ein "Nickel- oder Kupferwort", wie zum Beispiel "nutzbar machen" oder "Begebenheit". Es geht um Naturkatastrophen, Terrorismus und Armut. Um die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, um die Frage, ob Frauen, die menstruieren, nicht wie heilige Kühe verehrt werden müssten. Um Lügen, Mord, Flugzeugunglücke und Schwangerschaft. Es geht um alles – und deshalb um nichts.

Smalltalk am laufenden Band

Will die Demokratie etwas sagen, dann quatscht der Kapitalismus ihr dazwischen. Wendet sich die Scham an die Zuschauer, dann kratzt sie sich dabei zwischen den Beinen. Es wird geredet, geredet, geredet. Man wird von Wortspielen und Plattitüden förmlich erschlagen und weiß nie so recht, was davon ironisch gemeint sein soll und was nicht.

Glueck 2 560 HansJoergMichel uBegegnungen und Befragungen des Publikums: Nancy Mensah-Offei © Hans Jörg Michel

Nach der Pause wird die Inszenierung endgültig zum Mitmachtheater. Das Publikum wird zur Beichte aufgefordert – bei vorab garantierter Absolution durch die Theatergemeinde. Einer erzählt, wie er seinem Bruder Löcher ins Kondom stach, eine andere, wie sie die Nintendo-Konsole der ungeliebten Schwester in der Tiefkühltruhe verschwinden ließ. Die Zuschauer sollen sich mit ihnen Unbekannten zu Paaren zusammenzufinden: Sie sollen erraten, welche Eigenschaften und politischen Ansichten der jeweils andere hat. Dann wird ein Teil des Publikums auf die Pavillons gelockt, Stoffbahnen werden heruntergelassen. Was die Paare dahinter machen, erfährt man nicht. Immer diffuser und formloser erscheint der Abend, er verliert jeden Faden.

Chance vergeben

Ein Darsteller fordert schließlich die Zuschauer auf, davon zu berichten, wie der Glaube der Gesellschaft helfen könnte. Und wirkt überfordert davon, dass viele das mit erstaunlichem Ernst tun. Er fährt dazwischen, mimt den Zampano, quatscht das Ganze nieder. Zählt auf, dass sich 385 Gäste und acht Performer in diesem Raum aufhalten, dass es deshalb hier auch 393 unterschiedliche Meinungen gibt. So wird eine Chance vergeben: Denn wenn die Inszenierung bewirken wollte, dass Menschen zum Nachdenken oder gar in einen Dialog geraten, wird genau das im Keim erstickt, scheitert es nun endgültig. Am Ende fühlt man sich wie nach einem langem Abend voll Smalltalk und Partygesprächen: ermüdet und tot gelabert.

 

Findet uns das Glück?
von Stefan Otteni & Ensemble
Regie: Stefan Otteni, Bühne: Peter Scior, Kostüme: Ayse Özel, Licht: Wolfgang Schüle, Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer.
Mit: Sophie Arbeiter, Christoph Bornmüller, Johanna Eiworth, Robin Krakowski, Nancy Mensah-Offei, Patrick Schnicke, Maria Munkert, Stefan Otteni und den Sängerinnen und Sängern des Alphabet-Chors.
Premiere am 1. Dezember 2018
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Eine interaktive theatrale Versuchsanordnung, ein Mix aus Schau- und Gesellschaftsspiel, in dem sich Performer und Zuschauer mit den individuellen und kollektiven Aspekten des – glücklichen – Zusammenlebens auseinandersetzen", schreibt Martin Vögele im Mannheimer Morgen (3.12.2018). Der Abend sei Mitmachtheater, "aber überlässt freundlicherweise seinem Publikum die Entscheidung, wie stark es daran mitwirken will". Das Potenzial dieses Formats zeige sich in der fruchtbaren Dynamik, die zwischen den Zuschauern und dem (sehr guten) Ensemble entstehen könne. "Eine Dynamik, die bei der Premiere allerdings mit der Last allzu vieler verfolgter und darüber zerfasernder Themen- und Szenen-Ansätze zu kämpfen hat."

"Interaktives Theater, dass die Zuschauer nicht nur geistig, sondern sogar körperlich in Bewegung bringt", findet Annette Lennartz auf SWR 2 (3.12.2018). Die Besucher erlebten ein "Gruppenglücksgefühl".

Harald Raab schreibt in der Rhein-Neckar-Zeitung (4.12.2018) von dem "Mix aus Castingshow, gruppendynamischer Massenveranstaltung, sozioreligiöser Erweckungsbewegung und Volksbefragung, Aufklärung und Seelenbräu mit kollektiven Gefühlsrührungen", dem er beigewohnt hat. Man wisse nicht, wo "die Satire aufhört und wo Kitsch und Belehrung beginnen. Sing-out-Herz-Schmerz ist auch dabei." Ein starkes Stück sei es allemal, das "als Mitmachtheater" geboten werde. "Stark in der "Wirkung beim Publikum". Stark im "Mut zu einem Gewitter der Plattitüden". Aber warum glaube man am Theater noch an einen Mehrwert, "wenn das Publikum ins Geschehen genommen wird?" Und offenbar glaubten Regisseure und Schauspieler immer weniger an "die Kraft und die Magie des Theaters". Sie meinten, "Anleihen bei anderen Beglückungsorten und Diskursformen" nehmen zu müssen. So trügen sie zur "gefühlsgesteuerten Beliebigkeit" bei, die ein "Feind der Aufklärung" sei.

"Nur in einer Hinsicht kann man dieses Theaterexperiment als geglückt bezeichnen", so Nicole Sperk in der Rheinpfalz (3.12.2018): "Das Publikum ist offensichtlich mehrheitlich dankbar, wenn es seine passive Rolle aufgeben darf." Ansonsten: zu viel, banal, unfertig. "Die Premiere wirkte wie eine Probe, bei der unbedingt der Rotstift ausgepackt und radikal gestrichen und gekürzt werden sollte."

 
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